Funk, Menschen

Was hat das mit Liebe zu tun?

„Liebesschlösser sind Spuren. […] Wenn’s dich stört, dann hast du ein Problem damit, dass überhaupt irgendjemand seine Spur hinterlässt.” (Pierre) vs. „Das ist ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle. […] Diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel.” (FRANKFURTER HAUPTSCHULE)

Mein Radiobeitrag zum Thema Liebesschlösser lief am 08.09.2016 im GRÜNSTREIFEN bei DRadio Wissen, dem dritten, jungen, digitalen Programm vom Deutschlandfunk. Hier zu hören. Und hier:


Liebesschloss an der Marschallbrücke in Berlin-Mitte – Foto: Lydia Herms

Liebesschloss an der Marschallbrücke in Berlin-Mitte – Foto: Lydia Herms

Manuskript:

Moderation: Ihr kennt sie, die Liebesschlösser, die an allem hängen, was einem Zaun oder einer Brüstung ähnlich ist, vorzugsweise am oder über Wasser. Vielleicht habt ihr selbst irgendwo eins angebracht. Vielleicht hasst ihr sie aber auch. So wie die Mitglieder der Künstlergruppe FRANKFURTER HAUPTSCHULE. Für eine Ausstellung initiierte diese Gruppe Anfang August eine Medienperformance. Bringt uns Liebesschlösser!, propagierten sie – und zahlten pro Stück einen Euro. Angeblich. Und angeblich kamen dabei fast 3000 Schlösser zusammen.

Ton: „Hi, Slaves. Hier spricht die FRANKFURTER HAUPTSCHULE. […] Manche Pärchen halten es für eine tolle Idee, ein Symbol ihrer Liebe, ein Vorhängeschloss, an Frankfurts zentrale Fußgängerbrücke zu klatschen. Geiles Symbol. Wir sagen, das ist ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle. Wir sagen, diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel. Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. […]“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Ton: „Also, mein Ästhetikempfinden stört’s nicht. Eindeutig.“ – „Mir fallen diese Schlösser eigentlich gar nicht auf. Ich seh‘ die dann ab und zu zwar, aber ich denk‘ da nicht offensichtlich drüber nach. Die haben eigentlich nicht so eine große Bedeutung für mich.“ – „Hm, ich denke, das ist ganz ortsabhängig. Zum Beispiel hier, würde ich sagen, passt es nicht ganz, aber zum Beispiel an der Warschauer Straße, Kreuzberg, da gehört das eigentlich dazu. Da sind auch einige, die ich da immer sehe. Ich find‘, die passen da hin, und sollten da bleiben – und es sollten noch mehr kommen, eigentlich. (lacht)“ (Umfrage, anonym | Rummelsburger See)

Text: Berlin, Rummelsburger See im Osten der Stadt, Paul-und-Paula-Ufer. Ich spreche Menschen an. Will ihre Meinungen über 100 Gramm buntes Metall mit Gravur einholen. Ausnahmslos alle der Gefragten geben sich sanftmütig.

Ton: „Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. […] Das muss weg! […]“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Text: Die Mitglieder der Künstlergruppe FRANKFURTER HAUPTSCHULE können gar nicht soviel essen wie sie kotzen wollen. Sie haben ein Problem mit den sogenannten Liebesschlössern, die an Geländern und Brüstungen aller Art hängen, als Zeichen für ewige Verbundenheit; Liebe sogar. Unter der Überschrift STAHLBAD IST 1 FUN riefen sie Anfang August dieses Jahres per Videobotschaft Gleichgesinnte auf, ihnen geknackte Liebesschlösser zu bringen, damit sie daraus „was Besseres“ machen können…

Ton: „[…] für den amourösen und ästhetischen Fundamentalismus. Frankfurter Hauptschule.“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Text: Nicholas gehört zur jungen Künstlergruppe – und ist zufrieden. Es wurde viel berichtet, aber auch viel gehasst. Der Vorwurf, herzlos zu sein, amüsiert ihn.

