#FBex, Fundstück

Die sind doof. #FBex

02. Juli 2011

© Stephan Flad | MDR SPUNTIK, Halle (Saale)

© Stephan Flad | MDR SPUNTIK, Halle (Saale)

LYDIAS LESESTOFF & QUERGELESEN, meine Literatur-Rubriken bei MDR SPUTNIK gibt es seit diesem Frühjahr nicht mehr. Oh, wir stellen noch immer Bücher vor, habt keine Angst. Neben den aktuellen Buchtipps, die regelmäßig unregelmäßig im Programm auftauchen, findet ihr auf sputnik.de auch meine ganzen „alten“ Texte und Audios unter LITERATUR. U.a. …

Julala Kiwikiwi Es fehlt aber sehr!

Lydia Herms du bist lieb. mir auch.

Julala Kiwikiwi An dieser Stelle auch ein DANKE für die vielen Insipirationen, die hier nun im Regal stehen und so schön zu lesen waren

Lydia Herms SEUFZ. gern!

Fran Ziska ja. die bei sputnik sind doof. wenn ich nicht weiß, was ich lesen soll, frag ich Lydia!

 

Standard
Menschen, Musik

Hello Ludia!

Ich ertrinke. Kein Grund. Anfang September erscheint ein neues Studioalbum von Goldfrapp. Ich höre die alten Sachen – und seitdem ich erahnen kann, wie TALES OF US klingen wird, freue ich mich, als hätte ich einen Preis gewonnen, eine Prüfung bestanden oder einen erlösenden Anruf erhalten.

 

 

Alison Goldfrapp singt für mich. Sie macht hörbar, was ich fühle. Sie klagt und hofft, sie liebt und hasst, sie kämpft und versagt, musikalisch. Es ist, was ich hören will. Ich besitze alle Alben. Doch für mich, wie für andere auch, ist das erste Album FELT MOUNTAIN, veröffentlicht im Jahr 2000, produziert mit Unterstützung vom großartigen John Parish, das bedeutenste von allen, eine Art Offenbarung. Es ist so traurig. Was habe ich geheult; vorm Spiegel, im Bett, auf dem Fahrrad, in der Vorlesung.

 

Ü b e r a l l.

 

 

Ich hab‘ auch getanzt, klar. Heulen liegt mir aber mehr als Tanzen. Dann, 2005, in einem Promo-Interview für MDR SPUTNIK, ließ Alison Goldfrapp verlauten, es würde nie wieder ein Album wie FELT MOUNTAIN geben, das sei vorbei. Sie war richtig wütend, und ich betroffen. Denn genau diese Frage hatte ich der Kollegin aus der Musikredaktion mitgegeben. Alison habe sich danach für ihren Ausbruch entschuldigt, so die Kollegin. Ich stand vor dem Studio, sah durch das kleine Fenster auf eine zusammengesunkene Person in einem viel zu großen, hellbraunen Ledermantel mit einer Wolke wilder, blonder Locken in Kragenhöhe, und auf eine rudernde Kollegin. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich war neu, draußen und verliebt.

 

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

 

Es ist das einzige Autogramm, das ich besitze, von ein paar Buchwidmungen abgesehen. Ich erinnere mich an unsere Begegnung sehr gut, 2005 in Halle (Saale). Goldfrapp war für das damalige Programm von SPUTNIK nicht wirklich relevant, ich glaube, die Kollegen wollten den angebotenen Termin zur Veröffentlichung von SUPERNATURE einfach nur mitnehmen. Ich wurde gebeten, Fragen zusammenzusammeln. Das tat ich, bei meinen Freunden im Björk-Forum, die Liste war lang. Alison kam in Begleitung eines schwarzgekleideten Gorillas mit Glatze, ganz sicher nicht Will Gregory, und einer quirligen Frau von der Plattenfirma. Die Ansage war: Keine Fotos, keine Autogramme. Kein Problem. Die Redaktion war fast leer. Ich stand also da, in meinem knallroten Strickpullover.

 

Und ich starrte auf Alisons Hinterkopf.

 

Plötzlich fragte mich die Plattenfirmafrau, ob ich ein Autogramm haben wolle. Ich eierte, es sei doch eigentlich verboten. Ein Kollege kramte hektisch eine angeknickte Promokarte hervor, an der Hotline lag ein ausgefranster Goldstift herum, der Gorilla beäugte mich reglos, als ich hin und her flatterte. Und dann kam Alison aus dem Studio, eingefallen, ungeschminkt, lächelnd. Sie nahm den Stift und fragte nach meinem Namen. Ich konnte nicht einmal mehr Schulenglisch und sagte: „I like your voice.“, sie schrieb: „thank you!“. Ich sagte: „I’m so shy.“, sie antwortete: „Me too.“. Am Ende drucksten wir eine Weile herum und gaben uns schließlich nicht die Hände. Sie hatte Ludia geschrieben.

