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Ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir geht. Ich kann dir aber sagen, was geht. Ich balanciere ein Vogelnest auf meinem Kopf. Den Schlüpfer, den ich trage, habe ich seit gestern Morgen nicht mehr ausgezogen. Ich war schon zweimal auf der Toilette, einmal klein, einmal groß, brauchst du noch mehr Details? Dieser Morgen ist einer von vielen. Meine Bewegungen, mit denen ich die Zeit dirigiere, sind nichts Weltbewegendes, sie sind helmatypisch: ruckartig, grobmotorisch, auslassend, einladend, krumm. Du kennst mich doch. Ich bin wie immer. Wirklich, wie immer. Schon dreimal habe ich heute meinen Kontostand abgerufen. Dabei ist noch nicht 12:00 Uhr, er kann sich seit gestern Mittag nicht verändert haben. Nicht einmal um einen Cent. Aber vielleicht ja doch. Vielleicht haben sie die Buchungsregeln genau heute geändert, oder verschoben, wegen eines Betriebsfests oder Updates, digital, könnte doch sein. Vielleicht haben sie endlich festgestellt, dass es moralisch nicht vertretbar ist, arme Vogelnestbalanciererinnen wie mich bis mittags warten und hoffen zu lassen, dass ab gleich alles gut wird. Dass sich jemand geirrt und mir schnell ein paar unterschlagene Honorare überwiesen hat. Na, das tut uns jetzt aber leid. Grippewelle, Sie verstehen das. Klar, kein Ding. Dankeschön. Gern geschehen. Morgen gehe ich endlich zum Frisör.

Oma guck’, der Junge malt.

Ich schwitze wie die Hölle. Sitz’ da in dem geliehenen Campingstuhl, breitbeinig, nach vorn gebeugt, zu den Dingen, die ich vor mir auf dem Gehweg verteilt habe: Block, Pinsel, Buntstifte, Bleistifte, Wasserbecher, Wasserflasche, Wasserfarben, Ratzefummel, Küchenrolle. All das da so liegen zu sehen bereitet mir ein Gefühl der Genugtuung. Es ist so ordentlich. Links neben und auch hinter mir erhebt sich eine begrünte Anhöhe.

In den Büschen summt was.

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„Und dann hab’ ich den Typen angeguckt, so mit zugekniepten Augen, und mit Nasenlöchern, groß wie mein Flachbildschirm, nur doppelt, echt, ich bepiss‘’ mich schon wieder fast. Jedenfalls hab’ ich mich dann so vor ihm hingestellt, als würde ich ihm gleich eine schallern, wollte ich ja nicht, hau’ doch keine Wurst, kennst mich doch, aber der sollte das schon’n bisschen glauben, weil Kuchen meets Krümel und so, also, dann hab’ ich zu dem gesagt, pass’ auf, ich hab’ gesagt, furztrocken, Wort für Wort, zum Mitschreiben: Noch so’n Ding, Augenring. Kannste das glauben? Den ollen Kindergartenspruch hab’ ich echt gebracht. Ich! Bei dem! Musste voll lachen. Kam gar nicht drauf klar. Noch. So’n. Ding. Augen. Ring. Ich schmeiß’ mich weg. Voll Neunziger, oder!? – Helma? Biste noch da?“ „Ja.“ „Ist doch schräg, oder? Sag’ mal was.“

„Tat es weh?“

Was hat das mit Liebe zu tun?