Ton: „[…] Ich mein‘, man kann’s ja auch einfach mal umdrehen und sagen, das ist letztendlich auch ’ne Form von einer brutalen Äußerung, wenn man uns das da so massenhaft um die Ohren haut, wenn wir jeden Tag zwischen dieser kitschigen Scheiße rumrennen müssen, die ja in dieser Masse auch irgendwie etwas aussagt… […]“ (Nicholas | Telefonat)

Text: Robert und Suse. Uschi und Harald. P plus A, BFF, best friends forever. Wir gehören zusammen. Und wir waren hier. Alles sollen es wissen.

Ton: „[…] Das, was diese Liebesschlösser ja irgendwie inhaltlich aussagen, also, ’ne Form von Knastsymbolik, und Zuschließen, und Kontrollieren, das ist ja ziemlich nah aneinander, dieses kleinbürgerliche Massenphänomen, da so touristisch irgendwelche Brücken zuzuklatschen, und jeder hängt nochmal eins dran, und das soll dann auch noch irgendwas mit Liebe zu tun haben? […]“ (Nicholas | Telefonat)

Text: Ob das was mit Liebe zu tun hat, ist für eine Stadtverwaltung grundsätzlich nicht relevant. Die will nur wissen: Sind die Schlösser in irgendeiner Weise gefährlich? Machen sie etwas kaputt? Und wenn ja: Welche Konsequenzen sind zu ziehen? In Berlin ist das Anbringen nirgends erlaubt, die Schlösser werden regelmäßig geknackt. Auch in Paris werden seit dem Sommer des vergangenen Jahres tonnenweise Liebesschlösser von den Seine-Brücken entfernt. Sie sind zu schwer, sagt die Stadt, und die hat wohl recht: bereits 2014 war ein Stück Geländer der Fußgängerbrücke Pont des Arts samt Buntmetall ins Wasser gestürzt. Auf großen Verbotsschildern wird nun proklamiert: Stop aux cadenas!, Stoppt die Schlösser!

Und die Stadt Frankfurt? Die schreibt auf ihrer Internetseite, es wäre „nicht zu befürchten, dass der Eiserne Steg durch diese Schlösser ganz oder in Teilen zusammenbricht.“. Von einem Verbot ist nicht die Rede.

In Berlin begegne ich den Franzosen Cecile und Pierre. Sie sind hergezogen, weil sie sich hier frei bewegen können, erzählen sie. Für sie sind die Schlösser Spuren. Spuren, die wir Menschen in unseren Städten hinterlassen. Wer Liebesschlösser knackt, zerstört Spuren?!

Ton: „(P) Wenn man sowas macht, dann ist man dagegen, dass man diesen space benutzt. Grundsätzlich zu sagen: ich finde das hässlich, ich will das wegtun, wenn’s dich stört, dann hast du ein Problem, das überhaupt irgendjemand seine Spur hinterlässt, und dann hat er ein Problem mit der Idee, dass das uns gehört. – „(C) Paris zum Beispiel gehört dir nie! Die public spaces sind superklein, du darfst nicht ein Getränk, also, ein Bier, draußen auf der Bank trinken, du darfst nicht auf dem Gras sitzen, das ist superverboten. Und vielleicht ist es ein Symbol, da, du bist draußen, aber der public space gehört dir nicht, darum brauchst du diese Art zu sagen: Doch, das gehört mir ein bisschen! Im Vergleich zu Berlin, wo du total frei bist.“ (Umfrage, Pierre & Cecile | Rummelsburger See)

Text: Das Liebesschloss als Spur, als Beleg für Unfreiheit, und das Aufhängen als Akt der Eroberung von öffentlichem Raum? Klingt absurd – aber schlüssig.

