Funk, Nachtrag

Zurück ins Plus nach Plan.

Ich kann nicht mit Geld umgehen. Ich lerne erst jetzt, unterstützt von einer Schuldnerberaterin, bestärkt von Menschen, die mich nicht für mein Unvermögen verurteilen, mein Geld gewissenhaft zusammenzuhalten. Seit mehr als fünf Jahren bin ich nicht mehr im Plus gewesen. Ich hab’ natürlich versucht, da herauszukommen, immer wieder, hab’ viel gearbeitet und mir Urlaube versagt, aber ich hatte weder einen Plan, noch die Hoffnung, die Schulden an die Bank jemals komplett tilgen zu können. Ich resignierte, denn sie wuchsen ja doch. Ich konsumierte wie gewohnt und richtete mich auf ein Leben haarspitzentief im Dispo ein. Abwechselnd träumte ich vom rettenden Bestseller-Vertrag und vom finalen Umzug unter die Brücke. Ich sah mir beim Abkacken zu und wartete auf den erlösenden Knall. Der kam im Juni dieses Jahres.

Die Idee, diese wunde Stelle meiner mittlerweile 36 Jahre währenden Existenz offen zu zeigen, in Form eines Hörstücks für Deutschlandfunk Nova, kam später. Es ist auch schon seit einer knappen Woche online, also, das Stück. Bis jetzt habe ich mich nämlich verficktnochmal nicht getraut, offensiv zu sagen:

„Hier, ich hab’ da was zu erzählen, was Unangenehmes, vielleicht kennst du das auch, dann könnte es dich trösten und dir Mut machen, denn ich selbst sehe endlich wieder Licht.“

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Lydia Herms am Schreibtisch – Nov. 2017

Haushaltsbuch – Nov. 2017

 

Standard
Helma, Literatur

Ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir geht. Ich kann dir aber sagen, was geht. Ich balanciere ein Vogelnest auf meinem Kopf. Den Schlüpfer, den ich trage, habe ich seit gestern Morgen nicht mehr ausgezogen. Ich war schon zweimal auf der Toilette, einmal klein, einmal groß, brauchst du noch mehr Details? Dieser Morgen ist einer von vielen. Meine Bewegungen, mit denen ich die Zeit dirigiere, sind nichts Weltbewegendes, sie sind helmatypisch: ruckartig, grobmotorisch, auslassend, einladend, krumm. Du kennst mich doch. Ich bin wie immer. Wirklich, wie immer. Schon dreimal habe ich heute meinen Kontostand abgerufen. Dabei ist noch nicht 12:00 Uhr, er kann sich seit gestern Mittag nicht verändert haben. Nicht einmal um einen Cent. Aber vielleicht ja doch. Vielleicht haben sie die Buchungsregeln genau heute geändert, oder verschoben, wegen eines Betriebsfests oder Updates, digital, könnte doch sein. Vielleicht haben sie endlich festgestellt, dass es moralisch nicht vertretbar ist, arme Vogelnestbalanciererinnen wie mich bis mittags warten und hoffen zu lassen, dass ab gleich alles gut wird. Dass sich jemand geirrt und mir schnell ein paar unterschlagene Honorare überwiesen hat. Na, das tut uns jetzt aber leid. Grippewelle, Sie verstehen das. Klar, kein Ding. Dankeschön. Gern geschehen. Morgen gehe ich endlich zum Frisör.

011

Zitat
Allgemein, Menschen

Oma guck’, der Junge malt.

Ich schwitze wie die Hölle. Sitz’ da in dem geliehenen Campingstuhl, breitbeinig, nach vorn gebeugt, zu den Dingen, die ich vor mir auf dem Gehweg verteilt habe: Block, Pinsel, Buntstifte, Bleistifte, Wasserbecher, Wasserflasche, Wasserfarben, Ratzefummel, Küchenrolle. All das da so liegen zu sehen bereitet mir ein Gefühl der Genugtuung. Es ist so ordentlich. Links neben und auch hinter mir erhebt sich eine begrünte Anhöhe. In den Büschen summt was.

Rechts führt die Straße hinab zum Hafenbecken. Vor mir liegt eine große, leere Fläche, eine unbebaute Ecke, eingezäunt. Reifenspuren im Sand bezeugen, dass das Grundstück vor nicht allzu langer Zeit in irgendeiner Art und Weise bearbeitet worden sein musste. Ich weiß nicht, was da gestanden hat, vermutlich ein weiterer Speicher von kolossaler Größe. Vielleicht auch nur in den vergangenen Jahrzehnten heruntergekommene Anbauten. Ein Banner am Gebäude weiter hinten kündigt eine Bebauung an, Appartements. Versteh’ ich, die Lage ist traumhaft. Von den höheren Wohnungen aus wird man einen sehr schönen Blick auf den Hafen und die Elbwiesen dahinter haben; ein Grün in zig Schattierungen, Bäume und Büsche, die wie Plüschkugeln auf einem Teppich herumliegen, dazwischen das in Wellen gelegte Band der Elbe, am Horizont – filigran und immer in Bewegung – Windräder.

