Allgemein, Minusgeld

Parole: Läuft!

Heute ist für mich ein besonderer Tag.

Vor genau einem Jahr war der 15. Juni ein Donnerstag. An diesem Donnerstag stand ich gegen 11:00 Uhr heulend am Ufer der Panke in Berlin-Wedding, dem Stadtteil Berlins, in dem ich lebe, machte dort ein paar larmoyante Winkeschattenfotos, schrieb kryptische Nachrichten an Eingeweihte, nahm Graffiti-Zeilen mit Liebe drin persönlich und riskierte Hopsen. Kurz: Ich konnte es nicht fassen.

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Allgemein

Merhaba. Nefisti. Hoşça kal.

Ich bin in Istanbul gewesen, einen Abend, vier Tage und einen Morgen lang. Es ist schön, wieder zuhause zu sein, umgeben von Vertrautem und Liebe, und dennoch ist mein Herz schwer. Die Geschichten, die ich von dort mitgebracht habe, klingen hier, in Berlin so übertrieben, ausgedacht, erlogen. Dabei sind sie alle wahr. So wahr wie einer der für mich schönsten Momente in dieser lauten, vollen und vor (krassen) Widersprüchen strotzenden Stadt: am Bosporus, im Stadtteil Üsküdar, auf der asiatischen Seite mit Blick auf die europäische, in der Sonne, zwischen Türk*innen, die ihre freie Zeit genießen, Çay trinken, Simit knabbern, gucken. Im Wasser: Möwen, Bojen, Schiffe. Ich hatte weder Zeitgefühl, noch Internet. Ich hatte stumpfe Zähne und später einen Sonnenbrand.

Istanbul, März 2018 | Foto: Lydia Herms

Istanbul, März 2018 | Foto: Lydia Herms

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Allgemein, Menschen

Oma guck’, der Junge malt.

Ich schwitze wie die Hölle. Sitz’ da in dem geliehenen Campingstuhl, breitbeinig, nach vorn gebeugt, zu den Dingen, die ich vor mir auf dem Gehweg verteilt habe: Block, Pinsel, Buntstifte, Bleistifte, Wasserbecher, Wasserflasche, Wasserfarben, Ratzefummel, Küchenrolle. All das da so liegen zu sehen bereitet mir ein Gefühl der Genugtuung. Es ist so ordentlich. Links neben und auch hinter mir erhebt sich eine begrünte Anhöhe. In den Büschen summt was.

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Allgemein, Drama

Gut. Schlecht. Halb. Twain.

Ich habe eine gute Nachricht – und eine schlechte. Und eine, die irgendwo dazwischen liegt. Zuerst die schlechte. Ich habe alle Kommentare gelöscht, versehentlich, mit ca. 300.000 Spam-Kommentaren, im Wahn. Ich passte nicht auf und vernichtete auch eure geistreichen und kritischen Äußerungen zu meinen Texten. Vergebt mir, bitte. Ich könnte! Grmpf. Ja. Okay. Weiter.

Jetzt die gute. Ich habe einen ziemlich coolen Instagram-Knopf, „oben“ im Widget-Bereich dieser Internetseite, neben den Knöpfen für Facebook und Twitter. Eigentlich war dieses Widget nicht vorgesehen für mein WordPress-Theme. Doch plötzlich fand sich eine gute Fee ein, mit Glatze und im Karohemd, und machte das irgendwie, den Dreitagebart knetend. Es ist wahrscheinlich Liebe. Ich freue mich. Vielen Dank, mein lieber Fee.

Und jetzt die Nachricht, die halb gut und halb schlecht ist. Mein #FBex-Projekt scheiterte. Ich bin da immer noch. Ich kann das erklären. Ich werde. Später. Schlaft gut…

„Das Leben ist kurz. Brich die Regeln. Vergib schnell. Küsse langsam. Liebe wahrhaft. Lache unkontrolliert. Und bereue niemals etwas, das dich zum Lachen gebracht hat.“ Mark Twain

 

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#FBex, Allgemein

Willkommen! #FBex

2015. Ich wollte Dich mit viel Text und Tamtam begrüßen. Das klappt jetzt nicht, so am Stück. Ich halte Dich auf dem Laufenden über meine Pläne, ich versprech’s. Aber ich muss jetzt ganz viel tun.