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#FBex, Fundstück

Oh, Liebding. #FBex

29. Juni 2011

© Lydia Herms | Halle (Saale)

Meine erste Reportage für DRadio Wissen – eine tolle Idee, Menschen zu verkuppeln, unabhängig von Frisur, Statur und Stimme. Benötigt wurden: persönlicher Gegenstand, Alter, Geschlecht, ein Text = Liebe los! im Liebding – der Shop für Singles. Leider war das Projekt zeitlich begrenzt. Im Jahr 2014 wagten die wunderbaren Erfinderinnen eine Neuauflage. Ob es gut lief bzw. noch läuft, weiß ich nicht.

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Literatur, Textstelle

Nennen wir es Liebe.

[…] Ich betrachtete sie zwei Stunden lang und betete zu Gott (das einzige Mal in meinem Leben), dass ich sie wie ein Mensch lieben könnte, nicht wie dieser Roboter, der ich bin, wissend, dass ich nicht erhört werden würde. Trotzdem lag ich diesem Gott weiterhin in den Ohren, denn ich wusste haargenau, dass ich hier und jetzt das Wunderschönste in meinem Leben erlebte, das war kein Vorschuss auf ein Glück, sondern schlicht und ergreifend der Höhepunkt meiner Seligkeit, und entsprechend selig saß ich zwei Stunden lang da und blickte auf meine schlafende Frau (denn sie war von dem Moment an meine Frau, als sich ihr Haar an ihrem Hals in das Pfötchen einer Schmusekatze verwandelte), und ich liebte sie von ganzem Herzen mit meinen Augen. […]

Martin Montag in „Jojo“ von Steinunn Sigurðardóttir (Rowohlt)

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Literatur, Textstelle

Gottfried an Gertrud.

Wer sich nach Träumen sehnt, die noch nach dem Erwachen starkes Herzklopfen auslösen, der sollte Benns Briefe lesen, nachts.

 

„Es gibt Tage, die so leer sind, daß man sich wundert, daß die Fensterscheiben nicht rausgedrückt werden von dem negativen Druck; es gibt Gedankengänge von einer Aussichtslosigkeit, die bewußtseinsraubend ist.“

 

Auch wenn das physikalisch nicht ganz richtig scheint – eine Leere saugt doch eher, anstatt zu drücken!? Und: Kommt „negativer Druck“ von innen oder von außen? Diskussionswürdig, so oder so.

Gottfried Benn in einem Brief an Getrud Zenzes, wahrscheinlich 1922, aus "Gottfried Benn: Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956", dtv, 1962, 3. Auflage 1975, S. 11

Gottfried Benn in einem Brief an Getrud Zenzes, wahrscheinlich 1922, aus „Gottfried Benn: Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956“, dtv, 1962, 3. Auflage 1975, S. 11

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Allgemein, Menschen

Eine Bitte.

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Es ist mehr als das. Es ist eine Hoffnung, ein Sehnen, ein Elend. Das vergangene Jahr war nicht schlecht, iwo. Es war  u n f a s s b a r  anstrengend. Weil ich nicht Nein! sagen konnte, weil ich nicht Tschüss! sagen wollte, weil ich oft den Überblick verlor – und weil ich meine Liebe fand.

Ich gestehe: ich würde gern auf RESET drücken, oder ein paar LAYER löschen; zumindest die, auf denen ich unkonzentriert und zusammenhanglos gekliert habe. Auf denen ich Dinge verewigte, für die ich noch bis in alle Ewigkeit geohrfeigt werden müsste. Verbal allenfalls. Mit Schampieken. Oder mit Geschrei. Irgendwie so. Das zu erklären, ist nicht einfach. Es ist die Wahrheit, dass ich erst weine und dann lache. Das erklärt vielleicht, warum ich in diesem Text erst um Erlösung bitte – und dann schreibe:

 

Ich bin glücklich.

 

Ich habe das Jahr 2013 geschafft, ohne hinzuschlagen und zu verbluten. Das ist gut. Unterwegs traf ich einen Mann, der mich liebt. Das kann jedem mal passieren, auch mir, ja, aber nicht so. Er ist, was fehlte. Und mehr. Das kann kein Zufall sein!

