Helma, Literatur

Sie sitzt am Schreibtisch. Mit feinem Strich zeichnet sie zwei Spalten einer Tabelle auf das weiße Blatt Papier, sorgfältig. Und doch ungehalten. In die linke Spalte schreibt sie: Seelenheil, Aufmerksamkeit, Liebe, Kuchengeruch. In die rechte: Ruhe, Stille, Freiheit, Kühle. Das Ü und das H von Kühle verschwimmen, als eine Träne einen Krater der Sorge mitten in das Wort legt. Helma zieht Rotz hoch. Die Taschentücherbox ist so leer wie ihr Gehirn. Toilettenpapier wird es auch tun, denkt sie und schlurft ins Bad. Im Flur hört sie, wie der Bleistift vom Schreibtisch rollt.

 

009

Kurzmitteilung
Helma, Literatur

Sie wünscht sich eine Familie. Eine, die sagt: „Ist nicht so schlimm.“. Eine, die fragt: „Hast du Hunger?“. Eine, die schweigt, wenn alles brennt. Eine, die lacht, wenn nichts mehr geht. Eine, die festhält. Eine, die mitwächst. Eine, die Geschichten erzählt, wahre und ausgedachte. Eine, die niemals droht. Eine, die immer hofft. Eine, die lässt. Helma wünscht sich eine Familie. Als Kind. Irgendwann.

 

 

008

Kurzmitteilung
Buchmoment, Literatur

Vom Drinnen & Draußen.

Oscar-Verleihung 2016 – Brie Larson erhält den Oscar für das beste weibliche Hauptrollenspiel. Ich kenne sie nicht. Kinogänge gehören nicht zu meinen Leidenschaften, auch wenn ich die seltenen Besuche stets genieße, zuletzt in „Die Prüfung“ (Deutschland) und „Sture Böcke“ (Island); allein der Umstand, dass es sich bei „Room“ um eine Literaturverfilmung hält, lässt mich aufmerken.

Da. War. Doch. Was.

Ich wühle mich durch Tonnen Papier, bis ich verstaubt und triumphierend mit der Romanvorlage von Emma Donoghue aus dem Berg Bücher emporsteige. Ich erinnere mich an das bunte Cover, vier große Buchstaben: „RAUM“. Ich wollte es nach Erscheinen lesen, war aber nicht dazu gekommen.

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Ich lese. Und höre wieder auf. Ich bin schockiert. Lese weiter. Und bin begeistert. Scham flutet meine Brust. Warum bin ich von einer Geschichte begeistert, in der eine Mutter und ihr fünf Jahre alter Sohn in einem Schuppen mit schalldichten Wänden eingeschlossen sind? Die Scham versickert mit jeder Zeile, wohin, weiß ich nicht.

Vermutlich in jede Zelle.

Es geht nicht um das Eingesperrtsein, es geht um das Freisein. Emma Donoghue erzählt aus der Perspektive eines Kindes vom Drinnen und Draußen. Stark. Hoch tausend. Ja. Was ist Freiheit? Wer baut sie? Wer macht sie zugänglich? Für wen?

Das perfekte Buch für den Moment… bei DRadio Wissen, meine Buchvorstellung vom 13. März 2016…

„[…] Jeden Tag, außer samstags und sonntags, immer nach dem Mittagsschlaf, üben sie Geschrei. Dann klettern Jack und seine Mutter, die er nur Ma nennt, auf den Tisch, recken die Hälse Richtung Oberlicht und schreien, so laut und so lange sie können. Dabei halten sie sich an den Händen fest, damit sie nicht herunterfallen.

Dann legen sie die Finger an ihre Lippen – und lauschen.

Auch an Jacks fünftem Geburtstag üben sie Geschrei. Jack mag das; für ihn ist das ein Spiel. Wie vieles, was er und seine Ma machen: Wenn sie jeden Morgen gemeinsam baden. Wenn sie den Teppich beiseite rollen und ein Wettrennen veranstalten. Wenn sie den Fernseher stumm schalten, und den Sprechern wie Papageie Fantasiesätze in die Münder legen. Wenn sie alle Eierschalen, die beim Kochen und Backen übrig bleiben, zu einer meterlangen Schlange auffädeln. Wenn sie sich Lieder vorsingen, das Klopapier bemalen, oder Wörter erfinden, sogenannte Wörtersandwiches.