Wie immer? Jaja, wie immer, aber anders, und mehr, und überhaupt, was erlaubst’n Du Dir!? Es stimmt. Großspurig ließ ich im vergangenen Jahr verlauten, ich würde bald organisierter, disziplinierter und konzentrierter arbeiten. Und leben. Und lieben. Das ist auch noch aktuell. Ich lese Fachlektüre, ich habe meine Kalender, bald auch besondere Ablagen, und dann einen Überblick. Der Weg ist weiter, als ich dachte. Hab‘ Geduld mit mir, bitte.

Ich bringe Opfer. Ich lösche Facebook. Also, nicht das ganze, Himmel, nur an meinem Schreibtisch, auf meinem Handy, in meinem Kopf. Noch in diesem Monat. Ich hab’s beschlossen. Ein paar Momente aus den 4 Jahren FB-Zeit werde ich konservieren, hier auf meiner Internetseite, in meinem Blog, in der Kategorie #FBex. ex steht für exitus. Cool, oder?

Die Frage nach dem Grund ist berechtigt. Weil es mich ablenkt, mir Zeit raubt, mich manipuliert und ausspioniert. Weil es mich erdrückt und immer seltener entzückt. Ich werde es vermissen, die Wirrheit, das Bunte, meine Freunde. Aber es wird gehen, die Beiträge finde ich auch so. Die Freunde sind nicht weg. Und ich bleibe hier. Ok?

Jetzt muss ich es nur noch den anderen beibringen.

18. Juni 2011 #FBex

© Grit Siwonia | Sommer 2010 in einem alten Wohnwagen, Sachsen

© Grit Siwonia | Sommer 2010 in einem alten Wohnwagen in Sachsen

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Allgemein, Drama

Zwischenstand.

Vor knapp drei Wochen beschloss ich, mein Leben zu ändern. Ich litt unter dem Ferienphänomen – und war es leid zu leiden. Bin es noch. Also setzte ich mich auf meinen viel zu unbequemen Schreibtischstuhl an meinen viel zu hohen Schreibtisch und beschloss Dinge für die kommenden Wochen…

„Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Samuel Beckett

Stuhl und Tisch fliegen raus. Auf  planungsboards.de bestellte ich eine 90×120 cm große Tafel, auf der ich drei Wochen mit einem Blick erfassen und mit Spezialstiften und großen Plänen füllen kann. Ich las Rezensionen von Kunden und Kritikern und wählte die Bücher „Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag“ von David Allen und „Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für kreative Chaoten“ von Cordula Nussbaum als Startlektüre. Ich richtete offizielle Kommunikations- und Produktionszeiten ein, akzeptierte nun endgültig die Präsenz des Mac-Kalenders auf meinen Endgeräten, informierte meinen Mann und meine „größten“ Auftraggeber darüber, dass nun bald alles ganz anders sei – und freute mich. So.

 „Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Klippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.“

Friedrich Hölderlin

Am 1.9. begann mein neues Leben, vor allem in meinem Kopf. Die Auftraggeber reagierten gelassen und liebenswert, vielleicht war ihnen meine Not nicht gegenwärtig, und mein Verlangen, für kommende Unannehmlichkeiten um Nachsicht zu bitten, nur ein weiterer, kleiner Teil des Problems. Ich bin nicht entspannt. Ich deklarierte Kommunikationszeiten in meiner Email-Signatur, halte sie aber noch nicht ein. Ständig wird mir geschrieben. Von Pressevertretern, von KollegInnen, von dawanda-Shops. Ich benutze seit Jahren nur eine Adresse für alles. Seitdem ich diese Website eingerichtet habe, benutze ich auch eine neue Kontaktadresse, aber am Ende landen alle Emails in einem Postfach. Das ist doof. Das muss ich anders organisieren. Wie genau, weiß ich noch nicht.