Auch nicht die Begegnung mit einer Mode-Designerin im Zug von Halle (Saale) nach Berlin am 2. Weihnachtsfeiertag. Sie trug ihren 5 Monate alten Sohn auf dem Arm, und wir mussten stehen, weil nirgends freie Plätze zu finden waren. Als dann endlich doch, waren uns diese zu weit auseinander; wir wollten reden. Das Baby sah und hörte uns entspannt dabei zu. Nach einer knappen Stunde nicht mehr. Es quengelte. Es weinte. Ich zog Grimassen – und es lachte. Erst Weinen, dann Lachen. Ich reagierte, obwohl ich das Phänomen schon mehrmals bei Babys beobachtet hatte, überrascht. Noch mehr, als mir die Mitreisende eine Theorie erklärte, nach der Lachen aus dem Weinen entsteht, nämlich dann, wenn Entspannung eintritt, das Kind erkennt, dass es doch gar nicht so dramatisch ist. Und ich lache jetzt.

 

Es ist mehr als das.

 

Ich habe viel gearbeitet in den vergangenen Monaten und Jahren. Ich nahm Aufträge an, obwohl sie schlecht bezahlt wurden. Ich sagte mir: „Ich brauche das Geld.“, und sie sagten mir: „Mehr geht wirklich nicht, Lydia.“. Ich bin müde vom vielen Anstrengen. Selbst wenn ich ruhe, träume ich von dieser Anstrengung. Was ich verdiene, erhalte ich nicht. Jedenfalls nicht immer. Im neuen Jahr wird es anders werden.

Ich gehe, wenn sie mich nicht angemessen bezahlen, zu denen, die es tun. Die gibt es, denn ich habe durchaus schon Auftraggeber gefunden, die angemessen zahlen. Und wenn es doch eng wird, dann gehe ich ganz neue Wege, ohne Radio. So sage ich es mir. Ich habe viele Ideen. Wenn ich Hilfe zulasse, kann ich sie auch umsetzen. Ich weiß es. Und ich weiß auch, dass ich nicht die einzige freie Autorin bin, der es so geht. Das ist meine Botschaft: Lasst Euch das nicht gefallen! Ja, es wird andere geben, die Eure Jobs machen, wenn Ihr sie nicht mehr macht, weil Leistung und Honorar in keinem akzeptablen Verhältnis stehen. Geht trotzdem. Glaubt an Euch.

 

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Menschen, Musik

Hello Ludia!

Ich ertrinke. Kein Grund. Anfang September erscheint ein neues Studioalbum von Goldfrapp. Ich höre die alten Sachen – und seitdem ich erahnen kann, wie TALES OF US klingen wird, freue ich mich, als hätte ich einen Preis gewonnen, eine Prüfung bestanden oder einen erlösenden Anruf erhalten.

 

 

Alison Goldfrapp singt für mich. Sie macht hörbar, was ich fühle. Sie klagt und hofft, sie liebt und hasst, sie kämpft und versagt, musikalisch. Es ist, was ich hören will. Ich besitze alle Alben. Doch für mich, wie für andere auch, ist das erste Album FELT MOUNTAIN, veröffentlicht im Jahr 2000, produziert mit Unterstützung vom großartigen John Parish, das bedeutenste von allen, eine Art Offenbarung. Es ist so traurig. Was habe ich geheult; vorm Spiegel, im Bett, auf dem Fahrrad, in der Vorlesung.

 

Ü b e r a l l.