 

Und es wird ein Album wie FELT MOUNTAIN geben: TALES OF US. Am 23. Oktober spielt sie in Berlin im Heimathafen Neukölln, an einem Mittwoch. Ich gehe jetzt los und kaufe mir die Karte. Es ist bislang das einzige für Deutschland angekündigte Konzert. Außerdem spielt sie in London, Brüssel, Amstersdam und Zürich. Ich habe also gar keine Wahl.

 

 

Goldfrapp im Netz: http://www.goldfrapp.com/

Goldfrapp bei Facebook: https://www.facebook.com/Goldfrapp

Goldfrapp bei Twitter: https://twitter.com/Goldfrapp

 

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Literatur, Menschen

Hamse Jummikleber?

Vier Antiquariate habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen in meinem Viertel entdeckt. Ich bin sie abgelaufen. Ich habe sie durchstöbert – Selbstgespräche führend, schniefend, selig. Die Läden sind sehr unterschiedlich, von unzumutbar schrullig bis sisalteppichnett. Am sympathischsten ist mir der Laden, in dem ein dünner Mann rauchend zwischen schwankenden Büchertürmen hockt und einen Rechner bedient, der klingt, als würde ein Kassettenlaufwerk rödeln, oder ein uraltes Faxgerät. Der Mann trägt einen weißen Bart, der zwischen Nase und Oberlippe gelb ist. Als ich den Laden betrat, unterhielten sich zwei Männer über Negierung – und über Marx.

 

»Das braucht seine Zeit.«

 

In jedem Buch steckt ein kleiner Zettel, auf dem in sehr kleiner Schrift Unlesbares geschrieben steht. Buchhändlergeheimsprache. Die Regale sind kaum zu erkennen. Die befinden sich irgendwo hinten, zwischen den Zimmerwänden und den Büchern. Ich müsse die Enge entschuldigen, sagte der Bärtige zu mir, als er mich dabei beobachtete, wie ich vorsichtig meinen Rucksack abstellte. Ich erwiderte lachend, dass ich in der Unordnung manchmal mehr finden würde, als in der Ordnung, da ich gezwungen sei, nach rechts und links zu sehen. Ich meinte das ganz aufrichtig. Er lachte auch, aber verhaltener – und grummelte dann: „Das ist schon geordnet. Das sieht nur so aus. Das braucht seine Zeit.“

Vielleicht schenken sie ihm auch deswegen die vielen Esel, weil er seine Zeit braucht. Im ganzen Geschäft befinden sich unzählige, staubige, teils erblasste Esel, aus Plüsch, Plastik, Holz. Natürlich fragte ich. Der Alte verschwand hustend hinter einem Bücherstapel und kramte ein dreieckiges Warnschild heraus, auf dem ein Esel zu sehen ist, der Bücher auf dem Rücken trägt. Das Schild habe er irgendwann einmal gefunden und es jahrelang auf dem Flohmarkt vor seinem Stand aufgestellt. Und so habe er sich damals gefühlt, wie ein Packesel. Das sei schlimm gewesen, jedes Wochenende mit den Bücherkisten aus dem zweiten Stock runter auf die Straße. Ich nickte und wollte gar nicht mehr gehen. Aber der Bücheresel läuft mir nicht weg.

 

Eisenbahnen, Irving, Jesus.

 

In jedem der vier Läden suchte ich nach Anaïs Nin. In drei von ihnen wurde ich fündig, nur nicht in der ehemaligen christlichen Buchhandlung. Dieser Laden ist eine Katastrophe. Auf den alten Flyern droht der Spruch: BÜCHER FÜRS LEBEN. Der neue Besitzer hat mit schrulliger Männerschrift darunter geschrieben: …und für danach! Er heißt Klaus. Und Klaus weiß nicht so genau, was er in seinem Laden zu stehen hat, alles durcheinander, Eisenbahnen, Irving, Jesus, in hässlich beschrifteten Regalen, lieblos, verstaubt; perfekt für’s Jenseits. Ich stürzte mich trotzdem in das muffige Elend. Wer weiß, vielleicht war da ein Schatz verborgen.

Während ich also kramte, tippelte eine Dame mit Hackenporsche in den Laden. Ich sah sie nur kurz, ich hörte sie deutlich. Sie ächzte und zeterte. Augenscheinlich kannten sich die beiden. Sie fragte ihn, ob er etwas von Agatha Christie habe, oder von den Comedian Harmonists. Er verneinte beide Male. Sie fragte ihn, ob er Gummikleber für ihre Gartenhandschuhe habe. Er verneinte wieder. Irgendwann ging sie und wünschte ein schönes Wochenende, am Mittwochnachmittag. Der Buchhändler gab sich entrüstet. Daraufhin sie: „Für mich schon. Ich komme diese Woche nicht nochmal, ich war ja schon bei LIDL.“. Ich kaufte ein Kinderbuch für 3 EUR. Wegen der Illustrationen.

