Menschen, Termin

Wir sind Demokratie.

Beinahe hätte ich das übersehen: Eric Brinkmann und Annette Brüggemann haben einen Film gemacht – über Demokratie: “Wir sind Demokratie!”, ARTE/ZDF mit WDR, ORF, SRF 2013, 56 Min., Kobalt Productions.

 

“Wie wollen wir in Zukunft leben? [...] Wollen wir lieber eine “marktkonforme” oder eine “menschenkonforme” Demokratie? Hat unsere repräsentative Demokratie in Zukunft überhaupt noch eine Chance?”

 

Am Freitag, den 17.01. ist Jón Gnarr, der amtierende Bürgermeister von Reykjavík zu Gast in der Volksbühne Berlin, um dort im Gespräch mit dem Autor Richard David Precht und der Radio- und Filmemacherin Annette Brüggemann sein Buch “Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte.” (Tropen) vorzustellen. In “Wir sind Demokratie!” kommt er als Gründer der Besten Partei zu Wort.

 

“Von Madrid, wo mit der Protestbewegung “15M” im Mai 2011 alles begann, bis nach Reykjavík, wo nach der Finanzkrise das Rathaus von der “Besten Partei” des Punkmusikers und Komikers Jón Gnarr erobert wurde. In die Schweiz, wo in der “KaosPilots School” eine neue Generation von sozial verantwortlichen Führungskräften ausgebildet wird, zu dem österreichischen Globalisierungskritiker Christian Felber, Erfinder der “Gemeinwohl-Ökonomie”. Quer durch Deutschland zu Menschen, die Alternativen erdenken und erproben, darunter Marina Weisband, die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Harald Welzer und seine Stiftung “Futurzwei”, sowie Julian Petrin mit seinem bürgerschaftlichen Projekt “Nexthamburg”. (Quelle: annettebrueggemann.com)

 

Sendetermine:

Montag, den 20.01.14, 7:20 Uhr, WDR

Montag, den 27.01.14, 7:20 Uhr, WDR (Wdh.)

Sonntag, den 16.03.14, 20:55 Uhr, RTS

Information: arte.tv

Standard
Literatur, Menschen

Gottfried an Gertrud.

Wer sich nach Träumen sehnt, die noch nach dem Erwachen starkes Herzklopfen auslösen, der sollte Benns Briefe lesen, nachts.

 

“Es gibt Tage, die so leer sind, daß man sich wundert, daß die Fensterscheiben nicht rausgedrückt werden von dem negativen Druck; es gibt Gedankengänge von einer Aussichtslosigkeit, die bewußtseinsraubend ist.”

 

Auch wenn das physikalisch nicht ganz richtig scheint – eine Leere saugt doch eher, anstatt zu drücken!? Und: Kommt “negativer Druck” von innen oder von außen? Diskussionswürdig, so oder so.

Gottfried Benn in einem Brief an Getrud Zenzes, wahrscheinlich 1922, aus "Gottfried Benn: Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956", dtv, 1962, 3. Auflage 1975, S. 11

Gottfried Benn in einem Brief an Getrud Zenzes, wahrscheinlich 1922, aus “Gottfried Benn: Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956″, dtv, 1962, 3. Auflage 1975, S. 11

Standard
Helma, Literatur

Auf dem Bett gegenüber dem großen Kleiderschrank liegt das Tier, fest zusammengerollt, leise seufzend, das schwarze Fell wie Lack. Helma steht eine Weile im Türrahmen und zögert den Moment hinaus, in dem sie sich an das schlafende Tier anschleichen und es mit der Stirn berühren, und dieses verwirrt gurrend und blinzelnd aufschrecken würde. Die Zeit hört auf zu atmen. Helma schleicht. Der kleine Körper bebt. Das Licht ist braun und gelb und weiß. Quietschende Reifen auf der Straße vor dem Haus zerreißen jäh die Schlafzimmerstille und verhindern das oft ausgeübte Ritual. Das Tier ist wach.

006

Kurzmitteilung
Literatur, Menschen

Begegnung mit Pieper.

