Literatur, Menschen

Hamse Jummikleber?

Vier Antiquariate habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen in meinem Viertel entdeckt. Ich bin sie abgelaufen. Ich habe sie durchstöbert – Selbstgespräche führend, schniefend, selig. Die Läden sind sehr unterschiedlich, von unzumutbar schrullig bis sisalteppichnett. Am sympathischsten ist mir der Laden, in dem ein dünner Mann rauchend zwischen schwankenden Büchertürmen hockt und einen Rechner bedient, der klingt, als würde ein Kassettenlaufwerk rödeln, oder ein uraltes Faxgerät. Der Mann trägt einen weißen Bart, der zwischen Nase und Oberlippe gelb ist. Als ich den Laden betrat, unterhielten sich zwei Männer über Negierung – und über Marx.

 

»Das braucht seine Zeit.«

 

In jedem Buch steckt ein kleiner Zettel, auf dem in sehr kleiner Schrift Unlesbares geschrieben steht. Buchhändlergeheimsprache. Die Regale sind kaum zu erkennen. Die befinden sich irgendwo hinten, zwischen den Zimmerwänden und den Büchern. Ich müsse die Enge entschuldigen, sagte der Bärtige zu mir, als er mich dabei beobachtete, wie ich vorsichtig meinen Rucksack abstellte. Ich erwiderte lachend, dass ich in der Unordnung manchmal mehr finden würde, als in der Ordnung, da ich gezwungen sei, nach rechts und links zu sehen. Ich meinte das ganz aufrichtig. Er lachte auch, aber verhaltener – und grummelte dann: „Das ist schon geordnet. Das sieht nur so aus. Das braucht seine Zeit.“

Vielleicht schenken sie ihm auch deswegen die vielen Esel, weil er seine Zeit braucht. Im ganzen Geschäft befinden sich unzählige, staubige, teils erblasste Esel, aus Plüsch, Plastik, Holz. Natürlich fragte ich. Der Alte verschwand hustend hinter einem Bücherstapel und kramte ein dreieckiges Warnschild heraus, auf dem ein Esel zu sehen ist, der Bücher auf dem Rücken trägt. Das Schild habe er irgendwann einmal gefunden und es jahrelang auf dem Flohmarkt vor seinem Stand aufgestellt. Und so habe er sich damals gefühlt, wie ein Packesel. Das sei schlimm gewesen, jedes Wochenende mit den Bücherkisten aus dem zweiten Stock runter auf die Straße. Ich nickte und wollte gar nicht mehr gehen. Aber der Bücheresel läuft mir nicht weg.

 

Eisenbahnen, Irving, Jesus.

 

In jedem der vier Läden suchte ich nach Anaïs Nin. In drei von ihnen wurde ich fündig, nur nicht in der ehemaligen christlichen Buchhandlung. Dieser Laden ist eine Katastrophe. Auf den alten Flyern droht der Spruch: BÜCHER FÜRS LEBEN. Der neue Besitzer hat mit schrulliger Männerschrift darunter geschrieben: …und für danach! Er heißt Klaus. Und Klaus weiß nicht so genau, was er in seinem Laden zu stehen hat, alles durcheinander, Eisenbahnen, Irving, Jesus, in hässlich beschrifteten Regalen, lieblos, verstaubt; perfekt für’s Jenseits. Ich stürzte mich trotzdem in das muffige Elend. Wer weiß, vielleicht war da ein Schatz verborgen.

Während ich also kramte, tippelte eine Dame mit Hackenporsche in den Laden. Ich sah sie nur kurz, ich hörte sie deutlich. Sie ächzte und zeterte. Augenscheinlich kannten sich die beiden. Sie fragte ihn, ob er etwas von Agatha Christie habe, oder von den Comedian Harmonists. Er verneinte beide Male. Sie fragte ihn, ob er Gummikleber für ihre Gartenhandschuhe habe. Er verneinte wieder. Irgendwann ging sie und wünschte ein schönes Wochenende, am Mittwochnachmittag. Der Buchhändler gab sich entrüstet. Daraufhin sie: „Für mich schon. Ich komme diese Woche nicht nochmal, ich war ja schon bei LIDL.“. Ich kaufte ein Kinderbuch für 3 EUR. Wegen der Illustrationen.

 

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„Das kluge Kätzchen und viele andere Tiergeschichten zum Vorlesen“ (Neuer Tessloff Verlag – Hamburg, 1973)

Vladimir Nabokov: „Gelächter im Dunkel“ (rororo, Taschenbuchausgabe, 1968, 147 S., veröffl.: 1932)

Vladimir Nabokov: „Lolita“ (suhrkamp taschenbuch, 2002, 527 S., veröffl.: 1955)

James Joyce: „Ulysses“ (edition suhrkamp, übersetzt von Hans Wollschläger, 1981, 1015 S., veröffl.: 1922)

D.H. Lawrence: „Erotische Geschichten“ (insel taschenbuch, 1992, 298 S.)

Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1914-1919“ (nymphenburger, 1981, veröffl.: 1978)

Anaïs Nin: „Die Tagebücher der Anaïs Nin 1931-1934“ (nymphenburger, 1979, veröffl.: 1966)

Anaïs Nin: „Die Tagebücher der Anaïs Nin 1 – 4“ (dtv, 1971-1986, veröffl.: 1966, 1967, 1969, 1971)

Anaïs Nin: „Ein Spion im Haus der Liebe“ (dtv, 1984, 126 S., veröffl.: 1954)

Anaïs Nin: „Leitern ins Feuer“ (dtv, 1991, 142 S., veröffl.: 1959)

Anaïs Nin: „Die neue Empfindsamkeit. Über Mann und Frau“ (Fischer Tb., 1982, 156 S., veröffl.: 1966)

Jean-Paul Sartre: „Tagebücher. November 1939 bis März 1940“ (Aufbau-Verlag, 1987, 531 S., veröffl.: 1983)

Jean-Paul Sartre: „Situationen. Reden, Aufsätze, Interviews zur Literatur“ (Gustav Kiepenheuer Verlag, 1982)

 

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