 

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„Das kluge Kätzchen und viele andere Tiergeschichten zum Vorlesen“ (Neuer Tessloff Verlag – Hamburg, 1973)

Vladimir Nabokov: „Gelächter im Dunkel“ (rororo, Taschenbuchausgabe, 1968, 147 S., veröffl.: 1932)

Vladimir Nabokov: „Lolita“ (suhrkamp taschenbuch, 2002, 527 S., veröffl.: 1955)

James Joyce: „Ulysses“ (edition suhrkamp, übersetzt von Hans Wollschläger, 1981, 1015 S., veröffl.: 1922)

D.H. Lawrence: „Erotische Geschichten“ (insel taschenbuch, 1992, 298 S.)

Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1914-1919“ (nymphenburger, 1981, veröffl.: 1978)

Anaïs Nin: „Die Tagebücher der Anaïs Nin 1931-1934“ (nymphenburger, 1979, veröffl.: 1966)

Anaïs Nin: „Die Tagebücher der Anaïs Nin 1 – 4“ (dtv, 1971-1986, veröffl.: 1966, 1967, 1969, 1971)

Anaïs Nin: „Ein Spion im Haus der Liebe“ (dtv, 1984, 126 S., veröffl.: 1954)

Anaïs Nin: „Leitern ins Feuer“ (dtv, 1991, 142 S., veröffl.: 1959)

Anaïs Nin: „Die neue Empfindsamkeit. Über Mann und Frau“ (Fischer Tb., 1982, 156 S., veröffl.: 1966)

Jean-Paul Sartre: „Tagebücher. November 1939 bis März 1940“ (Aufbau-Verlag, 1987, 531 S., veröffl.: 1983)

Jean-Paul Sartre: „Situationen. Reden, Aufsätze, Interviews zur Literatur“ (Gustav Kiepenheuer Verlag, 1982)

 

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Literatur, Menschen

Oh, Anaïs.

Ich wollte fleißig sein. „Heimschwimmen“ von Deborah Levy wartet, wie auch „Katzenberge“ von Sabrina Janesch, als Hörbuch. Ich wollte etwas Vernünftiges essen. Außerdem Katzenfutter kaufen, danach das Bad wischen, nebenbei die Waschmaschine anschmeißen – und mehr trinken. Wasser oder Tee. Ich wollte meine Krankenkasse anrufen. Und meine Freundin in Lübeck. Ich wollte das Päckchen für eine andere Freundin in Halle schnüren und zur Post bringen. Ich hatte einen Plan.

 

Stattdessen sitze ich Pfefferminzstäbchen essend, dehydriert, aber elektrisiert an meinem Schreibtisch und lese in den Tagebüchern von Anaïs Nin, seit Stunden schon. Nach einem Reportagestreifzug heute Vormittag durch die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg, landete ich in einem Antiquariat. Ich kann diesen schlecht eingerichteten, irgendwie immer braun und blassblau erscheinenden Läden einfach nicht widerstehen. Sie locken mit Kisten vor den Schaufenstern und mit Regalen bis zu den Decken. Überall Bücher. Und es riecht so gut: nach alten Schulkarten im Geografie-Raum. Und nach Pullover.

 

Oh, Anaïs.

 

„Das Delta der Venus“, die erotischen Erzählungen, kenne ich und lese ich gerade wieder auf dem eReader in der U-Bahn. Das beißt sich. Auch weiß ich von der Beziehung mit Henry Miller. Und dass Anaïs Nin Krebs hatte, woran sie starb. Ich weiß, dass sie viel schrieb, und dass sie ein Vorbild sein kann, als Frau und als Mensch. Doch das hätte ich bis vor wenigen Stunden nur gedacht, nie gesagt, denn das wäre vornehmlich nachgeplappert und dahingesagt. Ich weiß nicht viel. Vielleicht will ich sie zum Vorbild haben – und fragte im Laden deswegen gezielt nach Büchern von ihr. Ein Herr kletterte auf eine Leiter – und reichte mir drei.

 

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„Ich bin unglücklich und glücklich.“ (Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1919-1920“, Nymphenburger Verlagshandlung, 1981, S. 7, Freitag, 13. Juni 1919)

 

Ich besitze jetzt also die Bände 1919-1920, 1939-1944 und 1947-1955. Mir fehlen noch fünf weitere. Anaïs Nin lebte von 1903 bis 1977. Ich kann nicht sagen, ob die von einem gewissen Dieter Wunderlich aufgeführte Kurzbiografie von Anaïs Nin vollständig und richtig ist, so ist sie doch eindeutig beeindruckend. Die Tagebucheinträge, die ich im Augenblick lese, schrieb Anaïs mit 16 Jahren. Ich war 13, vielleicht 14, als ich versuchte, ein Tagebuch zu führen. Ich fühlte mich noch vergessener dabei – und wechselte zum Schreiben von Briefen. Das kann ich.

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