Ich traf Juliane Pieper. Die kannte ich bereits, bevor wir uns kennenlernten, ohne es zu wissen. Sie illustriert und schreibt nämlich. Auch in meinen Lieblingsmagazinen. Die sauge ich zwar gnadenlos aus, studiere Gerichtsreportagen, Kolumnen, Porträts und gucke Bilder, aber ins Impressum sehe ich verhältnismäßig selten, bzw. dann doch ab und zu, um lediglich kopfnickend mir bekannte Namen zu entdecken. Wie man das eben so macht unter Kollegen*. Da wird dann gern mal ein: “Huch, die auch?”, oder ein: “Der war ja damals schon komisch.” gemurmelt.

Der Name Juliane Pieper stand da schon häufig – im DAS MAGAZIN, in der taz und woanders. Als ich das erkannte, entfuhr mir lautes Euphoriegemurmel, denn da wusste ich, dass sie die ist, die das und das gemacht hatte. Bücher schreibt sie auch. Dewegen haben wir uns getroffen. Zuletzt erschien ihr kleines Bändchen “Lesewesen” im Verlag Heyne. Darin geht es um uns: die Leser*. Leser von Frauenzeitschriften, Ratgebern, Arztromanen, Comics und Bestsellern. Wir erfahren, wie es in einer Frauen-Lesegruppe wirklich (!) zugeht, warum es die Badewannenleser im Grunde am besten haben und wie fantasieanregend das gemeine Freizeitlesen sein kann. Berge auf Balkonien. Pferdegetrappel in der Kantine. Beduinengeschrei in der S-Bahn.

 

140106-lydiaherms-julianepieper-lesewesen-800x600

“Lesewesen. Von Badewannenlesern, dem Blätterwald und Papiertigern – verbreitete, seltene und sonderbare Geschöpfe aus der Welt des Lesens” von Juliane Pieper, Heyne Verlag, 96 Seiten, s/w illustriert, 4,00 EUR

 

Juliane und ich sind Bus gefahren – und dann in einem Kreuzberger Café gelandet. Überall haben wir uns unterhalten, gehend und stehend. Über die Stadt, über Leser* in der Stadt, über’s Schreiben und Zeichnen, über die Freiheit, aber auch die Sorge, selbstständig zu arbeiten, über Unfreundlichkeit und Leseverhalten. Das Ergebnis unseres auschweifenden Gesprächs ist bald komprimiert und produziert hörbar auf DRadio Wissen. Den Link reiche ich nach. Das komplette Interview auch. Ich tippe noch.

Juliane Pieper lebt seit 13 Jahren in Berlin, kommt ursprünglich aus Stuttgart, wo sie 1975 geboren wurde, von einer Berlinerin. Sie studierte Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Kommunikationsdesign, und ist eine ausgebildete Grafikerin. Wenn sie nicht zeichnet und schreibt, spielt sie Fagott bei der Zentralkapelle Berlin. Und sie ist lustig. Ja, verdammt, diese Frau kann alles. So sieht sie aus, die Pieper. Ihre Blümchen-Clipse passten gut zu meinen Kirsch-Ohrhängern. Und zur Deko. Und zu den leckeren, staubigen Keksen …

 

140106-lydiaherms-julianepieper-lesewesen-kopf-800x800

Juliane Pieper, Foto: Lydia Herms

Juliane Pieper hat diese: Internetseite.

*ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie

Standard
Allgemein, Menschen

Eine Bitte.

140101_LYDIAHERMS_BANNER_NEUJAHR_800x250

Es ist mehr als das. Es ist eine Hoffnung, ein Sehnen, ein Elend. Das vergangene Jahr war nicht schlecht, iwo. Es war  u n f a s s b a r  anstrengend. Weil ich nicht Nein! sagen konnte, weil ich nicht Tschüss! sagen wollte, weil ich oft den Überblick verlor – und weil ich meine Liebe fand.

Ich gestehe: ich würde gern auf RESET drücken, oder ein paar LAYER löschen; zumindest die, auf denen ich unkonzentriert und zusammenhanglos gekliert habe. Auf denen ich Dinge verewigte, für die ich noch bis in alle Ewigkeit geohrfeigt werden müsste. Verbal allenfalls. Mit Schampieken. Oder mit Geschrei. Irgendwie so. Das zu erklären, ist nicht einfach. Es ist die Wahrheit, dass ich erst weine und dann lache. Das erklärt vielleicht, warum ich in diesem Text erst um Erlösung bitte – und dann schreibe:

 

Ich bin glücklich.