Ich kann es mir deshalb so gut vorstellen, weil ich an den ersten beiden Tagen meines Aufenthalts nur das gesehen und gezeichnet habe, von der Terrasse des Schlosses aus. Mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände hatte ich ein Rechteck geformt, fachmännisch hindurchgesehen und irgendwie meinen Bildausschnitt festgelegt. Im Hintergrund waren die anderen zu hören gewesen. Sie hatten sich leise unterhalten, zu sich selbst gesprochen, geschnauft, mit Papieren hantiert, schweigend gemalt.

Heute bin ich allein.

Ich möchte die Mauer am hinteren Ende der Brachfläche malen, den angrenzenden Schuppen, einen Turm, das verlassene Storchennest darauf, die dicht gedrängten Birken dazwischen, und weiter hinten das beerige Rot einer Blutbuche. Vielleicht sind es auch gar keine Birken. Die Blätter sind grün und klein, die Stämme dünn und hell. Ich habe mich den ganzen Morgen darauf gefreut, jetzt hier sitzen zu dürfen, trotz Mittagssonne und Sommerhitze. Ich habe eine wirklich sehr kurze Jeans angezogen, ein T-Shirt und meine Fahrradkappe, die aus England, wollen, mit kurzem Schirmchen. Jede Stelle meiner Haut ist eingeschmiert, Lichtschutzfaktor 50+, für Babys und Verrückte. Ist mir egal. Ich will brennen, aber keinen Krebs kriegen.

Mir ist eher so, als trüge ich einen Anzug aus sehr dünnem Kunststoff, eine zweite Haut sozusagen. Kein schlechtes Gefühl. Die Wahrheit ist, dass ich mich diesem Gefühl zwischen jedem Pinselstrich ausgiebig hingebe, indem ich mich zurücklehne, die Augen schließe, und warte, bis sich mein Körper von selbst erneut bewegt, aus dem Dunkelblau des Stuhls erhebt, vorbeugt, langsam, als müsse er ziemlich viele Druckknöpfe lösen, bis er den Arm hebt, zum Pinsel greift, den Kopf hebt, die Augen zusammenkneift, dann den Schweiß von der Oberlippe leckt, bis mein Kopf oder dessen Inhalt, irgendwas in mir jedenfalls, die Szene begreift, die, die ich male, und beide, Kopf und Körper wieder zwei, drei Flächen auf’s Papier setzen.

Es geht immer erst einmal um Flächen, Farbflächen; mit den hellsten fange ich an. Ich habe helle Sandhügel gesetzt, mit schmutzigem, stark verdünntem Gelb. Dann habe ich Mauerwerk gesetzt, mit schmutzigem, stark verdünntem Orange. Dann die Blätter, dann den Himmel, schließlich die Schatten, richtig schön dunkel, aber nicht mit Schwarz, sondern gemischt aus allem Möglichen, aus Blau, Grün und Rot. Die wichtigste Farbe in einem Aquarellkasten aber ist: der Palettendreck. „Putz’ nie deinen Kasten, Lydia, lass’ alles so wie es ist, du brauchst den Dreck für’s Mischen.“, hatte Annett gesagt. Und dabei gelacht. Und wohl sofort gewusst, dass ich ihr nicht glaubte. Gern würde ich ihr jetzt von meinen Farben erzählen, von den fantastischen Farben, die so leuchten und sich auf dem Papier verändern, und vom Palettendreck, der lebendig zu sein scheint, weil er sich auch verändert, mit jedem Eintauchen meines Pinsels, mit jeder Minute, die vergeht, mit jedem Blick, mit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl.

Kein bisher gefühltes Gefühl lässt sich mit dem vergleichen, das mich gerade flutet. Ich finde einfach kein Bild in meinen Erinnerungen, mit dem sich der Scheiß hier deckt, nicht einmal so halb, so ein bisschen wie damals und dort. Da ist kein Damals. Da ist kein Dort. Da ist nur ein Jetzt. Und ein Hier. Und plötzlich finde ich es sehr schlimm, dass ich allein bin, dass ich dieses Gefühl nicht teilen kann. Ich bin mir sicher, dass ich es später nicht beschreiben können würde, weil es unbeschreibbar ist.

