Literatur, Textstelle

Nennen wir es Liebe.

[…] Ich betrachtete sie zwei Stunden lang und betete zu Gott (das einzige Mal in meinem Leben), dass ich sie wie ein Mensch lieben könnte, nicht wie dieser Roboter, der ich bin, wissend, dass ich nicht erhört werden würde. Trotzdem lag ich diesem Gott weiterhin in den Ohren, denn ich wusste haargenau, dass ich hier und jetzt das Wunderschönste in meinem Leben erlebte, das war kein Vorschuss auf ein Glück, sondern schlicht und ergreifend der Höhepunkt meiner Seligkeit, und entsprechend selig saß ich zwei Stunden lang da und blickte auf meine schlafende Frau (denn sie war von dem Moment an meine Frau, als sich ihr Haar an ihrem Hals in das Pfötchen einer Schmusekatze verwandelte), und ich liebte sie von ganzem Herzen mit meinen Augen. […]

Martin Montag in „Jojo“ von Steinunn Sigurðardóttir (Rowohlt)

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Literatur, Menschen

Begegnung mit Pieper.

Ich traf Juliane Pieper. Die kannte ich bereits, bevor wir uns kennenlernten, ohne es zu wissen. Sie illustriert und schreibt nämlich. Auch in meinen Lieblingsmagazinen. Die sauge ich zwar gnadenlos aus, studiere Gerichtsreportagen, Kolumnen, Porträts und gucke Bilder, aber ins Impressum sehe ich verhältnismäßig selten, bzw. dann doch ab und zu, um lediglich kopfnickend mir bekannte Namen zu entdecken. Wie man das eben so macht unter Kollegen*. Da wird dann gern mal ein: „Huch, die auch?“, oder ein: „Der war ja damals schon komisch.“ gemurmelt.

Der Name Juliane Pieper stand da schon häufig – im DAS MAGAZIN, in der taz und woanders. Als ich das erkannte, entfuhr mir lautes Euphoriegemurmel, denn da wusste ich, dass sie die ist, die das und das gemacht hatte. Bücher schreibt sie auch. Dewegen haben wir uns getroffen. Zuletzt erschien ihr kleines Bändchen „Lesewesen“ im Verlag Heyne. Darin geht es um uns: die Leser*. Leser von Frauenzeitschriften, Ratgebern, Arztromanen, Comics und Bestsellern. Wir erfahren, wie es in einer Frauen-Lesegruppe wirklich (!) zugeht, warum es die Badewannenleser im Grunde am besten haben und wie fantasieanregend das gemeine Freizeitlesen sein kann. Berge auf Balkonien. Pferdegetrappel in der Kantine. Beduinengeschrei in der S-Bahn.

 

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„Lesewesen. Von Badewannenlesern, dem Blätterwald und Papiertigern – verbreitete, seltene und sonderbare Geschöpfe aus der Welt des Lesens“ von Juliane Pieper, Heyne Verlag, 96 Seiten, s/w illustriert, 4,00 EUR

 
Juliane und ich sind Bus gefahren – und dann in einem Kreuzberger Café gelandet. Überall haben wir uns unterhalten, gehend und stehend. Über die Stadt, über Leser* in der Stadt, über’s Schreiben und Zeichnen, über die Freiheit, aber auch die Sorge, selbstständig zu arbeiten, über Unfreundlichkeit und Leseverhalten. Das Ergebnis unseres auschweifenden Gesprächs ist bald hier nachlesbar – und inzwischen komprimiert und produziert hörbar – 1x lang, 1x kurz.

Juliane Pieper lebt seit 13 Jahren in Berlin, kommt ursprünglich aus Stuttgart, wo sie 1975 geboren wurde, von einer Berlinerin. Sie studierte Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Kommunikationsdesign, und ist eine ausgebildete Grafikerin. Wenn sie nicht zeichnet und schreibt, spielt sie Fagott bei der Zentralkapelle Berlin. Und sie ist lustig. Ja, verdammt, diese Frau kann alles. So sieht sie aus, die Pieper. Ihre Blümchen-Clipse passten gut zu meinen Kirsch-Ohrhängern. Und zur Deko. Und zu den leckeren, staubigen Keksen …

 

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Juliane Pieper, Foto: Lydia Herms

Juliane Pieper hat diese: Internetseite.

*ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie

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Literatur, Nachtrag

Mutter des Monats.

Bea ist groß, schön und nicht zu überhören, wenn sie auf dem Schulgelände unter der Buche stehend ihre Reden schwingt. Sie ist die Königin im Bienenstock. Sie wird umschwirrt, geliebt und gefürchtet. Gemeinsam mit ihrer Folgschaft, bestehend aus vielen anderen Müttern, will sie Geld für die sanierungsbedürftige Schule ihrer Kinder sammeln. Was so nett nach Projektarbeit mit Freundinnen klingt, entpuppt sich bald als ein intriganter Machtkampf unter Frauen. „Mutter des Monats“ heißt das Romandebüt der Britin Gill Hornby.

 

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Ein neues Schuljahr beginnt, die Kinder sind aufgekratzt, die Mütter auch. Sie stehen auf dem Pausenhof herum und schnattern; nach den Ferien gibt es immer viel zu erzählen. Welch ein Idyll. Doch bereits nach den ersten Seiten vergilbt das hübsche Gruppenbild. Eine der Mütter, Rachel, steht etwas abseits und kommentiert die Szene bissig. Welche Mutter trägt was, guckt wie und warum. Oha, da wird es rummsen, bald und heftig. So dachte ich beim Lesen.