 

Ich habe das Jahr 2013 geschafft, ohne hinzuschlagen und zu verbluten. Das ist gut. Unterwegs traf ich einen Mann, der mich liebt. Das kann jedem mal passieren, auch mir, ja, aber nicht so. Er ist, was fehlte. Und mehr. Das kann kein Zufall sein!

Auch nicht die Begegnung mit einer Mode-Designerin im Zug von Halle (Saale) nach Berlin am 2. Weihnachtsfeiertag. Sie trug ihren 5 Monate alten Sohn auf dem Arm, und wir mussten stehen, weil nirgends freie Plätze zu finden waren. Als dann endlich doch, waren uns diese zu weit auseinander; wir wollten reden. Das Baby sah und hörte uns entspannt dabei zu. Nach einer knappen Stunde nicht mehr. Es quengelte. Es weinte. Ich zog Grimassen – und es lachte. Erst Weinen, dann Lachen. Ich reagierte, obwohl ich das Phänomen schon mehrmals bei Babys beobachtet hatte, überrascht. Noch mehr, als mir die Mitreisende eine Theorie erklärte, nach der Lachen aus dem Weinen entsteht, nämlich dann, wenn Entspannung eintritt, das Kind erkennt, dass es doch gar nicht so dramatisch ist. Und ich lache jetzt.

 

Es ist mehr als das.

 

Ich habe viel gearbeitet in den vergangenen Monaten und Jahren. Ich nahm Aufträge an, obwohl sie schlecht bezahlt wurden. Ich sagte mir: “Ich brauche das Geld.”, und sie sagten mir: “Mehr geht wirklich nicht, Lydia.”. Ich bin müde vom vielen Anstrengen. Selbst wenn ich ruhe, träume ich von dieser Anstrengung. Was ich verdiene, erhalte ich nicht. Jedenfalls nicht immer. Im neuen Jahr wird es anders werden.

Ich gehe, wenn sie mich nicht angemessen bezahlen, zu denen, die es tun. Die gibt es, denn ich habe durchaus schon Auftraggeber gefunden, die angemessen zahlen. Und wenn es doch eng wird, dann gehe ich ganz neue Wege, ohne Radio. So sage ich es mir. Ich habe viele Ideen. Wenn ich Hilfe zulasse, kann ich sie auch umsetzen. Ich weiß es. Und ich weiß auch, dass ich nicht die einzige freie Autorin bin, der es so geht. Das ist meine Botschaft: Lasst Euch das nicht gefallen! Ja, es wird andere geben, die Eure Jobs machen, wenn Ihr sie nicht mehr macht, weil Leistung und Honorar in keinem akzeptablen Verhältnis stehen. Geht trotzdem. Glaubt an Euch.

 

140101_LYDIAHERMS_P5110013_800x600_SCHRIFT

Standard
Helma, Literatur

“Sie hasst Menschen.” – Toni senkt den Arm und hebt den Blick. Es ist nicht angekommen. “Was?”, fragt sie den jungen Mann neben ihr. Der tut gleichgültig, schraubt die Lippen zusammen, atmet hörbar durch die Nase ein und wiederholt sich: “Sie hasst Menschen.”. “Wer hasst Menschen?”, “Das Mädchen, das sie suchen”. Toni schluckt, lässt ihre Brauen tanzen. Helma, er kann nur sie meinen! Doch, Helma gibt es nicht.

005

Kurzmitteilung
Literatur, Termin

Lesezeiten.

22. Aug. | Jane Eyre, Teil 1 (von 4), 20:15 Uhr, arte

Ab heute sendet arte in vier Teilen die Verfilmung des Klassikers “Jane Eyre” (1847) von Charlotte Brontë. Es wird die Geschichte von dem Waisenkind Jane Eyre erzählt, aus dem eine selbstbewusste, unabhängig denkende und fühlende Frau wird, die sich in ihren Vorgesetzten verliebt, in den Gutsbesitzer Edward Rochester. Der ist aber ein ziemlich seltsamer Mann. Und auch das Gut Thornfield Hall ist ein seltsamer Ort. Ein dunkles Geheimnis scheint unter dem Dach bzw. im Nordturm zu wohnen. Jane kann nur schwer ihre Neugier zügeln.