Ich hoffe auf die Bücher. Die liegen noch in meiner Packstation, seit zwei Tagen, fünf habe ich also noch, um sie abzuholen. Desweiteren hat die Boardfirma Lieferschwierigkeiten, mein Rettungsbrett hängt irgendwo fest. Vielleicht wird es noch gestanzt und bemalt, von Hand, ohne Lineal. Der Schreibtisch ist nicht mehr zu hoch, seitdem ich eine Fußbank benutze. Die Entscheidung für einen neuen Tisch fällt nicht leicht. Die Auswahl ist groß, das Finanzfeld auch. Ähnlich verhält es sich mit dem Stuhl. Dafür besitze ich jetzt ein neues Mikrofonstativ. Das wiegt eine Tonne und wackelt nicht. Schön.

 „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Bertolt Brecht

Und ich habe einen Termin. In knapp zwei Stunden besichtige ich ein Gemeinschaftsbüro in Berlin-Mitte. Auf dockboerse.com sprang sie mir entgegen, die Anzeige. Anja verlässt die Stadt und geht nach Hamburg. Zurück lässt sie einen tollen Arbeitsplatz und traurige KollegInnen. Für 155 EUR könnte ich das bald haben, inkl. Internet und Telefon, wenn wir uns mögen, und alles passt. Im Büro sitzen weitere Journalisten, Menschen, die wissen, wie ich arbeite, die nicht jeden Tag gemeinsam zweimal warm kochen wollen, sondern produzieren und fristgerecht abliefern müssen. Meine Audiobeiträge produziere ich weiterhin zuhause, in meiner Kammer, bei meinem Mikrofon, vor meinen überirdisch guten Monitorboxen. Für’s Denken muss ich raus. Und für’s Schreiben. Dann freut sich auch meine Steuerberaterin; endlich ein richtiges Büro.

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Allgemein, Drama

Ferienphänomen.

Sommerpause. Ich bin nicht im Urlaub gewesen, nein, das nicht, aber zwei Drittel meiner Einnahmequellen ruhten. Oder pausierten. Das war so abgemacht; sie – die Redaktionen – wollten Geld sparen, ich – die Autorin – sollte mich ausruhen. Ich hatte somit frei. In dieser Zeit las ich trotzdem schöne Bücher, und arbeitete trotzdem woanders für Geld, frei und willig. Und dennoch fühlt sich die aktuelle Woche an wie neu, wie: nach den Ferien.

 

Sie ist schlimm.

 

Seit vielen Jahren beschäftigt mich das Ferienphänomen. Erschöpft und leer gerockt erwartete ich schon vor mehr als 20 Jahren die Ferien. Ich erinnere mich an die 5., 6. Klasse, als ich bereits Tage vor dem Ferienbeginn fantasierte, wie ich einfach nur so rumliegen würde, ganz still. Ob ich mir das auch schon zu Grundschulzeiten wünschte, weiß ich nicht. Im Gegensatz zu vielen meiner Bekannten und Freunde kann ich mich nur an weniges erinnern, das vor dem Wechsel ans Gymnasium liegt. Vielleicht hatte ich bereits damals schon kein Gefühl für Zeit. Oder ich hab‘ mich beim Erinnern einfach noch nicht angestrengt. Ich freute mich jedenfalls und sagte mir: Lydia, nach den Ferien ist alles wieder gut.

Und dann kamen die Ferien. Und ich wusste, alles ist gut. Und dann kam der erste Tag nach den Ferien, auf den ich mich ebenso freute, wie ich mich auf den ersten Ferientag gefreut hatte. Und dann die Ernüchterung: es war gar nicht alles gut.

 

Als wären niemals Ferien gewesen.