 

 

Ich hab‘ auch getanzt, klar. Heulen liegt mir aber mehr als Tanzen. Dann, 2005, in einem Promo-Interview für MDR SPUTNIK, ließ Alison Goldfrapp verlauten, es würde nie wieder ein Album wie FELT MOUNTAIN geben, das sei vorbei. Sie war richtig wütend, und ich betroffen. Denn genau diese Frage hatte ich der Kollegin aus der Musikredaktion mitgegeben. Alison habe sich danach für ihren Ausbruch entschuldigt, so die Kollegin. Ich stand vor dem Studio, sah durch das kleine Fenster auf eine zusammengesunkene Person in einem viel zu großen, hellbraunen Ledermantel mit einer Wolke wilder, blonder Locken in Kragenhöhe, und auf eine rudernde Kollegin. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich war neu, draußen und verliebt.

 

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

 

Es ist das einzige Autogramm, das ich besitze, von ein paar Buchwidmungen abgesehen. Ich erinnere mich an unsere Begegnung sehr gut, 2005 in Halle (Saale). Goldfrapp war für das damalige Programm von SPUTNIK nicht wirklich relevant, ich glaube, die Kollegen wollten den angebotenen Termin zur Veröffentlichung von SUPERNATURE einfach nur mitnehmen. Ich wurde gebeten, Fragen zusammenzusammeln. Das tat ich, bei meinen Freunden im Björk-Forum, die Liste war lang. Alison kam in Begleitung eines schwarzgekleideten Gorillas mit Glatze, ganz sicher nicht Will Gregory, und einer quirligen Frau von der Plattenfirma. Die Ansage war: Keine Fotos, keine Autogramme. Kein Problem. Die Redaktion war fast leer. Ich stand also da, in meinem knallroten Strickpullover.

 

Und ich starrte auf Alisons Hinterkopf.

 

Plötzlich fragte mich die Plattenfirmafrau, ob ich ein Autogramm haben wolle. Ich eierte, es sei doch eigentlich verboten. Ein Kollege kramte hektisch eine angeknickte Promokarte hervor, an der Hotline lag ein ausgefranster Goldstift herum, der Gorilla beäugte mich reglos, als ich hin und her flatterte. Und dann kam Alison aus dem Studio, eingefallen, ungeschminkt, lächelnd. Sie nahm den Stift und fragte nach meinem Namen. Ich konnte nicht einmal mehr Schulenglisch und sagte: „I like your voice.“, sie schrieb: „thank you!“. Ich sagte: „I’m so shy.“, sie antwortete: „Me too.“. Am Ende drucksten wir eine Weile herum und gaben uns schließlich nicht die Hände. Sie hatte Ludia geschrieben.

 

Und es wird ein Album wie FELT MOUNTAIN geben: TALES OF US. Am 23. Oktober spielt sie in Berlin im Heimathafen Neukölln, an einem Mittwoch. Ich gehe jetzt los und kaufe mir die Karte. Es ist bislang das einzige für Deutschland angekündigte Konzert. Außerdem spielt sie in London, Brüssel, Amstersdam und Zürich. Ich habe also gar keine Wahl.

 

 

Goldfrapp im Netz: http://www.goldfrapp.com/

Goldfrapp bei Facebook: https://www.facebook.com/Goldfrapp

Goldfrapp bei Twitter: https://twitter.com/Goldfrapp

 

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Literatur, Termin

Keine Experimente.

Alles hat seine Zeit. steht auf dem weißen Papier mit Bundesadler im Kopf. Ein edler Füller liegt akkurat daneben. Das Büro ist wie immer tadellos aufgeräumt. Und es ist leer. Der junge Bundestagsabgeordnete Frederik Kallenberg ist verschwunden. Einfach so. Die Kollegen sind verwirrt. Die Bundeskanzlerin wünscht der Familie alles Gute. Die Presse spekuliert. Einer wie Kallenberg haut nicht einfach so ab. Der ist zuverlässig und handelt verantwortungsbewusst. Da muss was passiert sein.

 

Es ist etwas passiert.

