Island, Literatur

Ég heiti Lydia.

Und so machst du dir Freunde im nordeuropäischen Inselausland: grinse ungehalten schief, offenbare auf feinstem Schulenglisch mit viel zu vielen Worten dein Anliegen, atme nur, wenn es absolut notwendig ist, rudere dabei kräftig mit den Armen, gern auch mit den Fingern, also, so einzeln, lass‘ es dir nicht nehmen, erklärend ein paar Worte mit einem geliehenen Stiftstummel auf ein herausgerissenes Stück Notizbuch zu kritzeln, während dein Grinsen hin und wieder zu einem irren Lachen aufkocht – und sage dann in der Landessprache wie du heißt.

 

»Jäch häitie Lydia.«

 

Vor 10 Tagen kam ich aus Island zurück, nach 10 Tagen Inselumrundung im Mietwagen. Es war mein vierter Besuch dieses Landes, und bislang auch der längste. Ich habe noch nicht darüber geschrieben, weil ich mir beim Einschlafen vorstelle, ich wäre noch immer dort. Und sobald ich davon berichte, war es. Eine erste Geschichte will ich dennoch jetzt erzählen. Es geht darin um Bücher. Und um Finnur.

 

Blick von einem öffentlichen Platz in Akureyri (Island)

Blick von einem öffentlichen Platz in Akureyri (Island)

 

Akureyri ist Islands viertgrößte Stadt, und die größte im Norden der Insel. Und nach dem, was ich im Internet und in Reiseführern gelesen habe, ist Akureyri auch eine verdammt coole Stadt, dank bemerkenswerter Musikszene usw.. Knapp 18.000 Menschen leben dort, am Wasser und mit Bergen drumrum. Als ich dort ankam, hing die Sonne satt und unverhüllt am blauen Himmel, bei 12 Grad. Ist das zu fassen? Ich war sofort hin und weg. Kein Haus passt zu dem daneben, in den Fenstern steht bunter Krempel, die Bushaltestellenschilder hängen in Zwergenaugenhöhe, überall kreisen schwarzköpfige Möven, der Wind weht kräftig, die Luft ist rein und die Weite nah. Oh, Island. In dieser schönen Stadt nur einen knappen Tag und eine Nacht verbringen zu können, stimmte mich traurig, bevor ich überhaupt etwas gesehen hatte. Das änderte sich.

 

»Something with Maria.«

 

Unterhalb der Akureyrarkirkja (Kirche von Akureyri, entworfen von Guðjón Samúelsson) entdeckten meine beiden Reisebegleiter und ich einen Laden namens Fróði – Fornbókabúð (Buchhandlung für uralte Bücher), „second hand books“ wurden angepriesen, die Freude war groß, aber auch die Ernüchterung beim Betreten des Ladens: viele bunte Bücher, und alle in einer Sprache, die ich nicht spreche. Immerhin kann ich sie lesen und vorlesen. Und mein Wortschatz wächst. Orka heißt Energie, fita heißt Fett, sykur heißt Zucker. Nur: mit Lebensmittelinhaltsangaben lassen sich keine Romane lesen. Und mit dem erlernten Wortschatz eines Volkshochschulkurses leider auch nicht.

Ich schlich also wie eine Besessene durch den kleinen Laden, buchstabierte flüsternd Buchtitel, entdeckte mir bekannte Autorennamen, grinste selbstverständlich ununterbrochen. Und dann kam sie, die Erleuchtung! Im Herbst des vergangenen Jahres hatte ich in Reykjavík den isländischen Schriftsteller Bjarni Bjarnason interviewt. Einer seiner Romane war erstmals ins Deutsche übersetzt und veröffentlich worden. „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ (Verlag Tropen) ist grandios. Aufregend, irrsinnig, geistreich. Die Buchbesprechung reiche ich nach.

 

"Die Rückkehr der Jungfrau Maria" und mein Interviewmanuskript

„Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ (das Cover ziert ein Bild von Norbert Bisky) und mein Interviewmanuskript

 

Nichts besäße ich lieber, als ein Original des Romans. Und mir war klar: finden würde ich das am ehesten in einem Antiquariat. In Island erschien das Buch nämlich schon 1996, vor 17 Jahren. Abgebrannt und von der Gesellschaft isoliert sei er damals gewesen, hatte mir Bjarni erzählt. Es ist sein zweites Buch. Ich musste es haben. Ich ging zum Buchhändler – und legte los. Ich sagte ziemlich viel ziemlich schnell und malte Fragezeichen, in die Luft und auf die Stirn des doll bebauchten Mannes. „My English is not so good.“ sagte dieser lächelnd. Ich solle es aufschreiben. Aber was nur? Also schrieb ich Bjarni Bjarnason und Something with Maria. Super, Lydia. Doch dann hatte er die Erleuchtung. Er habe das Buch zuhause, 5 Minuten vom Laden entfernt. Ich sprudelte über. Jaja, ob er es verkaufen würde, und wie wir das denn machen könnten. Erst schlug er einen Tausch Buch gegen Geld an der Hotelrezeption vor. Die Idee war gut, aber wir waren beide überfordert von der Planung, die sie mit sich brachte. Und dann beschloss er kurzerhand, den Laden zu schließen, damit wir das Buch holen konnten.

Vor der Tür überraschte ich ihn mit meinen Freunden, er zuckte mit keiner Wimper und ließ auch sie in sein Auto steigen. Nunja, Auto ist ein falscher Begriff für das, was da auf dem Parkplatz stand. Nennen wir es Raumschiff. Die Isländer lieben ihre Autos.

 

Ich liebe die Isländer.

 

5 Minuten später standen wir in einem Garagenkomplex vor Tor 15. Der Buchhändler hatte sich uns inzwischen als Finnur vorgestellt, das spricht sich Finnür, das R kehlig gerollt. Hinter dem Tor offenbarte sich ein Bücherreich der beeindruckensten Sorte, bis zur Decke gingen die Regale. Und dazwischen: Wohnzimmermöbel, Kleidungsstücke, Taschen. Ich ging nicht weiter, es wirkte sehr privat – und bewohnt. Ich weiß es nicht, ich vermute es nur: Finnur lebt dort, vielleicht seit 2008. Ich traute mich nicht, ihn danach zu fragen. Und dann gab er mir Endurkoma Maríu (Marias Comeback), rot, außen abgewetzt, innen wie neu. Ich gab ihm 3000 ISK (ca. 18 EUR), 1000 mehr, als vereinbart. Ich war großzügig. Und Finnur revangierte sich. Er verschwand ein zweites Mal in den Tiefen der Garage. Als er zurück kam, lachte er breit und gab mir ein weiteres Buch von Bjarni, sein Bestes, so Finnur. Auf der Rückfahrt machte ich ihm die Freude und las ihm daraus vor. Oh, nein, geschämt habe ich mich nicht. Hat er sich schließlich auch nicht, als er mir die Heldin seines EX LIBRIS-Aufklebers zeigte: eine barbusige Räkelliese.

 

EX LIBRIS oben ohne.

EX LIBRIS „oben ohne“

"Endurkoma Maríu" (1996) und "Borgin bak við orðin" (1998) von Bjarni Bjarnason

„Endurkoma Maríu“ (1996) und „Borgin bak við orðin“ (1998) von Bjarni Bjarnason

Schöne Sprache, schwere Sprache: Isländisch

Schöne Sprache, schwere Sprache: Isländisch

 

“Die Rückkehr der Jungfrau Maria” von Bjarni Bjarnason
172 Seiten, 17,95 EUR, Tropen

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