„Liebesschlösser sind Spuren. […] Wenn’s dich stört, dann hast du ein Problem damit, dass überhaupt irgendjemand seine Spur hinterlässt.” (Pierre) vs. „Das ist ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle. […] Diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel.” (FRANKFURTER HAUPTSCHULE)

Mein Radiobeitrag zum Thema Liebesschlösser lief am 08.09.2016 im GRÜNSTREIFEN bei DRadio Wissen, dem dritten, jungen, digitalen Programm vom Deutschlandfunk. Hier zu hören. Und hier:

Liebesschloss an der Marschallbrücke in Berlin-Mitte – Foto: Lydia Herms
Liebesschloss an der Marschallbrücke in Berlin-Mitte – Foto: Lydia Herms

Manuskript:

Moderation: Ihr kennt sie, die Liebesschlösser, die an allem hängen, was einem Zaun oder einer Brüstung ähnlich ist, vorzugsweise am oder über Wasser. Vielleicht habt ihr selbst irgendwo eins angebracht. Vielleicht hasst ihr sie aber auch. So wie die Mitglieder der Künstlergruppe FRANKFURTER HAUPTSCHULE. Für eine Ausstellung initiierte diese Gruppe Anfang August eine Medienperformance. Bringt uns Liebesschlösser!, propagierten sie – und zahlten pro Stück einen Euro. Angeblich. Und angeblich kamen dabei fast 3000 Schlösser zusammen.

Ton: „Hi, Slaves. Hier spricht die FRANKFURTER HAUPTSCHULE. […] Manche Pärchen halten es für eine tolle Idee, ein Symbol ihrer Liebe, ein Vorhängeschloss, an Frankfurts zentrale Fußgängerbrücke zu klatschen. Geiles Symbol. Wir sagen, das ist ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle. Wir sagen, diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel. Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. […]“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Ton: „Also, mein Ästhetikempfinden stört’s nicht. Eindeutig.“ – „Mir fallen diese Schlösser eigentlich gar nicht auf. Ich seh‘ die dann ab und zu zwar, aber ich denk‘ da nicht offensichtlich drüber nach. Die haben eigentlich nicht so eine große Bedeutung für mich.“ – „Hm, ich denke, das ist ganz ortsabhängig. Zum Beispiel hier, würde ich sagen, passt es nicht ganz, aber zum Beispiel an der Warschauer Straße, Kreuzberg, da gehört das eigentlich dazu. Da sind auch einige, die ich da immer sehe. Ich find‘, die passen da hin, und sollten da bleiben – und es sollten noch mehr kommen, eigentlich. (lacht)“ (Umfrage, anonym | Rummelsburger See)

Text: Berlin, Rummelsburger See im Osten der Stadt, Paul-und-Paula-Ufer. Ich spreche Menschen an. Will ihre Meinungen über 100 Gramm buntes Metall mit Gravur einholen. Ausnahmslos alle der Gefragten geben sich sanftmütig.

Ton: „Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. […] Das muss weg! […]“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Text: Die Mitglieder der Künstlergruppe FRANKFURTER HAUPTSCHULE können gar nicht soviel essen wie sie kotzen wollen. Sie haben ein Problem mit den sogenannten Liebesschlössern, die an Geländern und Brüstungen aller Art hängen, als Zeichen für ewige Verbundenheit; Liebe sogar. Unter der Überschrift STAHLBAD IST 1 FUN riefen sie Anfang August dieses Jahres per Videobotschaft Gleichgesinnte auf, ihnen geknackte Liebesschlösser zu bringen, damit sie daraus „was Besseres“ machen können…

Ton: „[…] für den amourösen und ästhetischen Fundamentalismus. Frankfurter Hauptschule.“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Text: Nicholas gehört zur jungen Künstlergruppe – und ist zufrieden. Es wurde viel berichtet, aber auch viel gehasst. Der Vorwurf, herzlos zu sein, amüsiert ihn.

Ton: „[…] Ich mein‘, man kann’s ja auch einfach mal umdrehen und sagen, das ist letztendlich auch ’ne Form von einer brutalen Äußerung, wenn man uns das da so massenhaft um die Ohren haut, wenn wir jeden Tag zwischen dieser kitschigen Scheiße rumrennen müssen, die ja in dieser Masse auch irgendwie etwas aussagt… […]“ (Nicholas | Telefonat)

Text: Robert und Suse. Uschi und Harald. P plus A, BFF, best friends forever. Wir gehören zusammen. Und wir waren hier. Alles sollen es wissen.