Jack fühlt sich wohl. Er hat es gut. Für ihn könnte alles so bleiben, wie es ist. Aber er merkt, dass seine Ma sich verändert, je älter er wird. Nicht nur, dass ihre Zähne immer mehr weh tun, und sie ziemlich oft Schmerztabletten nehmen muss, damit sie essen und schlafen kann, auch sonst sagt sie plötzlich Sätze, die Jack nicht hören will. Sie sagt, sie musste ihn früher belügen, weil er noch zu klein gewesen sei.

Und jetzt wäre es Zeit für die Wahrheit – für das „Entlügen“. […]“ (Auszug aus dem Beitrag für DRadio Wissen, s.o.)

Emma Donoghue: „Raum“, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Armin Gontermann, erschienen im Verlag Piper (2011), 410 Seiten, 19,99 EUR (geb.), 9,99 EUR (Tb.). „Raum“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt, 19,99 EUR (CD), 13,00 EUR (Download).

Der Roman erschien 2010 unter dem Titel „Room“ bei Little, Brown and Company. Die Verfilmung von Lenny Abrahamson kam gestern, am 17. März 2016 in die deutschen Kinos. Das Drehbuch schrieb die Autorin Emma Donoghue selbst.

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Allgemein, Drama

Gut. Schlecht. Halb. Twain.

Ich habe eine gute Nachricht – und eine schlechte. Und eine, die irgendwo dazwischen liegt. Zuerst die schlechte. Ich habe alle Kommentare gelöscht, versehentlich, mit ca. 300.000 Spam-Kommentaren, im Wahn. Ich passte nicht auf und vernichtete auch eure geistreichen und kritischen Äußerungen zu meinen Texten. Vergebt mir, bitte. Ich könnte! Grmpf. Ja. Okay. Weiter.

Jetzt die gute. Ich habe einen ziemlich coolen Instagram-Knopf, „oben“ im Widget-Bereich dieser Internetseite, neben den Knöpfen für Facebook und Twitter. Eigentlich war dieses Widget nicht vorgesehen für mein WordPress-Theme. Doch plötzlich fand sich eine gute Fee ein, mit Glatze und im Karohemd, und machte das irgendwie, den Dreitagebart knetend. Es ist wahrscheinlich Liebe. Ich freue mich. Vielen Dank, mein lieber Fee.

Und jetzt die Nachricht, die halb gut und halb schlecht ist. Mein #FBex-Projekt scheiterte. Ich bin da immer noch. Ich kann das erklären. Ich werde. Später. Schlaft gut…

„Das Leben ist kurz. Brich die Regeln. Vergib schnell. Küsse langsam. Liebe wahrhaft. Lache unkontrolliert. Und bereue niemals etwas, das dich zum Lachen gebracht hat.“ Mark Twain

 

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Literatur, Menschen

Buchzik prangert an.

Ich kenne weder die Journalistin Dana Buchzik persönlich, noch all ihre Erfahrungen, die sie im Literaturbetrieb gemacht hat. Dennoch empfehle ich euch, ihren Text auf taz.de zum Thema Sexismus und Diskriminierung zu lesen. Es ist ihr wichtig.

Mir auch.

„Nicht dass im Journalismus Sexismus kein Thema wäre: Bespritzt der Rennfahrer Lewis Hamilton eine Hostess mit Champagner, vertreibt ein großes Versandhandelsunternehmen „In Mathe bin ich Deko“-Shirts für Mädchen, ist das Geschrei groß. Im Literaturbetrieb aber ist die Welt natürlich eine andere, unbefleckte: Viele seiner Protagonisten sehen sich gern als besonders tolerant und progressiv.“ (Dana Buchzik, taz.de)

Die einzige, aber beständige Diskriminierung, der ich als freie Journalistin ausgesetzt bin, ist die, dass ich keine Mutter bin, und deswegen natürlich flexibel. So flexibel, dass einige meiner KollegInnen grundsätzlich davon ausgehen, dass ich mich ihren Rhythmen füge. Und eine Verabredung mit einem Freund ist nur halb so stark wie die Verpflichtung, dem Sohn neue Schuhe zu kaufen. Also sage ich meine Verabredung zugunsten der Eltern ab. Denn das Kind geht immer vor. In ihren Leben ganz bestimmt; in meinem nicht. Soviel zu meinen Wunden. Das führt von Danas Anliegen aber weg.