Soll ich aufstehen, alles zusammenklauben, den Farbkasten trotz der noch feuchten Näpfchen schließen, das Malwasser in die Büsche kippen, den Campingstuhl zusammenzerren und in die Tasche stopfen, alles über die Schulter werfen und rennen, über’s Kopfsteinpflaster, den Weg hinauf in den Ort, dorthin, wo ich die anderen und Annett vermute? Könnte ich, klar. Und dann? Dann ist es vielleicht weg. Das wäre schlimmer. Also bleibe ich sitzen, starre auf das Bild vor mir am Boden, auf das trübe Mischwasser, auf die Details, die ich weggelassen habe, und auf die, die ich herbeigezaubert habe. Das ist erlaubt beim Aquarellmalen. Es geht nicht darum, zu malen, was wirklich da ist, sondern, was man sieht. Und ich sehe so viel, dass es für mehrere Bilder reicht. Also trenne ich das erste vorsichtig vom Block – und beginne von Neuem. Hellste Flächen. Helle Flächen. Dunklere Flächen. Schatten. Details. Ich variiere bei der Wahl der Pinsel. Ich wage es, mit den Buntstiften in die Farbflächen zu gehen. Ich mische mutiger und ich male sogar einen Storch, der nicht da ist. Das hätte ich lassen sollen, er ist zu groß geraten, aber wen stört es? Mich nicht.

Und dann bemerke ich, dass ich gar nicht allein bin. Ständig spazieren Menschen an mir vorbei. Zwei Mädchen im Grundschulalter streiten sich ein bisschen darüber, welches von ihnen welches meiner Bilder schöner findet. Jedesmal, wenn eines der Mädchen zu einer Entscheidung findet, sagt das jeweils andere, dass es das ausgewählte Bild eigentlich auch schöner finde. So geht das hin und her, auch dann noch, als beide weghopsen. Sie hopsen wirklich. Ihre Mütter schlendern hintendrein. Bei mir angekommen, finden sie alles sehr schön. Finde ich auch. Wir gackern. Sie tragen weiße Piercings in den Brauen. Eine Frau Anfang 50 trägt ein neongelbes Kleid mit neonrosafarbenen Schmetterlingen darauf, ärmellos, ein Drama, aber sie trägt es, als hätte sie es extra für den Urlaub gekauft. Sie löst sich von der Hand ihres Begleiters, bleibt stehen, während er weitergeht und dabei betont unbeteiligt seine hellblaue Jeans am Gürtel hochzieht. Sie hingegen schaut auf meine Bilder, sagt nichts, nickt nur freundlich und hopst dann weiter. Schon wieder eine, die hopst. Ich rufe ihr ein Kompliment hinterher, dass ihr das Kleid ganz wunderbar stehe. Sie dreht sich einmal um ihre Achse. Ich schwöre.

Ein Kanute in Trombosestrümpfen bleibt auch neben mir stehen. Bestimmt 70, in Sportsachen, mit betörend verschmitztem Grinsen. Sie würden die komplette Elbe hochfahren, erzählt er mir, ohne, dass ich fragen muss, er sei aber aus gesundheitlichen Gründen erst in Magdeburg zugestiegen. Ich lobe die Elbe. Er lobt die Donau. Da sei mehr zu sehen, nicht nur Deiche. Als er mich fragt, ob ich noch Schülerin sei, bekomme ich einen mittelschweren Lachkrampf. Nein, glücklicherweise nicht, antworte ich ihm, denn dann wäre ich nur halb so mutig. Ob er das versteht, ist fraglich, dass er mich nett findet, eindeutig. Als er dann doch endlich geht, beginne ich ein neues Bild.

Inzwischen ist Nachmittag, die Sonne gewandert, aber immer noch bei mir. Dass ich schwitze, stört mich nicht. Ich esse das Gemüse, das mir Annett in der Pension eingepackt hat: Fenchel, Gurke, Möhren. Gern würde ich mich von außen sehen, wie ich da sitze, im Kutschersitz, mit Möhre und Pinsel in den Händen, klecksend, kauend, grinsend. Ich glaube, wer mich so sieht, sieht mich wirklich. Ich fühle mich wirklich. Ich bin da. Ich bin ich. Bevor ich mein viertes Bild fertig malen kann, ziehen plötzlich Wolken auf. Ich nehme Aufbruchstimmung wahr, auch wenn nicht viele Menschen unterwegs sind. Sie gehen schneller. Und dann weht ein Satz zu mir herüber.