Ton: „[…] Das, was diese Liebesschlösser ja irgendwie inhaltlich aussagen, also, ’ne Form von Knastsymbolik, und Zuschließen, und Kontrollieren, das ist ja ziemlich nah aneinander, dieses kleinbürgerliche Massenphänomen, da so touristisch irgendwelche Brücken zuzuklatschen, und jeder hängt nochmal eins dran, und das soll dann auch noch irgendwas mit Liebe zu tun haben? […]“ (Nicholas | Telefonat)

Text: Ob das was mit Liebe zu tun hat, ist für eine Stadtverwaltung grundsätzlich nicht relevant. Die will nur wissen: Sind die Schlösser in irgendeiner Weise gefährlich? Machen sie etwas kaputt? Und wenn ja: Welche Konsequenzen sind zu ziehen? In Berlin ist das Anbringen nirgends erlaubt, die Schlösser werden regelmäßig geknackt. Auch in Paris werden seit dem Sommer des vergangenen Jahres tonnenweise Liebesschlösser von den Seine-Brücken entfernt. Sie sind zu schwer, sagt die Stadt, und die hat wohl recht: bereits 2014 war ein Stück Geländer der Fußgängerbrücke Pont des Arts samt Buntmetall ins Wasser gestürzt. Auf großen Verbotsschildern wird nun proklamiert: Stop aux cadenas!, Stoppt die Schlösser!

Und die Stadt Frankfurt? Die schreibt auf ihrer Internetseite, es wäre „nicht zu befürchten, dass der Eiserne Steg durch diese Schlösser ganz oder in Teilen zusammenbricht.“. Von einem Verbot ist nicht die Rede.

In Berlin begegne ich den Franzosen Cecile und Pierre. Sie sind hergezogen, weil sie sich hier frei bewegen können, erzählen sie. Für sie sind die Schlösser Spuren. Spuren, die wir Menschen in unseren Städten hinterlassen. Wer Liebesschlösser knackt, zerstört Spuren?!

Ton: „(P) Wenn man sowas macht, dann ist man dagegen, dass man diesen space benutzt. Grundsätzlich zu sagen: ich finde das hässlich, ich will das wegtun, wenn’s dich stört, dann hast du ein Problem, das überhaupt irgendjemand seine Spur hinterlässt, und dann hat er ein Problem mit der Idee, dass das uns gehört. – „(C) Paris zum Beispiel gehört dir nie! Die public spaces sind superklein, du darfst nicht ein Getränk, also, ein Bier, draußen auf der Bank trinken, du darfst nicht auf dem Gras sitzen, das ist superverboten. Und vielleicht ist es ein Symbol, da, du bist draußen, aber der public space gehört dir nicht, darum brauchst du diese Art zu sagen: Doch, das gehört mir ein bisschen! Im Vergleich zu Berlin, wo du total frei bist.“ (Umfrage, Pierre & Cecile | Rummelsburger See)

Text: Das Liebesschloss als Spur, als Beleg für Unfreiheit, und das Aufhängen als Akt der Eroberung von öffentlichem Raum? Klingt absurd – aber schlüssig.

009

Sie sitzt am Schreibtisch. Mit feinem Strich zeichnet sie zwei Spalten einer Tabelle auf das weiße Blatt Papier, sorgfältig und doch: ungehalten. In die linke Spalte schreibt sie: Seelenheil, Aufmerksamkeit, Liebe, Kuchengeruch. In die rechte: Ruhe, Stille, Freiheit, Kühle. Das Ü und das H von Kühle verschwimmen, als eine Träne einen Krater der Sorge mitten in das Wort legt. Helma zieht Rotz hoch. Die Taschentücherbox ist so leer wie ihr Gehirn. Toilettenpapier wird es auch tun, denkt sie und schlurft ins Bad. Im Flur hört sie, wie der Bleistift vom Schreibtisch rollt.