#FBex, Fundstück

Mädchenmannschaft! #FBex

19. Sept. 2011

Habe eine Mädchenwoche vor mir, was es die Interviews angeht, u.a. mit Meredith Haaf („Heult doch“) und Judith Luig („Breitbeiner“). Und während der Recherche bin ich auf diesem Blog „hängengeblieben“: Mädchenmannschaft

„Willkommen Feminist_innen und alle, die es werden wollen! Die Mannschaft liebt Feminismus und notiert hier Dinge und Nachrichten, die fröhlich machen oder uns die Nackenhaare aufstellen. Unser Blog soll Forum sein und Spielwiese, für alle, die sich eine bessere und gerechte Gesellschaft wünschen. 2008 wurde maedchenmannschaft.net mit dem Deutsche Welle Blog Award BOB als Bestes Deutschsprachiges Weblog ausgezeichnet. 2009 war maedchenmannschaft.net für einen Grimme Online Award und den Alternativen Medienpreis nominiert. 2012 wurde die Mädchenmannschaft neben sieben weiteren Projekten für den Clara-Zetkin-Frauenpreis nominiert. Die Mädchenmannschaft ist darüberhinaus auch offline unterwegs, mit Vorträgen und Workshops, sowie auf Podiumsdiskussionen (zu den aktuellen Terminen).“

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Literatur, Termin

Keine Experimente.

Alles hat seine Zeit. steht auf dem weißen Papier mit Bundesadler im Kopf. Ein edler Füller liegt akkurat daneben. Das Büro ist wie immer tadellos aufgeräumt. Und es ist leer. Der junge Bundestagsabgeordnete Frederik Kallenberg ist verschwunden. Einfach so. Die Kollegen sind verwirrt. Die Bundeskanzlerin wünscht der Familie alles Gute. Die Presse spekuliert. Einer wie Kallenberg haut nicht einfach so ab. Der ist zuverlässig und handelt verantwortungsbewusst. Da muss was passiert sein.

 

Es ist etwas passiert.

 

Frederik Kallenberg stammt aus einem kleinen Dorf im Sauerland, Waldhagen. Da marschieren sie alljährlich zum Schützenfest, lobpreisen das Bier und beenden jeden zweiten Satz mit woll. Er ist 16, als ihn Jürgen aus der Klasse auf dem Moped zum Treffen der jungen Konservativen mitnimmt. Kallenberg hat keine Ahnung von Politik. Das ändert sich schnell. Und nur 20 Jahre später sitzt er im Bundestag, pendelt allwöchentlich vom großen Berlin ins kleine Waldhagen, wo er mit seiner Familie lebt. Von den Nachbarn wird er bewundert, von den politischen Gegnern unterschätzt. Sein Steckenpferd ist die Familienpolitik, der Dorn in seinem Auge ist der Feminismus.

Bis zu seinem Verschwinden führte er ein Bilderbuchleben, allerdings aus einem ziemlich alten Bilderbuch, so von 1950, vielleicht. Kallenberg liebt Julia, seine Ehefrau, die ist sanftmütig, harmoniebedürftig, tapfer. Die beiden Söhne sind 5 und 15 Jahre alt. Das da zwischen Julia und Frederik ist die eine große, wahre, reine Liebe. Da geht nichts drüber. Kallenberg glaubt an die klassische Ehe zwischen Mann und Frau. Und daran, dass der Feminismus die Menschheit unglücklich macht, die Scheidungsrate sei auch deswegen so hoch, genau wie die Zahl der Kinder mit Knacks. Die Rollenverteilung „er arbeitet, sie kümmert sich um die Kinder“ ist für ihn die einzig vernünftige. Zudem macht er jedes Jahr Urlaub am gleichen Ort, bucht ungern etwas im Internet, und glaubt an Gott. Scheinheiligkeiten und Zweideutigkeiten widern ihn an. Ja, Kallenberg ist altmodisch und fromm. Seine Welt ist heil.

 

Scheinbar, ja.

 

Frederik Kallenberg verliert die Kontrolle. Bewahrtes Glück, auf Ritualen aufbauend, das ist sein Leben. Während einer Podiumsdiskussion trifft er auf eine junge, selbstbewusste Frau, eine Feministin, ohne Haare auf den Zähnen und in den Achselhöhlen. Sie ist 10 Jahre jünger als er, unabhängig, herzlich, aufbrausend, umtriebig. Und sie trägt bunte Strümpfe. Liane, so ihr Name, ist das Höllenfeuer, vor dem er sich Frederik Kallenberg immer sicher wähnte. Liane ist ganz anders als seine Julia. Und es gefällt ihm. Wie kann das sein? Kallenberg tut etwas, was er sich nie erlauben wollte: er missachtet sein eigenes Regelwerk, das, woran er glaubt. Es macht PENG! Alles verschwindet. Kallenberg verschwindet …

 

 

Markus Feldenkirchen muss etwas besitzen, wovon ich schon ein Leben lang träume: einen Rekorder, der Gedanken und Erinnerungen einfängt, so, dass sie später notiert echt sind. Ich habe gesehen, wie der kleine Kallenbach im Kinderzimmer unter Zwangshandlungen litt, kaum noch schlief, auf die Mutter wartete und sich für den versoffenen Vater schämte. Ich spürte die Erregung, als er mit Ende 30 erstmals von einer anderen Frau, als seiner eigenen berührt wird. Ich hoffte, er würde zur Vernunft kommen, wenn er sich über die moralischen Verfehlungen der anderen echauffierte, und ich sehnte mich nach seiner heilen Welt.

