Funk, Literatur

08.17 | Das perfekte Buch…

…für den Moment, wenn dich das Normale überfordert.

„Du bist seltsam.“

Johanna hört das nicht zum ersten Mal. Manchmal findet Boris sie sogar „sehr seltsam“. Oder „wirklich richtig seltsam“. Wenn er das sagt, zieht er seine Augenbrauen hoch und guckt typisch Boris: spöttisch und erstaunt. Irgendwie mögen das alle an ihm, wenn er so guckt, selbst die, die ihn für einen arroganten Arsch halten.

Boris kann das: gleichzeitig beliebt und unbeliebt sein, also, bei den selben Leuten. Auch bei Johanna. Aber bei ihr ist es mehr als das. Johanna ist in Boris verliebt. So richtig.

Leider weiß sie nicht, ob er es weiß.

Sie sind sich schon mehrmal ganz nah gewesen. Im Zelturlaub beispielsweise. Nase an Nase, stundenlang, aber es ist nichts passiert. Und Johanna hat keinen Schimmer, warum nicht. Okay, er hat’ne Freundin, Ana-Clara, aber die ist weit weg, in Portugal, und weil Boris so gut wie nie von ihr erzählt, hat Johanna sie einfach vergessen. Außerdem nervt Ana-Clara, findet Johanna. Bei ihrem letzten Besuch in Deutschland hat Ana-Clara fast nie ein Wort gesagt und immer so ausdruckslos geguckt. Johanna hat versucht sie zu mögen.

Klappte aber nicht.

Und jetzt stehen sie und Boris in einem Keller auf einer Party von jemandem, den sie nicht kennen. Sebastian heißt der, oder Alexander. Es ist voll und heiß, und an der Anlage wollen zu viele Leute ihre Musik spielen. Um sich unterhalten zu können, müssen Boris und Johanna die Köpfe zusammenstecken, ihre verschwitzten Wangen aneinanderlegen. Sie spürt seinen Atem an ihrem Ohr, wenn er spricht. Sie genießt das, obwohl das Thema jetzt nicht gerade aufbauend ist. Boris redet über Selbstmord. Er findet den Begriff scheiße, weil man doch nicht gleichzeitig Mörder und Mordopfer sein kann, sagt er. Und so ein selbstbestimmter Freitod sei doch im Grunde okay.

Plötzlich fragt er Johanna, was dagegen spricht, sich das Leben zu nehmen. Also, außer, dass man vielleicht Angst davor hat. Und dann macht er sein Augenbrauengesicht, weil Johanna sagt, dass sie einen guten Grund kennt, weiterleben zu wollen…

Das Licht und die Geräusche, sagt Johanna, für die lohnt es sich.

Und genau so nennt Jan Schomburg seinen ersten Roman: „Das Licht und die Geräusche“. Bisher hat Schomburg Drehbücher geschrieben, und Regie geführt, bei „Ein Mord mit Aussicht“ beispielsweise.

In „Das Licht und die Geräusche“ geht es nicht nur um Johannas heimliche Liebe zu Boris, sondern auch um die anderen in ihrer Klasse. Um Leo. Der will nach den Sommerferien plötzlich Didi genannt werden, obwohl ihm das erstmal keiner abkauft. Leo sei doch tausendmal besser als Didi, sagen alle. Leo sieht das anders. Diesen Namen hat er von seinen Eltern bekommen. Und die konnten unmöglich wissen, was er selbst mal geil finden würde. Und Didi findet er richtig geil, also heißt er jetzt so. Stichwort: Selbstbestimmung. Punkt.

Und da sind Timo und Marcel. Mit Timo will keiner was zu tun haben. Als läge ein Fluch auf ihm. Der steht da in seinem grünen Anorak auf dem Schulhof und weiß nicht wohin. Manchmal tut er Johanna leid. Sie weiß, wie scheiße es ist, alleine rumzustehen. Aber wenn sich Timo möglichst beiläufig zu einer Gruppe von MitschülerInnen gesellt, passiert immer das gleiche: der Kreis schließt sich langsam – und Timo aus. Und weil sich keiner für Timo interessiert, kriegt auch keiner mit, was da zwischen ihm und Marcel passiert. Das fliegt erst auf der Klassenfahrt nach Barcelona auf, also, die „Beziehung“ zwischen den beiden Jungs. Dass Timo alles macht, was Marcel anordnet. Auf dem Boden schlafen, nur auf’s Klo gehen oder reden, wenn Marcel ihm das erlaubt hat.

Sowas.

Johanna wüsste gern, wie das alles zusammenhängt, warum wer was macht, die Leute in ihrer Klasse, Boris, Ana-Clara, ihre Eltern, ihr Bruder Matthis. Selbst das Verhalten mancher Lehrer an ihrer Schule irritiert sie. Echt voll komisch dieses Erwachsenwerden. Manches lässt sich einfach nicht erklären…

So richtig unlogisch wird es, als Johanna Boris’ Vater im Supermarkt begegnet. Sie angelt gerade eine Packung Spinat aus dem Tiefkühlregal, als sie ihn durch die beschlagene Scheibe auf sich zukommen sieht. Er wirkt überrascht. Und dann sagt er, dass sie doch eigentlich mit Boris in Dänemark sein sollte, auf einer Fahrradtour. Und als sie zuhause ankommt, drückt ihr ihre Mutter einen Brief in die Hand, mit Boris’ Schrift drauf, aus Island. Boris schreibt, dass da kein Licht mehr sei, und auch keine Geräusche, und dass er ihr sein Klapprad vermacht.

Johanna weiß alles – und nichts. Das hier ist’n Abschiedsbrief.

Anhören:

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„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg, dtv, 255 S., gebundene Ausgabe: 20,00 EUR, eBook: 15,99 EUR, Hörbuch (ungekürzte Lesung mit Maria Schrader): 19,99 EUR, VÖ: März 2017

 

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