Ein Mädchen an der Hand einer älteren Frau sieht mich beim Vorbeihasten. „Oma guck’, der Junge malt.“ ruft es und fliegt davon. Ich schiebe mir die Kappe aus der Stirn, lehne mich im Campingstuhl zurück, dieses Mal mit weit geöffneten Augen, weil die Sonne mich nicht blendet. Ich sehe in die Wolken und weiß plötzlich, dass ich nicht viele Worte brauchen werde, um Annett wissen zu lassen, welches Gefühl ich heute gefühlt habe.

Ich werde sie einfach fest umarmen.

Lydia Herms in Tangermünde – 20. Juli 2017

„Ich schwitze wie die Hölle.“ – Foto: Lydia Herms, Juli 2017

Malen in Tangermünde – 20. Juli 2017 – Foto: Lydia Herms

„Die wichtigste Farbe in einem Aquarellkasten aber ist: der Palettendreck.“ – Foto: Lydia Herms, Juli 2017

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Funk, Literatur

08.17 | Das perfekte Buch…

…für den Moment, wenn dich das Normale überfordert.

„Du bist seltsam.“

Johanna hört das nicht zum ersten Mal. Manchmal findet Boris sie sogar „sehr seltsam“. Oder „wirklich richtig seltsam“. Wenn er das sagt, zieht er seine Augenbrauen hoch und guckt typisch Boris: spöttisch und erstaunt. Irgendwie mögen das alle an ihm, wenn er so guckt, selbst die, die ihn für einen arroganten Arsch halten.

Boris kann das: gleichzeitig beliebt und unbeliebt sein, also, bei den selben Leuten. Auch bei Johanna. Aber bei ihr ist es mehr als das. Johanna ist in Boris verliebt. So richtig.

Leider weiß sie nicht, ob er es weiß.

Sie sind sich schon mehrmal ganz nah gewesen. Im Zelturlaub beispielsweise. Nase an Nase, stundenlang, aber es ist nichts passiert. Und Johanna hat keinen Schimmer, warum nicht. Okay, er hat’ne Freundin, Ana-Clara, aber die ist weit weg, in Portugal, und weil Boris so gut wie nie von ihr erzählt, hat Johanna sie einfach vergessen. Außerdem nervt Ana-Clara, findet Johanna. Bei ihrem letzten Besuch in Deutschland hat Ana-Clara fast nie ein Wort gesagt und immer so ausdruckslos geguckt. Johanna hat versucht sie zu mögen.

Klappte aber nicht.

Und jetzt stehen sie und Boris in einem Keller auf einer Party von jemandem, den sie nicht kennen. Sebastian heißt der, oder Alexander. Es ist voll und heiß, und an der Anlage wollen zu viele Leute ihre Musik spielen. Um sich unterhalten zu können, müssen Boris und Johanna die Köpfe zusammenstecken, ihre verschwitzten Wangen aneinanderlegen. Sie spürt seinen Atem an ihrem Ohr, wenn er spricht. Sie genießt das, obwohl das Thema jetzt nicht gerade aufbauend ist. Boris redet über Selbstmord. Er findet den Begriff scheiße, weil man doch nicht gleichzeitig Mörder und Mordopfer sein kann, sagt er. Und so ein selbstbestimmter Freitod sei doch im Grunde okay.

Plötzlich fragt er Johanna, was dagegen spricht, sich das Leben zu nehmen. Also, außer, dass man vielleicht Angst davor hat. Und dann macht er sein Augenbrauengesicht, weil Johanna sagt, dass sie einen guten Grund kennt, weiterleben zu wollen…

Das Licht und die Geräusche, sagt Johanna, für die lohnt es sich.

Und genau so nennt Jan Schomburg seinen ersten Roman: „Das Licht und die Geräusche“. Bisher hat Schomburg Drehbücher geschrieben, und Regie geführt, bei „Ein Mord mit Aussicht“ beispielsweise.

In „Das Licht und die Geräusche“ geht es nicht nur um Johannas heimliche Liebe zu Boris, sondern auch um die anderen in ihrer Klasse. Um Leo. Der will nach den Sommerferien plötzlich Didi genannt werden, obwohl ihm das erstmal keiner abkauft. Leo sei doch tausendmal besser als Didi, sagen alle. Leo sieht das anders. Diesen Namen hat er von seinen Eltern bekommen. Und die konnten unmöglich wissen, was er selbst mal geil finden würde. Und Didi findet er richtig geil, also heißt er jetzt so. Stichwort: Selbstbestimmung. Punkt.