Zurück zu dem.

„Dass männliche Chefs ihre weiblichen Mitarbeiter „Mäuschen“ nennen; dass Journalisten auf Pressereisen lautstark Wetten darüber abschließen, wer die jüngste Kollegin als Erster ins Bett kriegen wird; dass leitende Redakteure freien Mitarbeiterinnen schon beim Versuch einer Gehaltsverhandlung über den Mund fahren, da von Frauen ein weniger unverschämtes Auftreten gewünscht sei und/oder sie ohnehin nie eine feste Stelle erhalten würden: wie humorlos, so etwas zu dramatisieren!“ (Dana Buchzik, taz.de)

Ekelhafte Verleger, anzügliche Kollegenschweine und ähnlich Deprimierte haben es bei mir bislang nicht versucht. Oder ich es nicht bemerkt. Ich meide den Literaturbetrieb, so weit es geht. Keine Partys, keine Essen, wenige Presseveranstaltungen, allenfalls auf Buchmessen. Den Kaffee zahl‘ fast immer ich. Keine faulen Absprachen und keine unseriösen Versprechungen. Dennoch bin ich zu AutorInnen und VerlagsvertreterInnen immer aufrichtig, und bei Anfragen für meine Sendungen und Beiträge verbindlich. Ein Interview platzt sehr selten wegen mir.

Vielleicht stecke ich nicht tief genug im Sumpf. Vielleicht bin ich nicht so gefährlich für die dummen Menschen, die Dana Buchzik drohen. Immerhin: Ich bin eine Frau. Ich lese Bücher. Es sind sehr viele Bücher von Frauen. Nicht, weil ich muss, sondern weil sie gut sind. Die Frage nach der „Quote“ stellte sich mir nie. Ich entscheide in seltenen Fällen politisch, und wenn doch, dann spielt das Geschlecht keine Rolle. Und wenn (doch) doch, z.B. im Fall von Laurie Penny, dann stehe ich drauf.

Bin ich naiv?

Seit ich journalistisch arbeite, wird mir vorgehalten, ich könne mir Kritik am Literaturbetrieb nicht leisten. Auf den Weg gegeben wird mir der Ratschlag, ich müsse erst eine festangestellte Journalistin oder eine etablierte Autorin sein, um mir das herausnehmen zu können. Missstände aufzeigen zu dürfen sollte man sich aber nicht erst durch jahrelanges Schweigen verdienen müssen. Ich bin nicht zuletzt deswegen Journalistin geworden, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es Öffentlichkeit braucht, um etwas verändern zu können.“ (Dana Buchzik, taz.de)

Ja!

Dana Buchzik wünsche ich viel Rückenwind.

Sie bloggt: sophiamandelbaum.de. Und twittert.

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#FBex, Fundstück, Menschen

Autor im Sportanzug. #FBex

09. Nov. 2012

John Irving und ich in der Villa Kennedy (Frankfurt/M.) nach einem zweistündigen Interview zum Roman „In einer Person“. Status: verliebt. Schärfe: egal.

© unbekannt |Nov. 2012,  John Irving und ich, unscharf in Frankfurt (Main)

© unbekannt |Nov. 2012, John Irving und ich, unscharf in Frankfurt (Main)

Kerstin Poppendieck Einer meiner Lieblingsautoren. Was bin ich neidisch!!!

SuSe Kipp jau

Lydia Herms Er ist ein sehr unterhaltsamer Kerl, aufbrausend, aufmerksam, witzig, ABER: keine Antwort unter 10 Minuten, im Schnitt 15. Und das, ohne den Faden zu verlieren. Er ist ein wunderbarer Erzähler.

Jasmin Klein Likelikelike! Ich liebe ihn seit Hotel New Hampshire und haben wegen ihm Komparatistik studiert!