 

Ich war sofort erschöpft, auch traurig, nicht immer, oft. Immer wieder. Von Jahr zu Jahr. Ich beendete die Schule ziemlich gut mit dem Abitur, begann umgehend mit 18 ein Studium. Und da dann eine ähnliche Erfahrung. Ich studierte. Ich war erschöpft. Ich freute mich auf die Pausen, und vor allem, auf die Zeit nach den Pausen, hoch motiviert, angriffslustig, neu. Und dann war alles weg, einfach so, meine Pläne, meine Motivation, die Lust, das Licht. Das nenne ich Ferienphänomen…

 

Erwarte ich zuviel von mir und von den „neuen“ Tagen?
Schließe ich mit Altem nicht ordentlich ab?
Erhoffe ich mir Veränderung, ohne selbst etwas ändern zu müssen?
Möchte ich besser funktionieren?
Was sind richtige Ferien bzw. Pausen? 
Wie erkläre ich das meiner Liebe?

 

Vor zwei Jahren erschien eine brand eins-Ausgabe mit dem Schwerpunkt Nichtstun. Die hatte ich mir damals gekauft, aber nur sporadisch gelesen. Ich suche sie heraus. Mein Motor läuft noch. Ich lese. Und finde. Ich habe ganz viel zu tun, Dinge, auf die ich mich gefreut habe, noch immer freue. Eine Freude, die ich mir nicht nehmen lassen möchte. Ich muss es klären. Ich warte nicht.

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Allgemein, Menschen

WM vs. Krieg?

The Guardian postete eine Bildergalerie von sehr traurigen Brasilianern. Zuerst fand ich das hochgradig bescheuert. Auch vermessen. Grundsätzlich übertrieben. Dann las ich die Kommentare anderer, und Tweets, z.B. einen von der Politikerin und Autorin Marina Weisband. Und es ratterte.

 

 

Wollte es abnicken, „Ja, genau. Wie kann man nur!?“, so. Aber diese „Ereignisse“ miteinander zu vergleichen, ist nicht gut. Das würde bedeuten, dass die Menschheit sich gar nicht mehr mit Banalitäten wie Fußball beschäftigen dürfte. Oder Rummel. Oder Kindergeburtstag. Sie dürfte nicht feiern, nicht tanzen. Es wäre immer vermessen. Es gibt immer jemanden, der leidet, der vergewaltigt, vertrieben, erschossen wird, tausende Kilometer entfernt, zwei Häuser weiter. Das hört nicht auf. Könnte eine Menschheit Selbstmord begehen, wir sollten es tun. Wir sind nicht zu retten. Wir vergiften die Natur, wir quälen Tiere – und wir hassen uns gegenseitig.

Ich sah kein einziges WM-Spiel komplett. Ich hatte weder Lust, noch Zeit. Die Ereignisse in Brasilien, vor den Spielen, hatten mir zudem den Geschmack am Jubeln verdorben. Vom Spiel gegen Brasilien hörte ich das Gebrüll der Nachbarn, und das Geböller auf den Straßen in meinem Kiez, dann, wenn ein Tor gefallen war. Da permanent gebrüllt und geböllert wurde, ging ich davon aus, dass es viele Tore sind, die fielen. An anderen Tagen schrieb mir mein Bruder, wie es stand. Oder ich hörte es im Radio.

Die Menschen freu(t)en sich. Das ist gut. Das heißt nicht automatisch, dass es ihnen egal ist, was gerade in Israel passiert. Wenn ich auf ein Konzert gehe, da ein bisschen tanze und selig vor mich hinflenne, dann denke auch ich nicht an die Bomben, die andernorts fallen. Und wenn doch, verlasse ich nicht betreten das Konzert. Und dennoch bin ich informiert, interessiert. Es ist mir nicht egal. Und wenn die Brasilianer die Niederlage ihrer Mannschaft beweinen, heißt das nicht, dass sie die schlimmer finden, als beispielsweise Krieg. Das hoffe ich zumindest.

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