Und da sind Timo und Marcel. Mit Timo will keiner was zu tun haben. Als läge ein Fluch auf ihm. Der steht da in seinem grünen Anorak auf dem Schulhof und weiß nicht wohin. Manchmal tut er Johanna leid. Sie weiß, wie scheiße es ist, alleine rumzustehen. Aber wenn sich Timo möglichst beiläufig zu einer Gruppe von MitschülerInnen gesellt, passiert immer das gleiche: der Kreis schließt sich langsam – und Timo aus. Und weil sich keiner für Timo interessiert, kriegt auch keiner mit, was da zwischen ihm und Marcel passiert. Das fliegt erst auf der Klassenfahrt nach Barcelona auf, also, die „Beziehung“ zwischen den beiden Jungs. Dass Timo alles macht, was Marcel anordnet. Auf dem Boden schlafen, nur auf’s Klo gehen oder reden, wenn Marcel ihm das erlaubt hat.

Sowas.

Johanna wüsste gern, wie das alles zusammenhängt, warum wer was macht, die Leute in ihrer Klasse, Boris, Ana-Clara, ihre Eltern, ihr Bruder Matthis. Selbst das Verhalten mancher Lehrer an ihrer Schule irritiert sie. Echt voll komisch dieses Erwachsenwerden. Manches lässt sich einfach nicht erklären…

So richtig unlogisch wird es, als Johanna Boris’ Vater im Supermarkt begegnet. Sie angelt gerade eine Packung Spinat aus dem Tiefkühlregal, als sie ihn durch die beschlagene Scheibe auf sich zukommen sieht. Er wirkt überrascht. Und dann sagt er, dass sie doch eigentlich mit Boris in Dänemark sein sollte, auf einer Fahrradtour. Und als sie zuhause ankommt, drückt ihr ihre Mutter einen Brief in die Hand, mit Boris’ Schrift drauf, aus Island. Boris schreibt, dass da kein Licht mehr sei, und auch keine Geräusche, und dass er ihr sein Klapprad vermacht.

Johanna weiß alles – und nichts. Das hier ist’n Abschiedsbrief.

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„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg, dtv, 255 S., gebundene Ausgabe: 20,00 EUR, eBook: 15,99 EUR, Hörbuch (ungekürzte Lesung mit Maria Schrader): 19,99 EUR, VÖ: März 2017

 

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Helma, Literatur

„Und dann hab’ ich den Typen angeguckt, so mit zugekniepten Augen, und mit Nasenlöchern, groß wie mein Flachbildschirm, nur doppelt, echt, ich bepiss‘’ mich schon wieder fast. Jedenfalls hab’ ich mich dann so vor ihm hingestellt, als würde ich ihm gleich eine schallern, wollte ich ja nicht, hau’ doch keine Wurst, kennst mich doch, aber der sollte das schon’n bisschen glauben, weil Kuchen meets Krümel und so, also, dann hab’ ich zu dem gesagt, pass’ auf, ich hab’ gesagt, furztrocken, Wort für Wort, zum Mitschreiben: Noch so’n Ding, Augenring. Kannste das glauben? Den ollen Kindergartenspruch hab’ ich echt gebracht. Ich! Bei dem! Musste voll lachen. Kam gar nicht drauf klar. Noch. So’n. Ding. Augen. Ring. Ich schmeiß’ mich weg. Voll Neunziger, oder!? – Helma? Biste noch da?“ „Ja.“ „Ist doch schräg, oder? Sag’ mal was.“

„Tat es weh?“

010

Zitat
Funk, Menschen

Was hat das mit Liebe zu tun?

„Liebesschlösser sind Spuren. […] Wenn’s dich stört, dann hast du ein Problem damit, dass überhaupt irgendjemand seine Spur hinterlässt.” (Pierre) vs. „Das ist ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle. […] Diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel.” (FRANKFURTER HAUPTSCHULE)

Mein Radiobeitrag zum Thema Liebesschlösser lief am 08.09.2016 im GRÜNSTREIFEN bei DRadio Wissen, dem dritten, jungen, digitalen Programm vom Deutschlandfunk. Hier zu hören. Und hier:


Liebesschloss an der Marschallbrücke in Berlin-Mitte – Foto: Lydia Herms

Liebesschloss an der Marschallbrücke in Berlin-Mitte – Foto: Lydia Herms

Manuskript:

Moderation: Ihr kennt sie, die Liebesschlösser, die an allem hängen, was einem Zaun oder einer Brüstung ähnlich ist, vorzugsweise am oder über Wasser. Vielleicht habt ihr selbst irgendwo eins angebracht. Vielleicht hasst ihr sie aber auch. So wie die Mitglieder der Künstlergruppe FRANKFURTER HAUPTSCHULE. Für eine Ausstellung initiierte diese Gruppe Anfang August eine Medienperformance. Bringt uns Liebesschlösser!, propagierten sie – und zahlten pro Stück einen Euro. Angeblich. Und angeblich kamen dabei fast 3000 Schlösser zusammen.

