06. Sept. 2012

NACHTRAG: Ich habe mich erstmals im Netztexten für den rbb versucht – anlässlich des ILB 2012. Ungewohnte Länge, strenge Abnahme, geliebtes Format. TEXT.

Der Link zum Text auf rbb-online.de ist inzwischen nicht mehr aktiv, deshalb hier mein Text im Blog:

EUROPE NOW – Internationales Literaturfestival Berlin 2012

ein Text von Lydia Herms | 30. Aug. 2012

Das ILB 2012 ist nicht einfach nur ein Fest für Autoren, die gut vorlesen, und Leser, die gut zuhören – es ist ein Treffen der großen und kleinen Literaten aus aller Welt, ein Event, bei dem es um Kunst, Politik und andere Leidenschaften geht. Und natürlich um’s Erzählen. Am 04. Sept. ist es endlich wieder soweit.

Zuerst die Zahlen: An 12 Tagen werden 186 Autoren aus 56 Ländern während 126 Veranstaltungen sich und ihre Bücher dem Berliner Publikum vorstellen. Jetzt die Idee: „Europe Now“ ist das Kernthema, der Fokus, auf den sich alles konzentriert, der als „literarischer Rettungsschirm“ verstanden werden darf. Was ist Europa, was passiert in Europa und wie sehen Literaten und Künstler auf anderen Kontinenten dieses Europa? Klingt politisch; das ist gewollt.

„Wir sind ein politisches Festival. Jeder Besucher entscheidet für sich, wie politisch.“ (Ulrich Schreiber, ILB, Festivalleiter)

Bereicherungen

Eine Benefizveranstaltung für die in Russland verurteilten und inhaftierten Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot (08.09.2012, 19:30 Uhr) machen das Literaturfestival ebenso politisch, wie das Gespräch zwischen dem US-amerikanischen Soziologen Richard Sennet und dem deutschen Philosophen Richard David Precht darüber, „was unsere Gesellschaft zusammenhält“ (11.09.2012, 21:00 Uhr).

„Europe Now heisst: zu verstehen, dass es in Europa immer mindestens 27 verschiedene Standpunkte gibt – und alle gleich ernst zu nehmen und als Bereicherung zu empfinden. Europa ist ein Prozess, eine Erfahrung. Und die wird immer reicher und immer wichtiger.“ (Thomas Böhm, ILB, Programmleiter)

Grenzüberschreitungen

Reich an Erfahrung sind sie, die Macher des ILB. Für Festivalleiter Ulrich Schreiber ist es das 12., für Programmleiter Thomas Böhm das erste. In Köln arbeitete der jahrelang für das ansässige Literaturhaus. Gemeinsam mit dem Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, mit dem Leiter des Kinder- und Jugendprogramms, Christoph Peter und einem fachkundigen Team, entstand ein Programm, das vor allem die bislang unerhörten Geschichten hörbar machen, die gewachsenen Grenzen zwischen Religionen, Kulturen und Wahrnehmungen verständlich und überwindbar machen sollen.

„Festivals, und ein Festival wie das Internationale Literaturfestival insbesondere, sind sehr gute Möglichkeiten solche Grenzüberschreitungen zu verstehen und zu erfahren. Vielleicht gibt es, im gelungenen Fall, keine Grenzen?“ (Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele)

Hochkarätiger Start

Am 4. Sept. um 18:00 Uhr wird das Internationale Literaturfestival Berlin 2012 offiziell mit einer Rede des chinesischen Dichters und Dissidenten Liao Yiwu zum Thema „Geschichte – Exil – Kunst“ im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. Liao Yiwu gelang erstmals 2010 und mit Hilfe des ILB die Ausreise nach Deutschland, zu einer Lesung in Berlin. Der Chinese widmet seine Rede dem 17. Gyalwa Karmapa, dem dritthöchsten Würdenträger des buddhistischen Lamaismus nach dem Dalai Lama und dem Panchem Lama.