Feldenkirchen erzählt mit großen Bildern und vielen kleinen Details eine Geschichte von einem Menschen, der lernen muss, dass Prinzipien blockieren können, dass es wichtig ist, Entscheidungen zu treffen, selbst wenn die Vernunft meilenweit entfernt scheint. Das Leben ist nicht zu 100% planbar. Und die Ehe ist nicht heilig. Und ja, es geht natürlich auch um Politik, um den Zirkus, und dabei wird keine Partei verschont oder verherrlicht. Ich gestehe: Ich bin dankbar für dieses Buch. Bitte lesen.

 

rbb radioeins | FAVORIT BUCH | 18.07.2013 | Lydia Herms über "Keine Experimente" von Markus Feldenkirchen

rbb radioeins | FAVORIT BUCH | 18.07.2013 | Lydia Herms über „Keine Experimente“ von Markus Feldenkirchen

 

Markus Feldenkirchen: „Keine Experimente“
Kein & Aber, 399 S., 22,90 EUR, HC inkl. eBook

 

Di, 13. Aug. 2013 | 20:00 Uhr | Buchhandlung Georg Büchner am Kollwitzplatz in Berlin (Prenzlauer Berg) | Markus Feldenkirchen liest aus KEINE EXPERIMENTE | Eintritt: tba.

So, 01. Sept. 2013 | 13:00 Uhr  | Festival lit:potsdam | Lesungen und Gespräche: Markus Feldenkirchen, David Wagner, Birk Meinhardt über Lebensstrategien | Moderation: Christine Thalmann | Hans Otto Theater / Neues Theater (Glasfoyer) | Karten: 15,00 €

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Literatur, Menschen

Oh, Anaïs.

Ich wollte fleißig sein. „Heimschwimmen“ von Deborah Levy wartet, wie auch „Katzenberge“ von Sabrina Janesch, als Hörbuch. Ich wollte etwas Vernünftiges essen. Außerdem Katzenfutter kaufen, danach das Bad wischen, nebenbei die Waschmaschine anschmeißen – und mehr trinken. Wasser oder Tee. Ich wollte meine Krankenkasse anrufen. Und meine Freundin in Lübeck. Ich wollte das Päckchen für eine andere Freundin in Halle schnüren und zur Post bringen. Ich hatte einen Plan.

 

Stattdessen sitze ich Pfefferminzstäbchen essend, dehydriert, aber elektrisiert an meinem Schreibtisch und lese in den Tagebüchern von Anaïs Nin, seit Stunden schon. Nach einem Reportagestreifzug heute Vormittag durch die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg, landete ich in einem Antiquariat. Ich kann diesen schlecht eingerichteten, irgendwie immer braun und blassblau erscheinenden Läden einfach nicht widerstehen. Sie locken mit Kisten vor den Schaufenstern und mit Regalen bis zu den Decken. Überall Bücher. Und es riecht so gut: nach alten Schulkarten im Geografie-Raum. Und nach Pullover.

 

Oh, Anaïs.

 

„Das Delta der Venus“, die erotischen Erzählungen, kenne ich und lese ich gerade wieder auf dem eReader in der U-Bahn. Das beißt sich. Auch weiß ich von der Beziehung mit Henry Miller. Und dass Anaïs Nin Krebs hatte, woran sie starb. Ich weiß, dass sie viel schrieb, und dass sie ein Vorbild sein kann, als Frau und als Mensch. Doch das hätte ich bis vor wenigen Stunden nur gedacht, nie gesagt, denn das wäre vornehmlich nachgeplappert und dahingesagt. Ich weiß nicht viel. Vielleicht will ich sie zum Vorbild haben – und fragte im Laden deswegen gezielt nach Büchern von ihr. Ein Herr kletterte auf eine Leiter – und reichte mir drei.

 

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„Ich bin unglücklich und glücklich.“ (Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1919-1920“, Nymphenburger Verlagshandlung, 1981, S. 7, Freitag, 13. Juni 1919)

 

Ich besitze jetzt also die Bände 1919-1920, 1939-1944 und 1947-1955. Mir fehlen noch fünf weitere. Anaïs Nin lebte von 1903 bis 1977. Ich kann nicht sagen, ob die von einem gewissen Dieter Wunderlich aufgeführte Kurzbiografie von Anaïs Nin vollständig und richtig ist, so ist sie doch eindeutig beeindruckend. Die Tagebucheinträge, die ich im Augenblick lese, schrieb Anaïs mit 16 Jahren. Ich war 13, vielleicht 14, als ich versuchte, ein Tagebuch zu führen. Ich fühlte mich noch vergessener dabei – und wechselte zum Schreiben von Briefen. Das kann ich.

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