Literatur, Menschen

Oh, Anaïs.

Ich wollte fleißig sein. „Heimschwimmen“ von Deborah Levy wartet, wie auch „Katzenberge“ von Sabrina Janesch, als Hörbuch. Ich wollte etwas Vernünftiges essen. Außerdem Katzenfutter kaufen, danach das Bad wischen, nebenbei die Waschmaschine anschmeißen – und mehr trinken. Wasser oder Tee. Ich wollte meine Krankenkasse anrufen. Und meine Freundin in Lübeck. Ich wollte das Päckchen für eine andere Freundin in Halle schnüren und zur Post bringen. Ich hatte einen Plan.

 

Stattdessen sitze ich Pfefferminzstäbchen essend, dehydriert, aber elektrisiert an meinem Schreibtisch und lese in den Tagebüchern von Anaïs Nin, seit Stunden schon. Nach einem Reportagestreifzug heute Vormittag durch die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg, landete ich in einem Antiquariat. Ich kann diesen schlecht eingerichteten, irgendwie immer braun und blassblau erscheinenden Läden einfach nicht widerstehen. Sie locken mit Kisten vor den Schaufenstern und mit Regalen bis zu den Decken. Überall Bücher. Und es riecht so gut: nach alten Schulkarten im Geografie-Raum. Und nach Pullover.

 

Oh, Anaïs.

 

„Das Delta der Venus“, die erotischen Erzählungen, kenne ich und lese ich gerade wieder auf dem eReader in der U-Bahn. Das beißt sich. Auch weiß ich von der Beziehung mit Henry Miller. Und dass Anaïs Nin Krebs hatte, woran sie starb. Ich weiß, dass sie viel schrieb, und dass sie ein Vorbild sein kann, als Frau und als Mensch. Doch das hätte ich bis vor wenigen Stunden nur gedacht, nie gesagt, denn das wäre vornehmlich nachgeplappert und dahingesagt. Ich weiß nicht viel. Vielleicht will ich sie zum Vorbild haben – und fragte im Laden deswegen gezielt nach Büchern von ihr. Ein Herr kletterte auf eine Leiter – und reichte mir drei.

 

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„Ich bin unglücklich und glücklich.“ (Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1919-1920“, Nymphenburger Verlagshandlung, 1981, S. 7, Freitag, 13. Juni 1919)

 

Ich besitze jetzt also die Bände 1919-1920, 1939-1944 und 1947-1955. Mir fehlen noch fünf weitere. Anaïs Nin lebte von 1903 bis 1977. Ich kann nicht sagen, ob die von einem gewissen Dieter Wunderlich aufgeführte Kurzbiografie von Anaïs Nin vollständig und richtig ist, so ist sie doch eindeutig beeindruckend. Die Tagebucheinträge, die ich im Augenblick lese, schrieb Anaïs mit 16 Jahren. Ich war 13, vielleicht 14, als ich versuchte, ein Tagebuch zu führen. Ich fühlte mich noch vergessener dabei – und wechselte zum Schreiben von Briefen. Das kann ich.

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