Ton: „Hi, Slaves. Hier spricht die FRANKFURTER HAUPTSCHULE. […] Manche Pärchen halten es für eine tolle Idee, ein Symbol ihrer Liebe, ein Vorhängeschloss, an Frankfurts zentrale Fußgängerbrücke zu klatschen. Geiles Symbol. Wir sagen, das ist ein Anschlag kleinbürgerlicher Ästhetik auf uns alle. Wir sagen, diese Schlösser sind moderne Keuschheitsgürtel. Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. […]“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Ton: „Also, mein Ästhetikempfinden stört’s nicht. Eindeutig.“ – „Mir fallen diese Schlösser eigentlich gar nicht auf. Ich seh‘ die dann ab und zu zwar, aber ich denk‘ da nicht offensichtlich drüber nach. Die haben eigentlich nicht so eine große Bedeutung für mich.“ – „Hm, ich denke, das ist ganz ortsabhängig. Zum Beispiel hier, würde ich sagen, passt es nicht ganz, aber zum Beispiel an der Warschauer Straße, Kreuzberg, da gehört das eigentlich dazu. Da sind auch einige, die ich da immer sehe. Ich find‘, die passen da hin, und sollten da bleiben – und es sollten noch mehr kommen, eigentlich. (lacht)“ (Umfrage, anonym | Rummelsburger See)

Text: Berlin, Rummelsburger See im Osten der Stadt, Paul-und-Paula-Ufer. Ich spreche Menschen an. Will ihre Meinungen über 100 Gramm buntes Metall mit Gravur einholen. Ausnahmslos alle der Gefragten geben sich sanftmütig.

Ton: „Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. […] Das muss weg! […]“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Text: Die Mitglieder der Künstlergruppe FRANKFURTER HAUPTSCHULE können gar nicht soviel essen wie sie kotzen wollen. Sie haben ein Problem mit den sogenannten Liebesschlössern, die an Geländern und Brüstungen aller Art hängen, als Zeichen für ewige Verbundenheit; Liebe sogar. Unter der Überschrift STAHLBAD IST 1 FUN riefen sie Anfang August dieses Jahres per Videobotschaft Gleichgesinnte auf, ihnen geknackte Liebesschlösser zu bringen, damit sie daraus „was Besseres“ machen können…

Ton: „[…] für den amourösen und ästhetischen Fundamentalismus. Frankfurter Hauptschule.“ (FRANKFURTER HAUPTSCHULE | YouTube)

Text: Nicholas gehört zur jungen Künstlergruppe – und ist zufrieden. Es wurde viel berichtet, aber auch viel gehasst. Der Vorwurf, herzlos zu sein, amüsiert ihn.

Ton: „[…] Ich mein‘, man kann’s ja auch einfach mal umdrehen und sagen, das ist letztendlich auch ’ne Form von einer brutalen Äußerung, wenn man uns das da so massenhaft um die Ohren haut, wenn wir jeden Tag zwischen dieser kitschigen Scheiße rumrennen müssen, die ja in dieser Masse auch irgendwie etwas aussagt… […]“ (Nicholas | Telefonat)

Text: Robert und Suse. Uschi und Harald. P plus A, BFF, best friends forever. Wir gehören zusammen. Und wir waren hier. Alles sollen es wissen.

Ton: „[…] Das, was diese Liebesschlösser ja irgendwie inhaltlich aussagen, also, ’ne Form von Knastsymbolik, und Zuschließen, und Kontrollieren, das ist ja ziemlich nah aneinander, dieses kleinbürgerliche Massenphänomen, da so touristisch irgendwelche Brücken zuzuklatschen, und jeder hängt nochmal eins dran, und das soll dann auch noch irgendwas mit Liebe zu tun haben? […]“ (Nicholas | Telefonat)

Text: Ob das was mit Liebe zu tun hat, ist für eine Stadtverwaltung grundsätzlich nicht relevant. Die will nur wissen: Sind die Schlösser in irgendeiner Weise gefährlich? Machen sie etwas kaputt? Und wenn ja: Welche Konsequenzen sind zu ziehen? In Berlin ist das Anbringen nirgends erlaubt, die Schlösser werden regelmäßig geknackt. Auch in Paris werden seit dem Sommer des vergangenen Jahres tonnenweise Liebesschlösser von den Seine-Brücken entfernt. Sie sind zu schwer, sagt die Stadt, und die hat wohl recht: bereits 2014 war ein Stück Geländer der Fußgängerbrücke Pont des Arts samt Buntmetall ins Wasser gestürzt. Auf großen Verbotsschildern wird nun proklamiert: Stop aux cadenas!, Stoppt die Schlösser!