 

Das wird ein schöner Kostümfilmabend, denn Teil 2 läuft gleich im Anschluss um 21:05 Uhr. Die Teile 3 und 4 sendet arte am kommenden Donnerstag, den 29.08., ebenfalls um 20:15 und 21:05 Uhr. Weitere Infos zum Vierteiler gibt’s HIER!

 

Oh, ja, es gibt Wiederholungstermine:

 

Folge 1:

Mo, 02.09. um 13:50 Uhr
Do, 12.09. um 14:00 Uhr

Folge 2:

Mo, 02.09. um 14:40 Uhr
Do, 12.09. um 14:50 Uhr

Folge 3:

Sa, 31.08. um 15:00 Uhr
Di, 03.09. um 13:45 Uhr

Folge 4:

Sa, 31.08. um 15:50 Uhr
Di, 03.09. um 14:35 Uhr

 

24. Aug. | Brandenburg liest II, 15:00 Uhr, Potsdam

Das Sommerfest in der Villa Quandt in Potsdam ist eine Literaturveranstaltung für Kinder und junge Erwachsene. Literarische Gäste sind u.a. Klaus Kordon, Sabine Ludwig, Eva Menasse und Marion Brasch. Los geht’s um 15:00 Uhr.

 

Es gibt Musik, und laut Veranstalter auch Knabberei und Getränke auf der Terrasse der Villa Quandt. Der Eintritt liegt bei 12, ermäßigt 10 EUR. DAS BESTE IST ABER: Kinder und junge Erwachsene bis 16 Jahren bezahlen keinen Eintritt, die kommen einfach so rein. Infos zur Veranstaltung lassen sich HIER finden.

 

30. Aug. | bis 01.09., lit:potsdam 2013, Potsdam

Vom 30.08. bis 01.09.2013 findet das Literaturfestival lit:potsdam an mehreren Orten in Potsdam statt. Mein radioeins-Partner Thomas Böhm und ich sind auch dabei. Am Sonnabend, den 31.08. moderieren wir gemeinsam auf einer kleinen Bühne direkt vorm rbb-Funkhaus. Das nennt man da Babelsberg. Die S-Bahn-Haltestelle heißt aber Griebnitzsee. Um 15:00 Uhr werden wir mit Antje Ravic-Strubel sprechen, und sie wird aus ihrer “Gebrauchsanleitung für Potsdam und Brandenburg” lesen. Um 16:00 Uhr widmen wir uns dann ausgiebig dem Debüt von Sven Stricker. Der ist Hörspielproduzent, jetzt auch Autor. Sein erster Roman heißt “Schlecht aufgelegt”.

 

Weitere Autoren: Herta Müller, Eugen Ruge, David Wagner, Birk Meinhardt, Markus Feldenkirchen, Eva Menasse, Jenny Erpenbeck, Julia Schoch, Taiye Selasi, Ingo Schulze, u.v.m., auch meine Kollegen Jörg Thadeusz und Knut Elstermann. Das dicke lit:potsdam-Programm gibt’s HIER!

 

31. Aug. | Berliner Buchnacht 2013, Kulturbrauerei

Oha, das wird ein Buchwochenende! Direkt von der lit:potsdam fliege ich zurück nach Berlin in die Kulturbrauerei, um die Lesung mit Katharina Hartwell zu ihrem Debütroman “Das Fremde Meer” zu moderieren. Darauf freue ich mich sehr. Das Buch ist dick und gewaltig und bilderreich – und es lastet schwer in mir. Es interessiert mich, wie Katharina Hartwell daraus liest und darüber spricht. Um 21:30 Uhr sind wir dran, kommt vorbei!

