#FBex, Fundstück

Wer’s glaubt… #FBex

13. Okt. 2011

Es ist bitter. Als ich Anfang des Jahres Sachsen-Anhalts vermeintlich jüngsten Unternehmer Christoph C. in meiner Heimatstadt Zerbst interviewte, war ich skeptisch, aber zu wenig neugierig. Plopp! Luftnummer, Unternehmensblase, Hochstapelei – wie nun zu lesen ist. Im SPUTNIK Tagesupdate fassen mein Kollege Camillo Schumann und ich die Faktenlage zusammen – ab 18:00 Uhr.

Erik Hölperl hatte mich damals schon gefragt was ich falsch mache, jetzt kann ich ein wenig aufatmen

Lydia Herms Naja, ich bin geknickt

Sven Engel Hatte mich schon gewundert warum renomierte Firmen wie BMW sich von einem 15 Jährigen beraten lassen…

Lydia Herms Grundsätzlich betrachte ich das Alter nicht als Problem. 15jährige haben schon ganz andere Sachen geschaukelt. Dieser hier hat einfach dreist gelogen – oder eine furchtbare Selbstwahrnehmung.

Sven Engel So war das auch nicht gemeint…ich bin mir aber sicher das solch große Firmen sich nicht von Personen beraten lassen die keine bzw kaum Referenzen nachweisen können. Wo soll denn auch die Erfahrung bei diesen Dingen mit 15 Jahren herkommen. In anderen Bereichen wie IT etc könnte ich mir das schon eher vorstellen.. Haben damals schon viel diskutiert über die Sache. Das er auch noch gelogen hat ist natürlich extrem dreist.

Lydia Herms Ja, da gehe ich mit, Sven. Mehr Misstrauen hätte ihm, seinen Kunden und uns, den Medien, einiges erspart.

Erik Eckstein Da hat euch ein Minderjähriger vorgeführt und ihr tut betroffen, als hätte der Intendant GEZ-Gebühren verhurt. Das total ernsthaft zu reflektieren ist jetzt zumindest unerlässlich. 
So geil 

Lydia Herms Ach, Erik, ich reflektiere alle meine Fehler. Ich habe eine persönliche Verbindung zu dieser Geschichte. Sven und ich kommen aus der Stadt, das ist’n kleinerer Kosmos, als Du annimmst. Außerdem: Intendantin.

Erik Eckstein Naja, bin halt nicht gut geupdated. Ernsthaft: Ihr wolltet die Freak-Show, ihr habt sie bekommen. Der privat gefühlte Zerbst-Kosmos hat in ernsthaften Medien doch nix zu suchen und der Fehler bestand darin, sowas ohne Abstand als Thema reinzunehmen un the first place, oder? Dass ein 15jähriger tut wie der große Zampano, ist bestenfalls ABSTRUS WITZIG, doch aber never never never ever eine ernst zu nehmende Story! Und dann… obwohl ich eigentlich keine Ahnung habe, ist mir das in Erinnerung geblieben: „Never talk about your mistakes“. (sorry für das never-massaker

Lydia Herms Ok, gut, dass Du es nochmal so freundlich zusammengefasst hast, ich hatte mich vorher noch nicht doll genug geschämt. Der Trost, mit einer Redaktion im Rücken diesen Fehler begangen zu haben, schmeckt leider auch nicht sonderlich gut. Das Zitat kenne ich nicht, ich finde es gut, wenn man über Fehler spricht, egal wie wichtig oder nichtig.

Lydia Herms P.S. Der Zerbst-Kosmos war für die Berichterstattung nicht relevant, wie Du gehört haben wirst, wenn Du es angehört hast. Ich nahm an, Du meintest die Diskussion zwischen Sven und mir.

Erik Eckstein Neenee, es ging schon mehr um die Sache und darum, dass sie nun zum zweiten Mal mit zweifelhafter Berechtigung Thema war. An dem Zerbst-Schmerz werd ich mich nicht vertun. Warum lacht ihr nicht einfach darüber, was der Junge gemacht hat? Das ist doch eigentlich nicht bitter, sondern eher irgendwie cool! Der kleine Blender hat’s halt raus. Soooo viele Leute wollen was darstellen und machen sich dabei chronisch lächerlich. Er doch scheinbar nicht. Er hat es nur übertrieben und sich erwischen lassen. Früher sindse in Zerbst mit 15 auf der Simson am ABV vorbei und haben gewunken. Heute isses halt anders

Lydia Herms Ja, vielleicht ist es so. Ich kann da nicht drüber lachen, mich wird es ewig wurmen, also, mindest noch 100 Jahre.

Erik Eckstein Ja, das ist doof. Ich wünsch Dir, dass Du es bald vergisst. Ich würd‘ meine „solchen“ Geschichten auch gern mal vergessen

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Allgemein, Menschen

WM vs. Krieg?

The Guardian postete eine Bildergalerie von sehr traurigen Brasilianern. Zuerst fand ich das hochgradig bescheuert. Auch vermessen. Grundsätzlich übertrieben. Dann las ich die Kommentare anderer, und Tweets, z.B. einen von der Politikerin und Autorin Marina Weisband. Und es ratterte.

