Literatur, Textstelle

Ich und Kaminski.

[…] In einem Restaurant am Hauptplatz bekam ich einen miserablen Thunfischsalat. Um mich saßen Urlauber, Kinder krähten, Väter blätterten in Landkarten, Mütter stachen Gabeln in riesige Kuchenportionen. Die Kellnerin war jung und nicht hässlich, ich rief nach ihr: Zuviel Öl im Salat, sie solle ihn wieder mitnehmen! Das wolle sie gern tun, sagte sie, aber bezahlen müsse ich trotzdem. Ich hätte aber, sagte ich, fast nichts davon gegessen. Das sei meine Sache, sagte sie. Ich verlangte nach dem Geschäftsführer. Sie sagte, der würde erst am Abend kommen, ich könne aber warten. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte, sagte ich und zwinkerte ihr zu. Ich aß den Salat auf, doch als ich bezahlen wollte, kam nicht sie, sondern ein breitschultriger Kollege. Ich gab kein Trinkgeld. […]

Sebastian Zöllner in „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann (Suhrkamp) – ein Geschenk, als unerwartete Buchpost lag es in meinem Briefkasten, versehen mit einer kurzen, aber liebevollen Widmung. Mein Dank ist groß; das Buch ist toll.
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Nachtrag:

Noch in diesem Jahr, wann genau, vermag ich nicht zu sagen, eine kurze Recherche im Netz brachte kein konkretes Datum zu Tage, kommt die Verfilmung von Kehlmanns „Ich und Kaminski“ in die deutschen Kinos. Regie führte Wolfgang Becker. Den kenne ich nicht. Dafür aber den Hauptdarsteller. Hört mich seufzen. Daniel Brühl spielt den Zöllner, ein Schauspieler, mit dem ich nichts anfangen kann. Eine Abneigung, die ich nicht in Worte fassen kann. Vielleicht erinnert er mich an jemanden. Vielleicht ist er dann aber doch die Idealbesetzung, denn Zöllner ist ein feiger Vogel, ohne Profil und ohne eigene Meinung. Den alten ignoranten Maler Manuel Kaminski spielt ein Mann namens Jesper Christensen.

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Island, Literatur

Ég heiti Lydia.

Und so machst du dir Freunde im nordeuropäischen Inselausland: grinse ungehalten schief, offenbare auf feinstem Schulenglisch mit viel zu vielen Worten dein Anliegen, atme nur, wenn es absolut notwendig ist, rudere dabei kräftig mit den Armen, gern auch mit den Fingern, also, so einzeln, lass‘ es dir nicht nehmen, erklärend ein paar Worte mit einem geliehenen Stiftstummel auf ein herausgerissenes Stück Notizbuch zu kritzeln, während dein Grinsen hin und wieder zu einem irren Lachen aufkocht – und sage dann in der Landessprache wie du heißt.

 

»Jäch häitie Lydia.«

 

Vor 10 Tagen kam ich aus Island zurück, nach 10 Tagen Inselumrundung im Mietwagen. Es war mein vierter Besuch dieses Landes, und bislang auch der längste. Ich habe noch nicht darüber geschrieben, weil ich mir beim Einschlafen vorstelle, ich wäre noch immer dort. Und sobald ich davon berichte, war es. Eine erste Geschichte will ich dennoch jetzt erzählen. Es geht darin um Bücher. Und um Finnur.

 

Blick von einem öffentlichen Platz in Akureyri (Island)

Blick von einem öffentlichen Platz in Akureyri (Island)

 

Akureyri ist Islands viertgrößte Stadt, und die größte im Norden der Insel. Und nach dem, was ich im Internet und in Reiseführern gelesen habe, ist Akureyri auch eine verdammt coole Stadt, dank bemerkenswerter Musikszene usw.. Knapp 18.000 Menschen leben dort, am Wasser und mit Bergen drumrum. Als ich dort ankam, hing die Sonne satt und unverhüllt am blauen Himmel, bei 12 Grad. Ist das zu fassen? Ich war sofort hin und weg. Kein Haus passt zu dem daneben, in den Fenstern steht bunter Krempel, die Bushaltestellenschilder hängen in Zwergenaugenhöhe, überall kreisen schwarzköpfige Möven, der Wind weht kräftig, die Luft ist rein und die Weite nah. Oh, Island. In dieser schönen Stadt nur einen knappen Tag und eine Nacht verbringen zu können, stimmte mich traurig, bevor ich überhaupt etwas gesehen hatte. Das änderte sich.