 

Die Karte für die Buchnacht kostet 15,00, ermäßigt 12,00 EUR. Damit habt Ihr Zugang zu 30 Lesungen innerhalb vieler Stunden, also, von 18:00 bis 1:00 Uhr wird gelesen, los geht’s aber schon um 16:00 Uhr, und als Ende wird 3:00 Uhr angegeben, vielleicht wird getanzt und gesoffen. Das ist doch was?! Ihr braucht noch mehr Namen? Hier: Bas Böttcher, Knud Kohr, Catrin Barnsteiner, Ahne, David Wagner, Marion Brasch, Paul Lukas, Clemens Meyer, Jakob Hein, Mirko Bonné, Götz Aly, Heinz Strunk, Tobias Premper, Ulli Lust, Monika Zeiner, einige von den genannten sind für den Deutschen Buchpreis 2013 nominiert!

 

HIER findet sich das Programm der Berliner Buchnacht.

 

 

Standard
Menschen, Musik

Hello Ludia!

Ich ertrinke. Kein Grund. Anfang September erscheint ein neues Studioalbum von Goldfrapp. Ich höre die alten Sachen – und seitdem ich erahnen kann, wie TALES OF US klingen wird, freue ich mich, als hätte ich einen Preis gewonnen, eine Prüfung bestanden oder einen erlösenden Anruf erhalten.

 

 

Alison Goldfrapp singt für mich. Sie macht hörbar, was ich fühle. Sie klagt und hofft, sie liebt und hasst, sie kämpft und versagt, musikalisch. Es ist, was ich hören will. Ich besitze alle Alben. Doch für mich, wie für andere auch, ist das erste Album FELT MOUNTAIN, veröffentlicht im Jahr 2000, produziert mit Unterstützung vom großartigen John Parish, das bedeutenste von allen, eine Art Offenbarung. Es ist so traurig. Was habe ich geheult; vorm Spiegel, im Bett, auf dem Fahrrad, in der Vorlesung.

 

Ü b e r a l l.

 

 

Ich hab’ auch getanzt, klar. Heulen liegt mir aber mehr als Tanzen. Dann, 2005, in einem Promo-Interview für MDR SPUTNIK, ließ Alison Goldfrapp verlauten, es würde nie wieder ein Album wie FELT MOUNTAIN geben, das sei vorbei. Sie war richtig wütend, und ich betroffen. Denn genau diese Frage hatte ich der Kollegin aus der Musikredaktion mitgegeben. Alison habe sich danach für ihren Ausbruch entschuldigt, so die Kollegin. Ich stand vor dem Studio, sah durch das kleine Fenster auf eine zusammengesunkene Person in einem viel zu großen, hellbraunen Ledermantel mit einer Wolke wilder, blonder Locken in Kragenhöhe, und auf eine rudernde Kollegin. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich war neu, draußen und verliebt.

 

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

hello Ludia thankyou! Alison xxxx

 

Es ist das einzige Autogramm, das ich besitze, von ein paar Buchwidmungen abgesehen. Ich erinnere mich an unsere Begegnung sehr gut, 2005 in Halle (Saale). Goldfrapp war für das damalige Programm von SPUTNIK nicht wirklich relevant, ich glaube, die Kollegen wollten den angebotenen Termin zur Veröffentlichung von SUPERNATURE einfach nur mitnehmen. Ich wurde gebeten, Fragen zusammenzusammeln. Das tat ich, bei meinen Freunden im Björk-Forum, die Liste war lang. Alison kam in Begleitung eines schwarzgekleideten Gorillas mit Glatze, ganz sicher nicht Will Gregory, und einer quirligen Frau von der Plattenfirma. Die Ansage war: Keine Fotos, keine Autogramme. Kein Problem. Die Redaktion war fast leer. Ich stand also da, in meinem knallroten Strickpullover.

 

Und ich starrte auf Alisons Hinterkopf.

 

Plötzlich fragte mich die Plattenfirmafrau, ob ich ein Autogramm haben wolle. Ich eierte, es sei doch eigentlich verboten. Ein Kollege kramte hektisch eine angeknickte Promokarte hervor, an der Hotline lag ein ausgefranster Goldstift herum, der Gorilla beäugte mich reglos, als ich hin und her flatterte. Und dann kam Alison aus dem Studio, eingefallen, ungeschminkt, lächelnd. Sie nahm den Stift und fragte nach meinem Namen. Ich konnte nicht einmal mehr Schulenglisch und sagte: “I like your voice.”, sie schrieb: “thank you!”. Ich sagte: “I’m so shy.”, sie antwortete: “Me too.”. Am Ende drucksten wir eine Weile herum und gaben uns schließlich nicht die Hände. Sie hatte Ludia geschrieben.