Und die Stadt Frankfurt? Die schreibt auf ihrer Internetseite, es wäre „nicht zu befürchten, dass der Eiserne Steg durch diese Schlösser ganz oder in Teilen zusammenbricht.“. Von einem Verbot ist nicht die Rede.

In Berlin begegne ich den Franzosen Cecile und Pierre. Sie sind hergezogen, weil sie sich hier frei bewegen können, erzählen sie. Für sie sind die Schlösser Spuren. Spuren, die wir Menschen in unseren Städten hinterlassen. Wer Liebesschlösser knackt, zerstört Spuren?!

Ton: „(P) Wenn man sowas macht, dann ist man dagegen, dass man diesen space benutzt. Grundsätzlich zu sagen: ich finde das hässlich, ich will das wegtun, wenn’s dich stört, dann hast du ein Problem, das überhaupt irgendjemand seine Spur hinterlässt, und dann hat er ein Problem mit der Idee, dass das uns gehört. – „(C) Paris zum Beispiel gehört dir nie! Die public spaces sind superklein, du darfst nicht ein Getränk, also, ein Bier, draußen auf der Bank trinken, du darfst nicht auf dem Gras sitzen, das ist superverboten. Und vielleicht ist es ein Symbol, da, du bist draußen, aber der public space gehört dir nicht, darum brauchst du diese Art zu sagen: Doch, das gehört mir ein bisschen! Im Vergleich zu Berlin, wo du total frei bist.“ (Umfrage, Pierre & Cecile | Rummelsburger See)

Text: Das Liebesschloss als Spur, als Beleg für Unfreiheit, und das Aufhängen als Akt der Eroberung von öffentlichem Raum? Klingt absurd – aber schlüssig.

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Helma, Literatur

Sie sitzt am Schreibtisch. Mit feinem Strich zeichnet sie zwei Spalten einer Tabelle auf das weiße Blatt Papier, sorgfältig und doch: ungehalten. In die linke Spalte schreibt sie: Seelenheil, Aufmerksamkeit, Liebe, Kuchengeruch. In die rechte: Ruhe, Stille, Freiheit, Kühle. Das Ü und das H von Kühle verschwimmen, als eine Träne einen Krater der Sorge mitten in das Wort legt. Helma zieht Rotz hoch. Die Taschentücherbox ist so leer wie ihr Gehirn. Toilettenpapier wird es auch tun, denkt sie und schlurft ins Bad. Im Flur hört sie, wie der Bleistift vom Schreibtisch rollt.

009

Zitat
Helma, Literatur

Sie wünscht sich eine Familie. Eine, die sagt: „Ist nicht so schlimm.“. Eine, die fragt: „Hast du Hunger?“. Eine, die schweigt, wenn alles brennt. Eine, die lacht, wenn nichts mehr geht. Eine, die festhält. Eine, die mitwächst. Eine, die Geschichten erzählt, wahre und ausgedachte. Eine, die niemals droht. Eine, die immer hofft. Eine, die lässt. Helma wünscht sich eine Familie. Als Kind. Irgendwann.

008

Zitat
Funk, Literatur

Vom Drinnen & Draußen.

Oscar-Verleihung 2016 – Brie Larson erhält den Oscar für das beste weibliche Hauptrollenspiel. Ich kenne sie nicht. Kinogänge gehören nicht zu meinen Leidenschaften, auch wenn ich die seltenen Besuche stets genieße, zuletzt in „Die Prüfung“ (Deutschland) und „Sture Böcke“ (Island); allein der Umstand, dass es sich bei „Room“ um eine Literaturverfilmung hält, lässt mich aufmerken.

Da. War. Doch. Was.

Ich wühle mich durch Tonnen Papier, bis ich verstaubt und triumphierend mit der Romanvorlage von Emma Donoghue aus dem Berg Bücher emporsteige. Ich erinnere mich an das bunte Cover, vier große Buchstaben: „RAUM“. Ich wollte es nach Erscheinen lesen, war aber nicht dazu gekommen.