 

Frederik Kallenberg stammt aus einem kleinen Dorf im Sauerland, Waldhagen. Da marschieren sie alljährlich zum Schützenfest, lobpreisen das Bier und beenden jeden zweiten Satz mit woll. Er ist 16, als ihn Jürgen aus der Klasse auf dem Moped zum Treffen der jungen Konservativen mitnimmt. Kallenberg hat keine Ahnung von Politik. Das ändert sich schnell. Und nur 20 Jahre später sitzt er im Bundestag, pendelt allwöchentlich vom großen Berlin ins kleine Waldhagen, wo er mit seiner Familie lebt. Von den Nachbarn wird er bewundert, von den politischen Gegnern unterschätzt. Sein Steckenpferd ist die Familienpolitik, der Dorn in seinem Auge ist der Feminismus.

Bis zu seinem Verschwinden führte er ein Bilderbuchleben, allerdings aus einem ziemlich alten Bilderbuch, so von 1950, vielleicht. Kallenberg liebt Julia, seine Ehefrau, die ist sanftmütig, harmoniebedürftig, tapfer. Die beiden Söhne sind 5 und 15 Jahre alt. Das da zwischen Julia und Frederik ist die eine große, wahre, reine Liebe. Da geht nichts drüber. Kallenberg glaubt an die klassische Ehe zwischen Mann und Frau. Und daran, dass der Feminismus die Menschheit unglücklich macht, die Scheidungsrate sei auch deswegen so hoch, genau wie die Zahl der Kinder mit Knacks. Die Rollenverteilung „er arbeitet, sie kümmert sich um die Kinder“ ist für ihn die einzig vernünftige. Zudem macht er jedes Jahr Urlaub am gleichen Ort, bucht ungern etwas im Internet, und glaubt an Gott. Scheinheiligkeiten und Zweideutigkeiten widern ihn an. Ja, Kallenberg ist altmodisch und fromm. Seine Welt ist heil.

 

Scheinbar, ja.

 

Frederik Kallenberg verliert die Kontrolle. Bewahrtes Glück, auf Ritualen aufbauend, das ist sein Leben. Während einer Podiumsdiskussion trifft er auf eine junge, selbstbewusste Frau, eine Feministin, ohne Haare auf den Zähnen und in den Achselhöhlen. Sie ist 10 Jahre jünger als er, unabhängig, herzlich, aufbrausend, umtriebig. Und sie trägt bunte Strümpfe. Liane, so ihr Name, ist das Höllenfeuer, vor dem er sich Frederik Kallenberg immer sicher wähnte. Liane ist ganz anders als seine Julia. Und es gefällt ihm. Wie kann das sein? Kallenberg tut etwas, was er sich nie erlauben wollte: er missachtet sein eigenes Regelwerk, das, woran er glaubt. Es macht PENG! Alles verschwindet. Kallenberg verschwindet …

 

 

Markus Feldenkirchen muss etwas besitzen, wovon ich schon ein Leben lang träume: einen Rekorder, der Gedanken und Erinnerungen einfängt, so, dass sie später notiert echt sind. Ich habe gesehen, wie der kleine Kallenbach im Kinderzimmer unter Zwangshandlungen litt, kaum noch schlief, auf die Mutter wartete und sich für den versoffenen Vater schämte. Ich spürte die Erregung, als er mit Ende 30 erstmals von einer anderen Frau, als seiner eigenen berührt wird. Ich hoffte, er würde zur Vernunft kommen, wenn er sich über die moralischen Verfehlungen der anderen echauffierte, und ich sehnte mich nach seiner heilen Welt.

Feldenkirchen erzählt mit großen Bildern und vielen kleinen Details eine Geschichte von einem Menschen, der lernen muss, dass Prinzipien blockieren können, dass es wichtig ist, Entscheidungen zu treffen, selbst wenn die Vernunft meilenweit entfernt scheint. Das Leben ist nicht zu 100% planbar. Und die Ehe ist nicht heilig. Und ja, es geht natürlich auch um Politik, um den Zirkus, und dabei wird keine Partei verschont oder verherrlicht. Ich gestehe: Ich bin dankbar für dieses Buch. Bitte lesen.