 

Lächeln und Lästern auf 400 Seiten.

 

Doch das Gewitter bleibt aus, in diesem Buch wird anders gekämpft. Da passiert viel unter dem Mantel der Gutmütigkeit und Nächstenliebe. Stattdessen stehen die Frauen – Georgina, Joanne, Colette, und wie sie alle heißen – bei einer Art Benefiz-Wandermittagstisch in einer Küche, rühren, braten, schnippeln. Sie lächeln sich an und lästern gleichzeitig über die, die gerade nicht zuhören. Diese Frauen verachten sich und geben sich dennoch miteinander ab. Denn täten sie das nicht, wären sie raus aus dem Bienenstock, nicht mehr wichtig, weit weg von der Königin, allein. Das will eigentlich keine so wirklich. Natürlich wird dann doch bald klar: die Machtstellung der Bienenkönigin ist in Gefahr!

 

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Gill Hornby ist wissend! Ich las Interviews mit ihr in der britischen Presse. In einem erzählt sie, dass sie z.B. auch einmal mit anderen Frauen so ein Lunchrotationsding veranstaltet hat, jede kocht einmal für alle – und bis heute schämt sich Hornby ein bisschen dafür. Zu viele Frauen, zuviel Gruppenzwang, zu viele Gedanken darüber, was die eine von der anderen halten könnte.

 

»That’s based on real-life. I found myself in a group of ladies who lunch called Gourmet Gamble, and I thought, Jesus Christ, why am I doing this? I think we all go slightly bonkers when our children are little.« Gill Hornby in einem Interview mit The Observer (Mai 2013)

 

Mit einem für mich ungewohnt trockenem Humor beschreibt Gill Hornby, wie sich die Mutter Heather wünscht, auch eine schmutzige Großfamilie zu haben, anstatt nur einer braven, ordentlichen Tochter, und wie sie darum aus Frust in der Kaufhalle riesige Familienpackungen Butter und Waschmittel in ihren Einkaufswagen schmeißt, in der Hoffnung, verschwörerische Blicke von anderen geplagten Müttern zu erhaschen. Oder wie in den Sitzungen des Komitees, das Geld für die neue Schulbibliothek sammeln will, dem jungen, unerfahrenen Direktor Tom Orchard immer wieder über den Mund gefahren wird und die erste protokollierte Frage der Sitzung lautet: „Wann kommt denn die Mrs Orchard nachgereist?“. Die Antwort darauf löst, so steht’s im Protokoll, allgemeine Erregung aus. Im Komitee sitzen nur er und Frauen, Bea und die auserwählten Arbeitsbienen. Die erwähnten Protokolle befinden sich im Buch. Und ich habe Tränen darüber gelacht. Verdammt!

 

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Gill Hornby kann schreiben, sie ist Journalistin, schrieb jahrelang für den Daily Telegraph – und hat die härtesten Kritiker zu Hause sitzen. Eine ihrer Töchter arbeitet im Verlagswesen, ihr Mann ist Robert Harris, der schrieb „Angst“ und „Ghost“, ihr Bruder Nick (!) wurde durch Bücher wie „High Fidelity“ und „A long way down“ weltberühmt. Nach handwerklichen Parallelen habe ich nicht gesucht. Das ist die Wahrheit. Die Liebe zum Detail beim Ausarbeiten der einzelnen Charaktere und deren Macken wäre erwähnenswert. Außerdem neigt Gill Hornby zur Redundanz. Störend ist das nicht, im Gegenteil, ich wage zu behaupten, dass das – ähm – intensiviert.

 

Desperate Barnaby, or what!?

 

Dieser Weiberhaufen machte mich fertig. Kann es das geben? Ich befürchte ja. Natürlich kommen im Buch auch ernsthafte Themen zur Sprache: Scheidung, Selbstmord, Überforderung, zur Abwechslung hin und wieder wahre Freundschaft. Mein großes Glück ist: ich musste es nur lesen, nicht dort leben! Zwei TV-Serien kommen mit in den Sinn: dieses Buch ist eine Mischung aus Inspector Barnaby und Desperate Housewives schrullig und provinzell, bissig und unerklärlich spannend. Lese ich trotzdem nicht noch einmal. Gucke ich mir allenfalls an. Das Buch wird nämlich verfilmt, darf man den Gerüchten glauben …

 

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rbb radioeins | FAVORIT BUCH | 25.07.2013 | Lydia Herms über „Mutter des Monats“ von Gill Hornby (Audio-Link)

 

Gill Hornby: „Mutter des Monats“ (übersetzt von Andrea O’Brien)
KiWi Paperback, 398 S., 9,99 EUR, eBook: 9,99 EUR

 

Unnützes Buchwissen: Als Hornby beschloss, endlich ein Buch zu schreiben, saß sie gerade auf Teneriffa fest – wegen der Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, die im Frühjahr 2010 europaweit den Flugverkehr lahm gelegt hatte. Hornby war zudem vom Daily Telegraph gefeuert worden. „That was the rocket fuel I needed to get me to write the book.“, so die Autorin im Interview mit The Observer. Außerdem: Der Originaltitel des Buchs lautet „The Hive“ – der Bienenstock.

 

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