Gleich im Anschluss liest Regie-Koryphäe Robert Wilson aus seiner Oper „Einstein On The Beach“, die in Zusammenarbeit mit Philipp Glass entstand, und erstmals 1976 in Avignon aufgeführt worden war. In Berlin war „Einstein On The Beach“ zuletzt 2005 zu erleben, im Januar 2013 wird das ungewöhnliche Stück in Amsterdam aufgeführt. Die Frage, wie Wilson aus einer Minimal-Pop-Oper – geschrieben für Geige, Chor, Synthesizer und Blasinstrumente – rezitieren wird, macht gewaltig neugierig.

Weitere Publikumsmagneten während des Festivals sind Nobelpreisträgerin Hertha Müller (06.09., 19:30 Uhr), die erstmals ihre dritte Sammlung von Gedichtcollagen unter der Überschrift „Vater telefoniert mit den Fliegen“ präsentiert; John Green, der aus seinem neuen, weltweit viel gelobten und sehr verstörenden Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ vorlesen wird (11.09., 9:00 und 19:30 Uhr); außerdem Georg Seeßlen mit Markus Metz (05.09., 19:00 Uhr), David Mitchell (10.09., 21:00 Uhr) und Zeruya Shalev (14.09., 21:00 Uhr).

Jemand Unbekanntes

Solange es noch etwas zu entdecken gibt, kann keine Langeweile aufkommen. Dies gilt auch für das Internationale Literaturfestival Berlin. Unbedingt empfehlenswert: Abdol Khal. Seinen ersten Roman schrieb er mit 17 Jahren. Heute, 43 Jahre später, kann er stolz auf mehrere Romane, Erzählbände und die Auszeichnung mit dem International Prize for Arabic Fiction für seinen Roman „Tarmi bi Sharar“ (2007; übersetzt: „Funken sprühen so groß wie Schlösser“) blicken. Und das, obwohl einige seiner Bücher in Saudi-Arabien wegen „unmoralischer Themen“ verboten sind. Bislang erschien keines seiner Bücher auf Deutsch. Vielleicht wird sich das ändern, wenn er hierzulande „Spewing Sparks As Big As Castles“ vorgestellt hat, die Geschichte eines Auftragsmörders in Diensten eines mysteriösen und sadistischen Palastbesitzers, der sich an den gefilmten Aufnahmen der gequälten Besucher seines Hauses erfreut. (12.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Eigentlich ist Ma Thida aus Myanmar (ehemals Burma bzw. Birma) Chirurgin, doch ihre große Leidenschaft neben der Medizin ist das Schreiben. Ihr sowohl medizinisches, als auch schriftstellerisches Engagement für die Demokratiebewegung in ihrer Heimat führten 1993 zur Festnahme, Verurteilung und Inhaftierung. Seit ihrer Freilassung im Jahr 1999 reist sie um die Welt, nimmt an Schriftstellerprogrammen, Podiumsdiskussionen und Literaturfestivals teil. Während des ILB stellt sie ihren aktuellen Roman „The Roadmap“ vor, für den sie 2011 mit dem Norwegischen „Freedom of Speech Award“ geehrt wurde. Das Buch beschreibt die Veränderungen in Myanmar anhand einer Familiengeschichte über zwei Jahrzehnte hinweg. (15.09., 15:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Es ist ein Thriller, eine Liebesgeschichte und eine politische Satire, die Antonio Ungar in seinem Roman „Drei weiße Särge“ erzählt. Der Kolumbianer zählt zu den aufregendsten Autoren zeitgenössischer Literatur seines Landes. Ungar hat europäische Wurzeln. Seine jüdischen Großeltern stammen aus Wien in Österreich. Als Journalist schreibt er für internationale Magazine. Seine erste schriftstellerische Publikation hatte er bereits im Jahr 1999. (14.09., 19:30 Uhr, Instituto Cervantes)