 

Und es wird ein Album wie FELT MOUNTAIN geben: TALES OF US. Am 23. Oktober spielt sie in Berlin im Heimathafen Neukölln, an einem Mittwoch. Ich gehe jetzt los und kaufe mir die Karte. Es ist bislang das einzige für Deutschland angekündigte Konzert. Außerdem spielt sie in London, Brüssel, Amstersdam und Zürich. Ich habe also gar keine Wahl.

 

 

Goldfrapp im Netz: http://www.goldfrapp.com/

Goldfrapp bei Facebook: https://www.facebook.com/Goldfrapp

Goldfrapp bei Twitter: https://twitter.com/Goldfrapp

 

Standard
Literatur, Nachtrag

Mutter des Monats.

Bea ist groß, schön und nicht zu überhören, wenn sie auf dem Schulgelände unter der Buche stehend ihre Reden schwingt. Sie ist die Königin im Bienenstock. Sie wird umschwirrt, geliebt und gefürchtet. Gemeinsam mit ihrer Folgschaft, bestehend aus vielen anderen Müttern, will sie Geld für die sanierungsbedürftige Schule ihrer Kinder sammeln. Was so nett nach Projektarbeit mit Freundinnen klingt, entpuppt sich bald als ein intriganter Machtkampf unter Frauen. „Mutter des Monats“ heißt das Romandebüt der Britin Gill Hornby.

 

130806_lydiaherms_kiwi_gillhornby_01neu

 

Ein neues Schuljahr beginnt, die Kinder sind aufgekratzt, die Mütter auch. Sie stehen auf dem Pausenhof herum und schnattern; nach den Ferien gibt es immer viel zu erzählen. Welch ein Idyll. Doch bereits nach den ersten Seiten vergilbt das hübsche Gruppenbild. Eine der Mütter, Rachel, steht etwas abseits und kommentiert die Szene bissig. Welche Mutter trägt was, guckt wie und warum. Oha, da wird es rummsen, bald und heftig. So dachte ich beim Lesen.

 

Lächeln und Lästern auf 400 Seiten.

 

Doch das Gewitter bleibt aus, in diesem Buch wird anders gekämpft. Da passiert viel unter dem Mantel der Gutmütigkeit und Nächstenliebe. Stattdessen stehen die Frauen – Georgina, Joanne, Colette, und wie sie alle heißen – bei einer Art Benefiz-Wandermittagstisch in einer Küche, rühren, braten, schnippeln. Sie lächeln sich an und lästern gleichzeitig über die, die gerade nicht zuhören. Diese Frauen verachten sich und geben sich dennoch miteinander ab. Denn täten sie das nicht, wären sie raus aus dem Bienenstock, nicht mehr wichtig, weit weg von der Königin, allein. Das will eigentlich keine so wirklich. Natürlich wird dann doch bald klar: die Machtstellung der Bienenkönigin ist in Gefahr!

 

130806_lydiaherms_kiwi_gillhornby_02neu

 

Gill Hornby ist wissend! Ich las Interviews mit ihr in der britischen Presse. In einem erzählt sie, dass sie z.B. auch einmal mit anderen Frauen so ein Lunchrotationsding veranstaltet hat, jede kocht einmal für alle – und bis heute schämt sich Hornby ein bisschen dafür. Zu viele Frauen, zuviel Gruppenzwang, zu viele Gedanken darüber, was die eine von der anderen halten könnte.

 

»That’s based on real-life. I found myself in a group of ladies who lunch called Gourmet Gamble, and I thought, Jesus Christ, why am I doing this? I think we all go slightly bonkers when our children are little.« Gill Hornby in einem Interview mit The Observer (Mai 2013)

 