 

»Something with Maria.«

 

Unterhalb der Akureyrarkirkja (Kirche von Akureyri, entworfen von Guðjón Samúelsson) entdeckten meine beiden Reisebegleiter und ich einen Laden namens Fróði – Fornbókabúð (Buchhandlung für uralte Bücher), „second hand books“ wurden angepriesen, die Freude war groß, aber auch die Ernüchterung beim Betreten des Ladens: viele bunte Bücher, und alle in einer Sprache, die ich nicht spreche. Immerhin kann ich sie lesen und vorlesen. Und mein Wortschatz wächst. Orka heißt Energie, fita heißt Fett, sykur heißt Zucker. Nur: mit Lebensmittelinhaltsangaben lassen sich keine Romane lesen. Und mit dem erlernten Wortschatz eines Volkshochschulkurses leider auch nicht.

Ich schlich also wie eine Besessene durch den kleinen Laden, buchstabierte flüsternd Buchtitel, entdeckte mir bekannte Autorennamen, grinste selbstverständlich ununterbrochen. Und dann kam sie, die Erleuchtung! Im Herbst des vergangenen Jahres hatte ich in Reykjavík den isländischen Schriftsteller Bjarni Bjarnason interviewt. Einer seiner Romane war erstmals ins Deutsche übersetzt und veröffentlich worden. „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ (Verlag Tropen) ist grandios. Aufregend, irrsinnig, geistreich. Die Buchbesprechung reiche ich nach.

 

"Die Rückkehr der Jungfrau Maria" und mein Interviewmanuskript

„Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ (das Cover ziert ein Bild von Norbert Bisky) und mein Interviewmanuskript

 

Nichts besäße ich lieber, als ein Original des Romans. Und mir war klar: finden würde ich das am ehesten in einem Antiquariat. In Island erschien das Buch nämlich schon 1996, vor 17 Jahren. Abgebrannt und von der Gesellschaft isoliert sei er damals gewesen, hatte mir Bjarni erzählt. Es ist sein zweites Buch. Ich musste es haben. Ich ging zum Buchhändler – und legte los. Ich sagte ziemlich viel ziemlich schnell und malte Fragezeichen, in die Luft und auf die Stirn des doll bebauchten Mannes. „My English is not so good.“ sagte dieser lächelnd. Ich solle es aufschreiben. Aber was nur? Also schrieb ich Bjarni Bjarnason und Something with Maria. Super, Lydia. Doch dann hatte er die Erleuchtung. Er habe das Buch zuhause, 5 Minuten vom Laden entfernt. Ich sprudelte über. Jaja, ob er es verkaufen würde, und wie wir das denn machen könnten. Erst schlug er einen Tausch Buch gegen Geld an der Hotelrezeption vor. Die Idee war gut, aber wir waren beide überfordert von der Planung, die sie mit sich brachte. Und dann beschloss er kurzerhand, den Laden zu schließen, damit wir das Buch holen konnten.

Vor der Tür überraschte ich ihn mit meinen Freunden, er zuckte mit keiner Wimper und ließ auch sie in sein Auto steigen. Nunja, Auto ist ein falscher Begriff für das, was da auf dem Parkplatz stand. Nennen wir es Raumschiff. Die Isländer lieben ihre Autos.

 

Ich liebe die Isländer.