Schmerztherapie

Manchmal muss es weh tun, damit etwas gespürt wird. Und manchmal muss es fiktiv sein, damit es geglaubt wird. Das Internationale Literaturfestival Berlin sieht sich auch als Festival des Widerstands und Kampfes. Die Scheuklappen werden abgelegt. Amir Hassan Cheheltan beschreibt das nackte Grauen. In seinem Roman „Teheran, Stadt ohne Himmel“ lässt er den Direktor eines Foltergefängnisses für politisch Gefangene mal Mensch, mal Monster sein. Dieses Werk erschien bisher nur in Deutschland unzensiert. (06.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Auch Raj Kamal Jhas Roman „Die durchs Feuer gehen“ lässt den Mund trocken werden, die Nasenflügel beben und das Herz schneller schlagen. Ist es wirklich so gewesen? Geburt und Tod liegen im Buch des Inders eng beieinander. Während Mr. Jay auf die Geburt seines Kindes wartet, versinkt die indische Stadt Ahmedabad in einem religiösen Krieg, an dessen Ende der Feuertod Tausender Muslime und Hindus steht. „Die durchs Feuer gehen“ ist Kamal Jhas dritter Roman. Der Schriftsteller und Journalist ist derzeit Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. (07.09., 19:30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Liebesgeschichten

Neben den politischen und umstrittenen Themen, offenbart das Literaturfestival auch Raum für die ganz großen Angelegenheiten des Lebens wie Leidenschaft und Liebe. Damit hat es auch bei Marie Pohl angefangen. So eine Liebe brachte sie nach Kuba. Die Liebe zerbrach. Doch Marie blieb mutig. Sie folgte einem kubanischen Rasta in dessen Wellblechhütte, wischte geheimnisvolles Blut von Badezimmerkacheln in Irland und aß die unreifen Früchte aus einem Opfergabenkorb auf Bali. Sie tat dies nicht aus purem Leichtsinn, sondern in der Hoffnung, endlich einen echten Geist zu Gesicht zu bekommen. „Geisterreise“ heißt Maries ungewöhnlicher und leidenschaftlicher Reisebericht. (12.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Mit viel Leidenschaft beschreibt auch Priya Basil die unmögliche Liebe zwischen Lina und Anil. Lina widersetzt sich dem Willen ihres Vaters, einem streng gläubigen Moslem, und folgt ihrer Liebe nach Afrika. Doch dort wird es nur noch komplizierter. Während des ILB wird Priya Basil nicht nur ihren Roman „Die Logik des Herzens“ vorstellen, sie fungiert auch als Moderatorin. (16.09., 11:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

A wie Anfänger

Ein Debüt ist immer etwas Besonderes. Es ist eine neue Geschichte mit neuer Stimme und Seele. Manche Debüts platzieren sich ruhig und unauffällig in den Herzen der Leser und Kritiker, andere schlagen ein wie Meteoriten, hinterlassen Krater und wüste Hoffnungen. Auf dem ILB sind beide Erscheinungsformen erlebbar. Das Treffen junger Autoren, kurz „tja“ dient den Berliner Festspielen seit 25 Jahren als Suchmaschine für den literarischen Nachwuchs. In Workshops arbeiten die Teilnehmer des tja an ihren Texten, tauschen sich in offener Atmosphäre mit Schreibprofis aus und präsentieren ihre Texte dem interessierten Publikum. Diesmal dabei: Khesrau Behroz, Clara Ehrenwerth, Stefan Hochgesand, Jule Sonnentag und Lena Stange. (07.09., 19:00 Uhr, Institut Français)

Was haben ein ungeklärter Mord im Jahr 2008 und ein Autowrack, das seit 75 Jahren auf dem Grund des Lago Maggiore liegt, miteinander zu tun? Der Leser taucht ab, „Bugatti taucht auf“, so der Titel des Romandebüts von Dea Loher. Sie schrieb bereits mehrere, teils prämierte Theaterstücke und einen Erzählband. Sie lebt in Berlin. (12.09., 19:00 Uhr, Institut Français)