Mit einem für mich ungewohnt trockenem Humor beschreibt Gill Hornby, wie sich die Mutter Heather wünscht, auch eine schmutzige Großfamilie zu haben, anstatt nur einer braven, ordentlichen Tochter, und wie sie darum aus Frust in der Kaufhalle riesige Familienpackungen Butter und Waschmittel in ihren Einkaufswagen schmeißt, in der Hoffnung, verschwörerische Blicke von anderen geplagten Müttern zu erhaschen. Oder wie in den Sitzungen des Komitees, das Geld für die neue Schulbibliothek sammeln will, dem jungen, unerfahrenen Direktor Tom Orchard immer wieder über den Mund gefahren wird und die erste protokollierte Frage der Sitzung lautet: „Wann kommt denn die Mrs Orchard nachgereist?“. Die Antwort darauf löst, so steht’s im Protokoll, allgemeine Erregung aus. Im Komitee sitzen nur er und Frauen, Bea und die auserwählten Arbeitsbienen. Die erwähnten Protokolle befinden sich im Buch. Und ich habe Tränen darüber gelacht. Verdammt!

 

130806_lydiaherms_kiwi_gillhornby_03neu

 

Gill Hornby kann schreiben, sie ist Journalistin, schrieb jahrelang für den Daily Telegraph – und hat die härtesten Kritiker zu Hause sitzen. Eine ihrer Töchter arbeitet im Verlagswesen, ihr Mann ist Robert Harris, der schrieb „Angst“ und „Ghost“, ihr Bruder Nick (!) wurde durch Bücher wie „High Fidelity“ und „A long way down“ weltberühmt. Nach handwerklichen Parallelen habe ich nicht gesucht. Das ist die Wahrheit. Die Liebe zum Detail beim Ausarbeiten der einzelnen Charaktere und deren Macken wäre erwähnenswert. Außerdem neigt Gill Hornby zur Redundanz. Störend ist das nicht, im Gegenteil, ich wage zu behaupten, dass das – ähm – intensiviert.

 

Desperate Barnaby, or what!?

 

Dieser Weiberhaufen machte mich fertig. Kann es das geben? Ich befürchte ja. Natürlich kommen im Buch auch ernsthafte Themen zur Sprache: Scheidung, Selbstmord, Überforderung, zur Abwechslung hin und wieder wahre Freundschaft. Mein großes Glück ist: ich musste es nur lesen, nicht dort leben! Zwei TV-Serien kommen mit in den Sinn: dieses Buch ist eine Mischung aus Inspector Barnaby und Desperate Housewives - schrullig und provinzell, bissig und unerklärlich spannend. Lese ich trotzdem nicht noch einmal. Gucke ich mir allenfalls an. Das Buch wird nämlich verfilmt, darf man den Gerüchten glauben …

 

130806_lydiaherms_kiwi_gillhornby_04neu

 

rbb radioeins | FAVORIT BUCH | 25.07.2013 | Lydia Herms über “Mutter des Monats” von Gill Hornby (Audio-Link)

 

Gill Hornby: „Mutter des Monats“ (übersetzt von Andrea O’Brien)
KiWi Paperback, 398 S., 9,99 EUR, eBook: 9,99 EUR

 

Unnützes Buchwissen: Als Hornby beschloss, endlich ein Buch zu schreiben, saß sie gerade auf Teneriffa fest – wegen der Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, die im Frühjahr 2010 europaweit den Flugverkehr lahm gelegt hatte. Hornby war zudem vom Daily Telegraph gefeuert worden. “That was the rocket fuel I needed to get me to write the book.”, so die Autorin im Interview mit The Observer. Außerdem: Der Originaltitel des Buchs lautet “The Hive” – der Bienenstock.

 

Standard
Helma, Literatur

Ich bin ein Wohnungsautist. Meine Wohnung bin ich. Wer in meine Wohnung geht, ist in mir. Wer Sand in meine Wohnung schleppt, oder Kieselsteinchen, Stinkeluft, Winterkälte, Blumenduft, der beschmutzt, vergiftet, schmückt mich, kühlt mich aus. Wenn ich Zeit habe, die Wohnung für den Besuch vorzubereiten, kann ich nicht nur sie, sondern auch mich reinigen. Dann ist es gut. Dann kann ich damit umgehen. “Helma, bist du da?” Ja. Alles liegt am richtigen Fleck, hat seine Farbe, seine Ordung, wartet darauf, gesehen und berührt zu werden. Und ich empfinde Stolz. “Helma, bei Dir ist es schön, ganz anders.” Es ist erträglich so. Normal ist es nicht.

004

Kurzmitteilung