 

rbb radioeins | FAVORIT BUCH | 18.07.2013 | Lydia Herms über "Keine Experimente" von Markus Feldenkirchen

rbb radioeins | FAVORIT BUCH | 18.07.2013 | Lydia Herms über „Keine Experimente“ von Markus Feldenkirchen

 

Markus Feldenkirchen: „Keine Experimente“
Kein & Aber, 399 S., 22,90 EUR, HC inkl. eBook

 

Di, 13. Aug. 2013 | 20:00 Uhr | Buchhandlung Georg Büchner am Kollwitzplatz in Berlin (Prenzlauer Berg) | Markus Feldenkirchen liest aus KEINE EXPERIMENTE | Eintritt: tba.

So, 01. Sept. 2013 | 13:00 Uhr  | Festival lit:potsdam | Lesungen und Gespräche: Markus Feldenkirchen, David Wagner, Birk Meinhardt über Lebensstrategien | Moderation: Christine Thalmann | Hans Otto Theater / Neues Theater (Glasfoyer) | Karten: 15,00 €

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Katzen, Literatur

Sie und ich.

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Das ist Emily. Sie ist 11 Jahre alt und sehr klein. Im Sommer 2008 kam sie zu mir, unfreiwillig und großäugig. Damals war sie noch dünner und hatte vier Zähne mehr. Inzwischen nimmt sie täglich Medizin gegen Bluthochdruck. Zusammenfassend kann man sagen: Emily ist alt, dick und krank. Es geht ihr gut. Dank ihr geht es mir gut. Sie hat ein schwarzes Barthaar und riecht wie Kuchen.

 

Sie und ich, wir sind so.

 

Wenn sie nicht auf mir liegt, widmet sie sich meinen Schuhen oder vergräbt sich im Bettzeugtunnel, den ich ihr, besonders im Winter, zu bauen habe. Oh, und sie spricht. Zudem apportiert sie ihre Klackermäuschen wie ein Hündchen. Sie kackt Kullerketten und scharrt dann im Kistenumkreis von 2 Metern, nur nicht unmittelbar neben der Wurst. Meinen Musikgeschmack erträgt sie mit Würde, meine Leselust begrüsst sie, bietet sich so doch recht regelmäßig die Möglichkeit, meinen ruhenden Körper und gern auch das Buch zu entern, sodass ein Umblättern bald nicht mehr möglich ist, wir entweder schwesterlich eindösen, oder ich sie an die Seite verbanne. Ich werde von Emily berichten. Ab jetzt.

 

„Wer Katzen schätzt, gilt leicht als Sonderling. Er fühlt sich aber auch selber als etwas Besonderes. Er ist, um ein neuerdings wieder modernes Wort zu verwenden, ein Nonkonformist. Er wünscht, nicht mit dem Durchschnitt der Meinungen zu gehen. Auch die Dichter sind häufig [wie ich glaube, sogar stets] ein wenig Nonkonformisten. Viele von ihnen lieben Katzen, weil sie da die Übereinstimmung im Nichtübereinstimmen spüren. Edmond Jaloux hat schön geschrieben, daß die Katzen Überfluß, Ungestörtheit und Lust brauchen – luxe, calme et volupté.“

 

Auszug aus dem Kapitel ‚Literatur‘ in „Katzen“ von Axel Eggebrecht, Verlag der Arche, Auflage: 1982, erstmals veröffentlicht: 1927, aktuelle Auflage: 2012

 

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Literatur, Menschen

Paulas Brief.

Paula ist 10 Jahre alt. Sie liest gern Bücher und schreibt darüber in ihrem Blog Paulas Bücherkiste. Den fand ich durch eine Freundin: Mimi Welldirty, Kinderbuchautorin & Musikerin. Paulas zuletzt veröffentlichter Beitrag beeindruckte mich sehr. Er ist kurz, aber konkret. Sie schrieb einen offenen Brief an deutsche Verleger.

