Allgemein, Drama

Zwischenstand.

Vor knapp drei Wochen beschloss ich, mein Leben zu ändern. Ich litt unter dem Ferienphänomen – und war es leid zu leiden. Bin es noch. Also setzte ich mich auf meinen viel zu unbequemen Schreibtischstuhl an meinen viel zu hohen Schreibtisch und beschloss Dinge für die kommenden Wochen…

„Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Samuel Beckett

Stuhl und Tisch fliegen raus. Auf  planungsboards.de bestellte ich eine 90×120 cm große Tafel, auf der ich drei Wochen mit einem Blick erfassen und mit Spezialstiften und großen Plänen füllen kann. Ich las Rezensionen von Kunden und Kritikern und wählte die Bücher „Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag“ von David Allen und „Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für kreative Chaoten“ von Cordula Nussbaum als Startlektüre. Ich richtete offizielle Kommunikations- und Produktionszeiten ein, akzeptierte nun endgültig die Präsenz des Mac-Kalenders auf meinen Endgeräten, informierte meinen Mann und meine „größten“ Auftraggeber darüber, dass nun bald alles ganz anders sei – und freute mich. So.

 „Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Klippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.“

Friedrich Hölderlin

Am 1.9. begann mein neues Leben, vor allem in meinem Kopf. Die Auftraggeber reagierten gelassen und liebenswert, vielleicht war ihnen meine Not nicht gegenwärtig, und mein Verlangen, für kommende Unannehmlichkeiten um Nachsicht zu bitten, nur ein weiterer, kleiner Teil des Problems. Ich bin nicht entspannt. Ich deklarierte Kommunikationszeiten in meiner Email-Signatur, halte sie aber noch nicht ein. Ständig wird mir geschrieben. Von Pressevertretern, von KollegInnen, von dawanda-Shops. Ich benutze seit Jahren nur eine Adresse für alles. Seitdem ich diese Website eingerichtet habe, benutze ich auch eine neue Kontaktadresse, aber am Ende landen alle Emails in einem Postfach. Das ist doof. Das muss ich anders organisieren. Wie genau, weiß ich noch nicht.

Ich hoffe auf die Bücher. Die liegen noch in meiner Packstation, seit zwei Tagen, fünf habe ich also noch, um sie abzuholen. Desweiteren hat die Boardfirma Lieferschwierigkeiten, mein Rettungsbrett hängt irgendwo fest. Vielleicht wird es noch gestanzt und bemalt, von Hand, ohne Lineal. Der Schreibtisch ist nicht mehr zu hoch, seitdem ich eine Fußbank benutze. Die Entscheidung für einen neuen Tisch fällt nicht leicht. Die Auswahl ist groß, das Finanzfeld auch. Ähnlich verhält es sich mit dem Stuhl. Dafür besitze ich jetzt ein neues Mikrofonstativ. Das wiegt eine Tonne und wackelt nicht. Schön.

 „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Bertolt Brecht

Und ich habe einen Termin. In knapp zwei Stunden besichtige ich ein Gemeinschaftsbüro in Berlin-Mitte. Auf dockboerse.com sprang sie mir entgegen, die Anzeige. Anja verlässt die Stadt und geht nach Hamburg. Zurück lässt sie einen tollen Arbeitsplatz und traurige KollegInnen. Für 155 EUR könnte ich das bald haben, inkl. Internet und Telefon, wenn wir uns mögen, und alles passt. Im Büro sitzen weitere Journalisten, Menschen, die wissen, wie ich arbeite, die nicht jeden Tag gemeinsam zweimal warm kochen wollen, sondern produzieren und fristgerecht abliefern müssen. Meine Audiobeiträge produziere ich weiterhin zuhause, in meiner Kammer, bei meinem Mikrofon, vor meinen überirdisch guten Monitorboxen. Für’s Denken muss ich raus. Und für’s Schreiben. Dann freut sich auch meine Steuerberaterin; endlich ein richtiges Büro.

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Funk, Literatur

Alle meine Buchmomente.

Woche für Woche darf ich – unterstützt von einer großartigen Redaktion – beim jungen Sender DRadio Wissen, dem dritten Programm des Deutschlandradio, ein Buch vorstellen, ganz egal, wie dick, wie traurig oder wie seltsam es ist. Auch spielt es keine Rolle, wann es erstmals erschien. Was zählt, ist, dass das Buch noch erhältlich ist, neu oder antiquarisch. Und zu einem besonderen Moment muss es passen. So ein Moment, in dem wir uns wünschen, ihn anhalten, auskosten, konservieren, vielleicht aber auch vergessen zu können.

 

Das perfekte Buch für den Moment…

 

Einige dieser Momente kenne ich gut. Andere sind mir zugetragen worden. Manche wünsche ich mir. Auf wenige könnte ich verzichten, hätte ich eine Wahl. Hm. Wir haben immer eine Wahl? Das ist nicht einfach. Einfacher ist es, in den Momenten anderer abzutauchen. Ich brauche das. Deswegen ist die Rubrik „Das perfekte Buch für den Moment…“ ein Segen für mich. Ich suche nach gut erzählten Momenten in Buchform, nicht, um sie klassisch zu rezensieren, sondern um sie weiterzugeben. Mein Ziel ist, Menschen zu beschäftigen, so innen drin. Und es ist natürlich sehr befriedigend, wenn diese Menschen am Ende meiner Schilderungen vom plötzlichen Ende überrascht hochschrecken – und fragen:

 

„Ja, und wie geht’s jetzt weiter?“

 

Anhören könnt Ihr die Buchmomente sonntags in der Sendung GRÜNSTREIFEN, später on demand auf dradiowissen.de, und noch etwas später auf meinem Soundcloud-Profil. Auf lydiaherms.de werde ich meine Beitragstexte veröffentlichen. Das, was hörbar ist, soll auch lesbar sein, manchmal ergänzt durch ein Interview,  durch Links, Zitate, Gedanken oder Kommentare von Freunden. Die Rubrik heißt: Buchmoment. Für Lob & Kritik bin ich dankbar.