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Ich lese. Und höre wieder auf. Ich bin schockiert. Lese weiter. Und bin begeistert. Scham flutet meine Brust. Warum bin ich von einer Geschichte begeistert, in der eine Mutter und ihr fünf Jahre alter Sohn in einem Schuppen mit schalldichten Wänden eingeschlossen sind? Die Scham versickert mit jeder Zeile, wohin, weiß ich nicht.

Vermutlich in jede Zelle.

Es geht nicht um das Eingesperrtsein, es geht um das Freisein. Emma Donoghue erzählt aus der Perspektive eines Kindes vom Drinnen und Draußen. Stark. Hoch tausend. Ja. Was ist Freiheit? Wer baut sie? Wer macht sie zugänglich? Für wen?

Das perfekte Buch für den Moment… bei DRadio Wissen, meine Buchvorstellung vom 13. März 2016…

„[…] Jeden Tag, außer samstags und sonntags, immer nach dem Mittagsschlaf, üben sie Geschrei. Dann klettern Jack und seine Mutter, die er nur Ma nennt, auf den Tisch, recken die Hälse Richtung Oberlicht und schreien, so laut und so lange sie können. Dabei halten sie sich an den Händen fest, damit sie nicht herunterfallen.

Dann legen sie die Finger an ihre Lippen – und lauschen.

Auch an Jacks fünftem Geburtstag üben sie Geschrei. Jack mag das; für ihn ist das ein Spiel. Wie vieles, was er und seine Ma machen: Wenn sie jeden Morgen gemeinsam baden. Wenn sie den Teppich beiseite rollen und ein Wettrennen veranstalten. Wenn sie den Fernseher stumm schalten, und den Sprechern wie Papageie Fantasiesätze in die Münder legen. Wenn sie alle Eierschalen, die beim Kochen und Backen übrig bleiben, zu einer meterlangen Schlange auffädeln. Wenn sie sich Lieder vorsingen, das Klopapier bemalen, oder Wörter erfinden, sogenannte Wörtersandwiches.

Jack fühlt sich wohl. Er hat es gut. Für ihn könnte alles so bleiben, wie es ist. Aber er merkt, dass seine Ma sich verändert, je älter er wird. Nicht nur, dass ihre Zähne immer mehr weh tun, und sie ziemlich oft Schmerztabletten nehmen muss, damit sie essen und schlafen kann, auch sonst sagt sie plötzlich Sätze, die Jack nicht hören will. Sie sagt, sie musste ihn früher belügen, weil er noch zu klein gewesen sei.

Und jetzt wäre es Zeit für die Wahrheit – für das „Entlügen“. […]“ (Auszug aus dem Beitrag für DRadio Wissen, s.o.)

Emma Donoghue: „Raum“, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Armin Gontermann, erschienen im Verlag Piper (2011), 410 Seiten, 19,99 EUR (geb.), 9,99 EUR (Tb.). „Raum“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt, 19,99 EUR (CD), 13,00 EUR (Download).

Der Roman erschien 2010 unter dem Titel „Room“ bei Little, Brown and Company. Die Verfilmung von Lenny Abrahamson kam gestern, am 17. März 2016 in die deutschen Kinos. Das Drehbuch schrieb die Autorin Emma Donoghue selbst.

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Allgemein, Drama

Gut. Schlecht. Halb. Twain.

Ich habe eine gute Nachricht – und eine schlechte. Und eine, die irgendwo dazwischen liegt. Zuerst die schlechte. Ich habe alle Kommentare gelöscht, versehentlich, mit ca. 300.000 Spam-Kommentaren, im Wahn. Ich passte nicht auf und vernichtete auch eure geistreichen und kritischen Äußerungen zu meinen Texten. Vergebt mir, bitte. Ich könnte! Grmpf. Ja. Okay. Weiter.

Jetzt die gute. Ich habe einen ziemlich coolen Instagram-Knopf, „oben“ im Widget-Bereich dieser Internetseite, neben den Knöpfen für Facebook und Twitter. Eigentlich war dieses Widget nicht vorgesehen für mein WordPress-Theme. Doch plötzlich fand sich eine gute Fee ein, mit Glatze und im Karohemd, und machte das irgendwie, den Dreitagebart knetend. Es ist wahrscheinlich Liebe. Ich freue mich. Vielen Dank, mein lieber Fee.

Und jetzt die Nachricht, die halb gut und halb schlecht ist. Mein #FBex-Projekt scheiterte. Ich bin da immer noch. Ich kann das erklären. Ich werde. Später. Schlaft gut…

„Das Leben ist kurz. Brich die Regeln. Vergib schnell. Küsse langsam. Liebe wahrhaft. Lache unkontrolliert. Und bereue niemals etwas, das dich zum Lachen gebracht hat.“ Mark Twain

 

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