 

„[…] In allen Büchern, die ich lese gibt es immer nur Jungs und Mädchen, die sich in einander verlieben und keine lesbischen Mädchen. Nur bei den wilden Hühnern habe ich sowas gelesen. Es ist doch kein Wunder, wenn dann alle Kinder denken, es sei unnormal als Mädchen ein Mädchen oder als Junge einen Jungen zu lieben. Warum könnt Ihr denn nicht mehr solcher Geschichten drucken? […]“ (paulasbuecherkiste.wordpress.com)

 

In Frankreich gehen 150.000 Menschen auf die Straße, um gegen die Ehe von Homosexuellen zu protestieren. Und hier verlangt eine Zehnjährige nach Freiheit im Kinderbuch.

 

Paula, ich verneige mich.

 

Offener Brief von Paula an deutsche Kinderbuch-Verleger

 

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Literatur, Menschen

Oh, Anaïs.

Ich wollte fleißig sein. „Heimschwimmen“ von Deborah Levy wartet, wie auch „Katzenberge“ von Sabrina Janesch, als Hörbuch. Ich wollte etwas Vernünftiges essen. Außerdem Katzenfutter kaufen, danach das Bad wischen, nebenbei die Waschmaschine anschmeißen – und mehr trinken. Wasser oder Tee. Ich wollte meine Krankenkasse anrufen. Und meine Freundin in Lübeck. Ich wollte das Päckchen für eine andere Freundin in Halle schnüren und zur Post bringen. Ich hatte einen Plan.

 

Stattdessen sitze ich Pfefferminzstäbchen essend, dehydriert, aber elektrisiert an meinem Schreibtisch und lese in den Tagebüchern von Anaïs Nin, seit Stunden schon. Nach einem Reportagestreifzug heute Vormittag durch die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg, landete ich in einem Antiquariat. Ich kann diesen schlecht eingerichteten, irgendwie immer braun und blassblau erscheinenden Läden einfach nicht widerstehen. Sie locken mit Kisten vor den Schaufenstern und mit Regalen bis zu den Decken. Überall Bücher. Und es riecht so gut: nach alten Schulkarten im Geografie-Raum. Und nach Pullover.

 

Oh, Anaïs.

 

„Das Delta der Venus“, die erotischen Erzählungen, kenne ich und lese ich gerade wieder auf dem eReader in der U-Bahn. Das beißt sich. Auch weiß ich von der Beziehung mit Henry Miller. Und dass Anaïs Nin Krebs hatte, woran sie starb. Ich weiß, dass sie viel schrieb, und dass sie ein Vorbild sein kann, als Frau und als Mensch. Doch das hätte ich bis vor wenigen Stunden nur gedacht, nie gesagt, denn das wäre vornehmlich nachgeplappert und dahingesagt. Ich weiß nicht viel. Vielleicht will ich sie zum Vorbild haben – und fragte im Laden deswegen gezielt nach Büchern von ihr. Ein Herr kletterte auf eine Leiter – und reichte mir drei.

 

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„Ich bin unglücklich und glücklich.“ (Anaïs Nin: „Das Kindertagebuch 1919-1920“, Nymphenburger Verlagshandlung, 1981, S. 7, Freitag, 13. Juni 1919)

 

Ich besitze jetzt also die Bände 1919-1920, 1939-1944 und 1947-1955. Mir fehlen noch fünf weitere. Anaïs Nin lebte von 1903 bis 1977. Ich kann nicht sagen, ob die von einem gewissen Dieter Wunderlich aufgeführte Kurzbiografie von Anaïs Nin vollständig und richtig ist, so ist sie doch eindeutig beeindruckend. Die Tagebucheinträge, die ich im Augenblick lese, schrieb Anaïs mit 16 Jahren. Ich war 13, vielleicht 14, als ich versuchte, ein Tagebuch zu führen. Ich fühlte mich noch vergessener dabei – und wechselte zum Schreiben von Briefen. Das kann ich.

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