 

 

Wollte es abnicken, „Ja, genau. Wie kann man nur!?“, so. Aber diese „Ereignisse“ miteinander zu vergleichen, ist nicht gut. Das würde bedeuten, dass die Menschheit sich gar nicht mehr mit Banalitäten wie Fußball beschäftigen dürfte. Oder Rummel. Oder Kindergeburtstag. Sie dürfte nicht feiern, nicht tanzen. Es wäre immer vermessen. Es gibt immer jemanden, der leidet, der vergewaltigt, vertrieben, erschossen wird, tausende Kilometer entfernt, zwei Häuser weiter. Das hört nicht auf. Könnte eine Menschheit Selbstmord begehen, wir sollten es tun. Wir sind nicht zu retten. Wir vergiften die Natur, wir quälen Tiere – und wir hassen uns gegenseitig.

Ich sah kein einziges WM-Spiel komplett. Ich hatte weder Lust, noch Zeit. Die Ereignisse in Brasilien, vor den Spielen, hatten mir zudem den Geschmack am Jubeln verdorben. Vom Spiel gegen Brasilien hörte ich das Gebrüll der Nachbarn, und das Geböller auf den Straßen in meinem Kiez, dann, wenn ein Tor gefallen war. Da permanent gebrüllt und geböllert wurde, ging ich davon aus, dass es viele Tore sind, die fielen. An anderen Tagen schrieb mir mein Bruder, wie es stand. Oder ich hörte es im Radio.

Die Menschen freu(t)en sich. Das ist gut. Das heißt nicht automatisch, dass es ihnen egal ist, was gerade in Israel passiert. Wenn ich auf ein Konzert gehe, da ein bisschen tanze und selig vor mich hinflenne, dann denke auch ich nicht an die Bomben, die andernorts fallen. Und wenn doch, verlasse ich nicht betreten das Konzert. Und dennoch bin ich informiert, interessiert. Es ist mir nicht egal. Und wenn die Brasilianer die Niederlage ihrer Mannschaft beweinen, heißt das nicht, dass sie die schlimmer finden, als beispielsweise Krieg. Das hoffe ich zumindest.

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Literatur, Textstelle

Gottfried an Gertrud.

Wer sich nach Träumen sehnt, die noch nach dem Erwachen starkes Herzklopfen auslösen, der sollte Benns Briefe lesen, nachts.

 

„Es gibt Tage, die so leer sind, daß man sich wundert, daß die Fensterscheiben nicht rausgedrückt werden von dem negativen Druck; es gibt Gedankengänge von einer Aussichtslosigkeit, die bewußtseinsraubend ist.“

 

Auch wenn das physikalisch nicht ganz richtig scheint – eine Leere saugt doch eher, anstatt zu drücken!? Und: Kommt „negativer Druck“ von innen oder von außen? Diskussionswürdig, so oder so.

Gottfried Benn in einem Brief an Getrud Zenzes, wahrscheinlich 1922, aus "Gottfried Benn: Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956", dtv, 1962, 3. Auflage 1975, S. 11

Gottfried Benn in einem Brief an Getrud Zenzes, wahrscheinlich 1922, aus „Gottfried Benn: Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956“, dtv, 1962, 3. Auflage 1975, S. 11

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Allgemein, Drama

Schnakenmord.

Ich habe getötet. Gestern Abend entdeckte ich eine achthundertbeinige Riesenschnake an der Badezimmerdecke. Sie guckte listig und herrschsüchtig. Ich konnte ihren Spott spüren. Früher oder später musste das ja passieren: Sommer, gekipptes Fenster, Insekten. Was tun? Ich weiß, dass Schnaken nicht stechen oder beißen. Sie flattern in Lampenschirmen und machen dabei ekelige Geräusche. Bis sie verbrennen, dauert es ewig. Und was ist, wenn ich das Licht lösche, oder sie sich von den Lampenschirmen fern hält? Schnaken sind keine zu groß geratenen Stubenfliegen, Schnaken sind Spinnen mit Flügeln. Das ist wissenschaftlich nicht belegt. Aber möglich. Und wie sie springen, als wären sie auf dem Mond gelandet, federnd, arrogant, guckmawasichkann.

 

Ich stolperte also geradewegs zur Kammer, in der mein sehr großer, gelber AEG-Staubsauger steht, den mir vor Jahren eine Kollegin überließ inkl. Jahrhundertvorrat an Staubsaugertüten. Für dieses Ding braucht man einen Führerschein. Ich zerrte den elefantengroßen Apparat unsanft am drei Meter langen Rüssel ins Bad, eine Stufe hoch, bis zur Wanne. Die Schnake bewegte sich nicht. Taub oder abgelenkt, ich war nicht sicher. Dann ging alles ganz schnell. Stecker in Dose, Saugrüssel in Position, Schalter bis Anschlag. Weg war sie. Ich hielt noch ein paar Minuten drauf, und stellte mir dabei vor, wie sich das Tier irgendwo festkrallte, immer weiter ins Innere des gelben Ungetüms gezogen wurde, in einer zu einem Drittel gefüllten Staubsaugertüte auf einem dank unzähliger Katzenhaare verdichteten Staubkissen landete, nach Luft rang, mit letzter Kraft einen für Menschen unhörbaren Hilfeschrei ausstieß und schließlich verendete. Meine Katze sah zu.

 

Jetzt steht der Sauger wieder in der Kammer, im Bauch eine Leiche. Und mich beschleicht die Angst, dass ihr Schrei gehört wurde und ich eines nachts von einem furchtbaren Druck auf der Brust geweckt werde und mit Entsetzen feststellen muss, dass da ein Gollum, zusammengesetzt aus abertausenden Schnaken hockt und mich mit saurer Hauche anfaucht. Vielleicht sollte ich sie sicherheitshalber und ehrenvoll bestatten, die Tote, nachher.

 

130613-lydiaherms-staubsauger-blog

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