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#FBex, Fundstück, Literatur

Literaturtelefon? #FBex

07. Nov. 2012

Literaturtelefon? Ich bin angetan. Gleich mal anrufen…

[…] Mitte der 70er Jahre stieß der Kieler Literatur-Student Michael Augustin in London auf eine Zeitungsanzeige: „Dial a poem – Ruf ein Gedicht an!“ Diese Idee begeisterte den jungen Autor so sehr, dass er nach seiner Rückkehr gemeinsam mit dem damaligen Kulturdezernenten Dieter Opper ein ähnliches Projekt, das Kieler Literaturtelefon, das erste in Deutschland, ins Leben rief. […]

[…] Die Kieler Autoren und Literatur-Event-Veranstalter Björn Högsdal und Patrick Kruse, die unter dem Label assembleART.com firmieren und die unter anderem das Format Poetry Slam in Kiel und darüber hinaus etabliert haben, sowie der Kieler Journalist, Autor und Literatur-Blogger Jörg Meyer treten als Triumvirat an. Sie wollen das Literaturtelefon in eine neue multimediale und global vernetzte Zukunft führen. über die Möglichkeiten des Internet wollen die drei vor allem junge Hörerschaften für das gesprochene Wort gewinnen, jene, die über die zwei Kupferdrähte der Telekom nicht nur telefonieren, sondern sich weltweit ins Netz klicken. Dabei sollen diejenigen, die sich nach wie vor über Dichtung am Telefon freuen, nicht vergessen werden. Seit April 2007 ist das Kieler Literaturtelefon also wie gewohnt unter der Rufnummer 0431/901-8888 (neue Rufnummer seit 1.10.2014) und zusätzlich im Internet unter www.literaturtelefon-online.de erreichbar – allerdings wechseln die Beiträge nicht mehr im wöchentlichen, sondern 14-tägigen Rhythmus. […]

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#FBex, Fundstück

Azubi gesucht… #FBex

04. Okt. 2012 

Liebe Menschen, liebe Freunde – ich suche einen Azubi (w/m), die/der alles macht, was ein Azubi macht; im Betrieb ackern, die Berufsschulbank drücken, Pausenbrote kauen. JETZT die Haken: Sie/er muss über 30 sein, außerdem nett und ein bisschen redselig. Ich arbeite an einem Stück über berufliche Neuanfänge. Kennt Ihr „so eine/n“, könnt Ihr mit einem Kontakt helfen? Nachricht genügt.

Anke Arnold Um was genau geht´s? Pausenbrote kauen kann ich. Mit dem Rest bin ich mir nicht sicher!

Lydia Herms Ich mache für DRadio Wissen einen Beitrag über Menschen, die mit Anfang/Mitte/Ende 30 eine Ausbildung machen, die sich nicht von 16jährigen Mitschülern und gleichaltrigen Ausbildern beirren lassen. Ich möchte im Gespräch oder beim Besuch im Betrieb erfahren, wie das ist und ob es nicht vielleicht sogar besser ist, erst in dem Alter, nach einigen Jahren Lebenserfahrung, zu entscheiden, welchen Beruf man ausüben möchte. Ich bin sehr aufgeschlossen, freue mich über jede Geschichte, ob leise oder laut erzählt, ob ausschweifend oder knapp. Hättest Du eine für mich? 

Christina Schlichting Tja da ich kenne da jemand der sich das ganze Programm noch mal an tut. Fragen ? Dann gerne melden Adresse und so weiter kennst du…

Lydia Herms Oh, du Liebe.

Anke Arnold Liebe Lydia, vielen Dank für Deine Info. Jede Gescichte hat einen Anfang und davon kann ich ein Lied singen. Ich befinde mich gerade (noch) gedanklich an der Idee zu einem beruflichen Neuanfang. Ich empfinde es als unglaublich schwer, sich überhaupt in eine neue Richtung zu bewegen. Mal von einer Menge Absagen abgesehen, so viele Wenn… und Abers…Und Fragen über Fragen. Was gebe ich auf? Was erwartet mich? Wer unterstützt mich? Wie soll ich das schaffen? Wenn Dich meine Geschichte interessiert, schick mir ne Nachricht. LG

 

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