 

5 Minuten später standen wir in einem Garagenkomplex vor Tor 15. Der Buchhändler hatte sich uns inzwischen als Finnur vorgestellt, das spricht sich Finnür, das R kehlig gerollt. Hinter dem Tor offenbarte sich ein Bücherreich der beeindruckensten Sorte, bis zur Decke gingen die Regale. Und dazwischen: Wohnzimmermöbel, Kleidungsstücke, Taschen. Ich ging nicht weiter, es wirkte sehr privat – und bewohnt. Ich weiß es nicht, ich vermute es nur: Finnur lebt dort, vielleicht seit 2008. Ich traute mich nicht, ihn danach zu fragen. Und dann gab er mir Endurkoma Maríu (Marias Comeback), rot, außen abgewetzt, innen wie neu. Ich gab ihm 3000 ISK (ca. 18 EUR), 1000 mehr, als vereinbart. Ich war großzügig. Und Finnur revangierte sich. Er verschwand ein zweites Mal in den Tiefen der Garage. Als er zurück kam, lachte er breit und gab mir ein weiteres Buch von Bjarni, sein Bestes, so Finnur. Auf der Rückfahrt machte ich ihm die Freude und las ihm daraus vor. Oh, nein, geschämt habe ich mich nicht. Hat er sich schließlich auch nicht, als er mir die Heldin seines EX LIBRIS-Aufklebers zeigte: eine barbusige Räkelliese.

 

EX LIBRIS oben ohne.

EX LIBRIS „oben ohne“

"Endurkoma Maríu" (1996) und "Borgin bak við orðin" (1998) von Bjarni Bjarnason

„Endurkoma Maríu“ (1996) und „Borgin bak við orðin“ (1998) von Bjarni Bjarnason

Schöne Sprache, schwere Sprache: Isländisch

Schöne Sprache, schwere Sprache: Isländisch

 

“Die Rückkehr der Jungfrau Maria” von Bjarni Bjarnason
172 Seiten, 17,95 EUR, Tropen

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Literatur, Menschen

Hamse Jummikleber?

Vier Antiquariate habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen in meinem Viertel entdeckt. Ich bin sie abgelaufen. Ich habe sie durchstöbert – Selbstgespräche führend, schniefend, selig. Die Läden sind sehr unterschiedlich, von unzumutbar schrullig bis sisalteppichnett. Am sympathischsten ist mir der Laden, in dem ein dünner Mann rauchend zwischen schwankenden Büchertürmen hockt und einen Rechner bedient, der klingt, als würde ein Kassettenlaufwerk rödeln, oder ein uraltes Faxgerät. Der Mann trägt einen weißen Bart, der zwischen Nase und Oberlippe gelb ist. Als ich den Laden betrat, unterhielten sich zwei Männer über Negierung – und über Marx.

 

»Das braucht seine Zeit.«

 

In jedem Buch steckt ein kleiner Zettel, auf dem in sehr kleiner Schrift Unlesbares geschrieben steht. Buchhändlergeheimsprache. Die Regale sind kaum zu erkennen. Die befinden sich irgendwo hinten, zwischen den Zimmerwänden und den Büchern. Ich müsse die Enge entschuldigen, sagte der Bärtige zu mir, als er mich dabei beobachtete, wie ich vorsichtig meinen Rucksack abstellte. Ich erwiderte lachend, dass ich in der Unordnung manchmal mehr finden würde, als in der Ordnung, da ich gezwungen sei, nach rechts und links zu sehen. Ich meinte das ganz aufrichtig. Er lachte auch, aber verhaltener – und grummelte dann: „Das ist schon geordnet. Das sieht nur so aus. Das braucht seine Zeit.“

Vielleicht schenken sie ihm auch deswegen die vielen Esel, weil er seine Zeit braucht. Im ganzen Geschäft befinden sich unzählige, staubige, teils erblasste Esel, aus Plüsch, Plastik, Holz. Natürlich fragte ich. Der Alte verschwand hustend hinter einem Bücherstapel und kramte ein dreieckiges Warnschild heraus, auf dem ein Esel zu sehen ist, der Bücher auf dem Rücken trägt. Das Schild habe er irgendwann einmal gefunden und es jahrelang auf dem Flohmarkt vor seinem Stand aufgestellt. Und so habe er sich damals gefühlt, wie ein Packesel. Das sei schlimm gewesen, jedes Wochenende mit den Bücherkisten aus dem zweiten Stock runter auf die Straße. Ich nickte und wollte gar nicht mehr gehen. Aber der Bücheresel läuft mir nicht weg.