Für Buchmomente auch.

Lesezeit mit Katze: "Jojo" von Steinunn Sigurðardóttir, rowohlt, 187 Seiten, 19,95 EUR, eBook: 16,99 EUR

Lesezeit mit Katze. „Jojo“ von Steinunn Sigurðardóttir, rowohlt, 187 Seiten, 19,95 EUR, eBook: 16,99 EUR

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Menschen, Musik

Hello Ludia!

Ich ertrinke. Kein Grund. Anfang September erscheint ein neues Studioalbum von Goldfrapp. Ich höre die alten Sachen – und seitdem ich erahnen kann, wie TALES OF US klingen wird, freue ich mich, als hätte ich einen Preis gewonnen, eine Prüfung bestanden oder einen erlösenden Anruf erhalten.

 

 

Alison Goldfrapp singt für mich. Sie macht hörbar, was ich fühle. Sie klagt und hofft, sie liebt und hasst, sie kämpft und versagt, musikalisch. Es ist, was ich hören will. Ich besitze alle Alben. Doch für mich, wie für andere auch, ist das erste Album FELT MOUNTAIN, veröffentlicht im Jahr 2000, produziert mit Unterstützung vom großartigen John Parish, das bedeutenste von allen, eine Art Offenbarung. Es ist so traurig. Was habe ich geheult; vorm Spiegel, im Bett, auf dem Fahrrad, in der Vorlesung.

 

Ü b e r a l l.

 

 

Ich hab‘ auch getanzt, klar. Heulen liegt mir aber mehr als Tanzen. Dann, 2005, in einem Promo-Interview für MDR SPUTNIK, ließ Alison Goldfrapp verlauten, es würde nie wieder ein Album wie FELT MOUNTAIN geben, das sei vorbei. Sie war richtig wütend, und ich betroffen. Denn genau diese Frage hatte ich der Kollegin aus der Musikredaktion mitgegeben. Alison habe sich danach für ihren Ausbruch entschuldigt, so die Kollegin. Ich stand vor dem Studio, sah durch das kleine Fenster auf eine zusammengesunkene Person in einem viel zu großen, hellbraunen Ledermantel mit einer Wolke wilder, blonder Locken in Kragenhöhe, und auf eine rudernde Kollegin. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich war neu, draußen und verliebt.

 

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

 

Es ist das einzige Autogramm, das ich besitze, von ein paar Buchwidmungen abgesehen. Ich erinnere mich an unsere Begegnung sehr gut, 2005 in Halle (Saale). Goldfrapp war für das damalige Programm von SPUTNIK nicht wirklich relevant, ich glaube, die Kollegen wollten den angebotenen Termin zur Veröffentlichung von SUPERNATURE einfach nur mitnehmen. Ich wurde gebeten, Fragen zusammenzusammeln. Das tat ich, bei meinen Freunden im Björk-Forum, die Liste war lang. Alison kam in Begleitung eines schwarzgekleideten Gorillas mit Glatze, ganz sicher nicht Will Gregory, und einer quirligen Frau von der Plattenfirma. Die Ansage war: Keine Fotos, keine Autogramme. Kein Problem. Die Redaktion war fast leer. Ich stand also da, in meinem knallroten Strickpullover.

 

Und ich starrte auf Alisons Hinterkopf.

 

Plötzlich fragte mich die Plattenfirmafrau, ob ich ein Autogramm haben wolle. Ich eierte, es sei doch eigentlich verboten. Ein Kollege kramte hektisch eine angeknickte Promokarte hervor, an der Hotline lag ein ausgefranster Goldstift herum, der Gorilla beäugte mich reglos, als ich hin und her flatterte. Und dann kam Alison aus dem Studio, eingefallen, ungeschminkt, lächelnd. Sie nahm den Stift und fragte nach meinem Namen. Ich konnte nicht einmal mehr Schulenglisch und sagte: „I like your voice.“, sie schrieb: „thank you!“. Ich sagte: „I’m so shy.“, sie antwortete: „Me too.“. Am Ende drucksten wir eine Weile herum und gaben uns schließlich nicht die Hände. Sie hatte Ludia geschrieben.

 

Und es wird ein Album wie FELT MOUNTAIN geben: TALES OF US. Am 23. Oktober spielt sie in Berlin im Heimathafen Neukölln, an einem Mittwoch. Ich gehe jetzt los und kaufe mir die Karte. Es ist bislang das einzige für Deutschland angekündigte Konzert. Außerdem spielt sie in London, Brüssel, Amstersdam und Zürich. Ich habe also gar keine Wahl.

 

 

Goldfrapp im Netz: http://www.goldfrapp.com/

Goldfrapp bei Facebook: https://www.facebook.com/Goldfrapp

Goldfrapp bei Twitter: https://twitter.com/Goldfrapp

 

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