Ist es gut für ein Debüt, wenn sich die Kritiker weltweit nicht einig darüber sind, ob sie es zum Meisterwerk erklären oder als literarische Blamage abtun sollen? Chad Harbach muss das nicht stören, sein Roman ist anders als die anderen Romane – und erfolgreich. „Die Kunst des Feldspiels“ erzählt vom Können und vom Versagen. Jonathan Franzen ist begeistert, „Debütromane von solcher Vollkommenheit und Sogkraft sind sehr, sehr selten.“. (13.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Kunstzonen

Literatur kann viel. Manche würden sogar so weit gehen und behaupten, Literatur sei Kunst. Ob das so ist und wie es dann ist, wenn es so ist, entscheidet allein der Betrachter für sich. Und natürlich ist es Kunst, wenn Gerhard Falkner, inspiriert durch den Pergamon-Altar auf der Berliner Museumsinsel, „Pergamon Poems“ schreibt und diese dann von Constantin Lieb und Felix von Boehm mit Schauspielern der Berliner Schaubühne verfilmt werden. Oder nicht? „Götterkino“ heißt das Ergebnis. (04.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Einen ganzen Tag lang widmet sich das ILB der bebilderten Erzählung, am sogenannten „Graphic Novel Day“ – zu Gast sind die Autoren, Illustratoren und Künstler Anna Sailamaa, Igort, Veronica Solomon, u.a.. (08.09., 10:00 bis 18:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Kunst und Religion, das ist eine komplizierte Angelegenheit, wie erst kürzlich und nicht zuletzt der Prozess gegen Mitglieder der russischen Punk-Band Pussy Riot verdeutlichte. Kein Grund, es nicht wieder zu wagen. Valère Novarina und Leopold von Verschuer lesen und besprechen 311 Definitionen Gottes – und versuchen sich dabei an der Unbegreiflichkeit des Herrn. (09.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Rabauken-Reime und Orangentage

27 Autoren und Illustratoren präsentiert das diesjährige Kinder- und Jugendprogramm des Internationalen Literaturfestivals Berlin, so viele wie nie zuvor. Sie kommen aus Neuseeland, Polen, Schweden und Simbabwe. Ihre Arbeiten sind komisch, traurig, auch provokant. Manche sind berühmt wie Janne Teller aus Dänemark, andere unbekannt wie Maria Papayanni aus Griechenland. Finn-Ole Heinrich kennt man schon, der kann ganz viel. Er kann Erzählungen und Romane für Erwachsene schreiben, Lieder texten, Hörbücher produzieren, Gedichte dichten – und Geschichten für Kinder erzählen. Sein viel gelobtes Kinderbuch „Frerk, du Zwerg!“ hat er für ein gleichnamiges Bühnenstück umgeschrieben, das während des ILB Premiere feiert. Es gibt Musik, Puppen und ein Geheimnis. (03.09., 10:45 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

2012 gewann das von Andrea Steffen bezaubernd illustrierte Buch „Rabauken-Reime“ von Gerald Jatzek den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, wurde zum schönsten Kinderbuch Österreichs gewählt und wird außerdem von der Stiftung Lesen
empfohlen. Auf dem ILB gibt Jatzek eine Kostprobe seiner wilden Reimerei. Freuen Sie sich in jedem Fall auf den „Schokolöwen“. (07.09., 18:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)
Der 14 Jahre alte Darek hat es nicht leicht. Seine Mutter ist tot, seine Schwester behindert und sein Vater betrunken. Als Darek Hanka kennenlernt, schöpft er Hoffnung. Hanka riecht nach Orangen. Jetzt könnte alles für immer gut werden. Doch, so einfach ist das Leben selten. „Orangentage“ von der tschechisch-deutschen Autorin Iva Procházková wurde mit dem Kinderbuchpreis LUCHS 2012 ausgezeichnet. (14.09., 12:30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Das vollständige Programm des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2012, das Programm der Internationalen Kinder- und Jugendliteratur, sowie alle Autoren- und Künstlerbiografien finden Sie auf http://www.literaturfestival.de.