 

Eisenbahnen, Irving, Jesus.

 

In jedem der vier Läden suchte ich nach Anaïs Nin. In drei von ihnen wurde ich fündig, nur nicht in der ehemaligen christlichen Buchhandlung. Dieser Laden ist eine Katastrophe. Auf den alten Flyern droht der Spruch: BÜCHER FÜRS LEBEN. Der neue Besitzer hat mit schrulliger Männerschrift darunter geschrieben: …und für danach! Er heißt Klaus. Und Klaus weiß nicht so genau, was er in seinem Laden zu stehen hat, alles durcheinander, Eisenbahnen, Irving, Jesus, in hässlich beschrifteten Regalen, lieblos, verstaubt; perfekt für’s Jenseits. Ich stürzte mich trotzdem in das muffige Elend. Wer weiß, vielleicht war da ein Schatz verborgen.

Während ich also kramte, tippelte eine Dame mit Hackenporsche in den Laden. Ich sah sie nur kurz, ich hörte sie deutlich. Sie ächzte und zeterte. Augenscheinlich kannten sich die beiden. Sie fragte ihn, ob er etwas von Agatha Christie habe, oder von den Comedian Harmonists. Er verneinte beide Male. Sie fragte ihn, ob er Gummikleber für ihre Gartenhandschuhe habe. Er verneinte wieder. Irgendwann ging sie und wünschte ein schönes Wochenende, am Mittwochnachmittag. Der Buchhändler gab sich entrüstet. Daraufhin sie: „Für mich schon. Ich komme diese Woche nicht nochmal, ich war ja schon bei LIDL.“. Ich kaufte ein Kinderbuch für 3 EUR. Wegen der Illustrationen.

 

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„Das kluge Kätzchen und viele andere Tiergeschichten zum Vorlesen“ (Neuer Tessloff Verlag – Hamburg, 1973)

Vladimir Nabokov: „Gelächter im Dunkel“ (rororo, Taschenbuchausgabe, 1968, 147 S., veröffl.: 1932)

Vladimir Nabokov: „Lolita“ (suhrkamp taschenbuch, 2002, 527 S., veröffl.: 1955)

James Joyce: „Ulysses“ (edition suhrkamp, übersetzt von Hans Wollschläger, 1981, 1015 S., veröffl.: 1922)

D.H. Lawrence: „Erotische Geschichten“ (insel taschenbuch, 1992, 298 S.)

Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1914-1919“ (nymphenburger, 1981, veröffl.: 1978)

Anaïs Nin: „Die Tagebücher der Anaïs Nin 1931-1934“ (nymphenburger, 1979, veröffl.: 1966)

Anaïs Nin: „Die Tagebücher der Anaïs Nin 1 – 4“ (dtv, 1971-1986, veröffl.: 1966, 1967, 1969, 1971)

Anaïs Nin: „Ein Spion im Haus der Liebe“ (dtv, 1984, 126 S., veröffl.: 1954)

Anaïs Nin: „Leitern ins Feuer“ (dtv, 1991, 142 S., veröffl.: 1959)

Anaïs Nin: „Die neue Empfindsamkeit. Über Mann und Frau“ (Fischer Tb., 1982, 156 S., veröffl.: 1966)

Jean-Paul Sartre: „Tagebücher. November 1939 bis März 1940“ (Aufbau-Verlag, 1987, 531 S., veröffl.: 1983)

Jean-Paul Sartre: „Situationen. Reden, Aufsätze, Interviews zur Literatur“ (Gustav Kiepenheuer Verlag, 1982)

 

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