Allgemein, Menschen

Oma guck’, der Junge malt.

Ich schwitze wie die Hölle. Sitz’ da in dem geliehenen Campingstuhl, breitbeinig, nach vorn gebeugt, zu den Dingen, die ich vor mir auf dem Gehweg verteilt habe: Block, Pinsel, Buntstifte, Bleistifte, Wasserbecher, Wasserflasche, Wasserfarben, Ratzefummel, Küchenrolle. All das da so liegen zu sehen bereitet mir ein Gefühl der Genugtuung. Es ist so ordentlich. Links neben und auch hinter mir erhebt sich eine begrünte Anhöhe. In den Büschen summt was.

Rechts führt die Straße hinab zum Hafenbecken. Vor mir liegt eine große, leere Fläche, eine unbebaute Ecke, eingezäunt. Reifenspuren im Sand bezeugen, dass das Grundstück vor nicht allzu langer Zeit in irgendeiner Art und Weise bearbeitet worden sein musste. Ich weiß nicht, was da gestanden hat, vermutlich ein weiterer Speicher von kolossaler Größe. Vielleicht auch nur in den vergangenen Jahrzehnten heruntergekommene Anbauten. Ein Banner am Gebäude weiter hinten kündigt eine Bebauung an, Appartements. Versteh’ ich, die Lage ist traumhaft. Von den höheren Wohnungen aus wird man einen sehr schönen Blick auf den Hafen und die Elbwiesen dahinter haben; ein Grün in zig Schattierungen, Bäume und Büsche, die wie Plüschkugeln auf einem Teppich herumliegen, dazwischen das in Wellen gelegte Band der Elbe, am Horizont – filigran und immer in Bewegung – Windräder.

Ich kann es mir deshalb so gut vorstellen, weil ich an den ersten beiden Tagen meines Aufenthalts nur das gesehen und gezeichnet habe, von der Terrasse des Schlosses aus. Mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände hatte ich ein Rechteck geformt, fachmännisch hindurchgesehen und irgendwie meinen Bildausschnitt festgelegt. Im Hintergrund waren die anderen zu hören gewesen. Sie hatten sich leise unterhalten, zu sich selbst gesprochen, geschnauft, mit Papieren hantiert, schweigend gemalt.

Heute bin ich allein.

Ich möchte die Mauer am hinteren Ende der Brachfläche malen, den angrenzenden Schuppen, einen Turm, das verlassene Storchennest darauf, die dicht gedrängten Birken dazwischen, und weiter hinten das beerige Rot einer Blutbuche. Vielleicht sind es auch gar keine Birken. Die Blätter sind grün und klein, die Stämme dünn und hell. Ich habe mich den ganzen Morgen darauf gefreut, jetzt hier sitzen zu dürfen, trotz Mittagssonne und Sommerhitze. Ich habe eine wirklich sehr kurze Jeans angezogen, ein T-Shirt und meine Fahrradkappe, die aus England, wollen, mit kurzem Schirmchen. Jede Stelle meiner Haut ist eingeschmiert, Lichtschutzfaktor 50+, für Babys und Verrückte. Ist mir egal. Ich will brennen, aber keinen Krebs kriegen.

Mir ist eher so, als trüge ich einen Anzug aus sehr dünnem Kunststoff, eine zweite Haut sozusagen. Kein schlechtes Gefühl. Die Wahrheit ist, dass ich mich diesem Gefühl zwischen jedem Pinselstrich ausgiebig hingebe, indem ich mich zurücklehne, die Augen schließe, und warte, bis sich mein Körper von selbst erneut bewegt, aus dem Dunkelblau des Stuhls erhebt, vorbeugt, langsam, als müsse er ziemlich viele Druckknöpfe lösen, bis er den Arm hebt, zum Pinsel greift, den Kopf hebt, die Augen zusammenkneift, dann den Schweiß von der Oberlippe leckt, bis mein Kopf oder dessen Inhalt, irgendwas in mir jedenfalls, die Szene begreift, die, die ich male, und beide, Kopf und Körper wieder zwei, drei Flächen auf’s Papier setzen.

Es geht immer erst einmal um Flächen, Farbflächen; mit den hellsten fange ich an. Ich habe helle Sandhügel gesetzt, mit schmutzigem, stark verdünntem Gelb. Dann habe ich Mauerwerk gesetzt, mit schmutzigem, stark verdünntem Orange. Dann die Blätter, dann den Himmel, schließlich die Schatten, richtig schön dunkel, aber nicht mit Schwarz, sondern gemischt aus allem Möglichen, aus Blau, Grün und Rot. Die wichtigste Farbe in einem Aquarellkasten aber ist: der Palettendreck. „Putz’ nie deinen Kasten, Lydia, lass’ alles so wie es ist, du brauchst den Dreck für’s Mischen.“, hatte Annett gesagt. Und dabei gelacht. Und wohl sofort gewusst, dass ich ihr nicht glaubte. Gern würde ich ihr jetzt von meinen Farben erzählen, von den fantastischen Farben, die so leuchten und sich auf dem Papier verändern, und vom Palettendreck, der lebendig zu sein scheint, weil er sich auch verändert, mit jedem Eintauchen meines Pinsels, mit jeder Minute, die vergeht, mit jedem Blick, mit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl.

Kein bisher gefühltes Gefühl lässt sich mit dem vergleichen, das mich gerade flutet. Ich finde einfach kein Bild in meinen Erinnerungen, mit dem sich der Scheiß hier deckt, nicht einmal so halb, so ein bisschen wie damals und dort. Da ist kein Damals. Da ist kein Dort. Da ist nur ein Jetzt. Und ein Hier. Und plötzlich finde ich es sehr schlimm, dass ich allein bin, dass ich dieses Gefühl nicht teilen kann. Ich bin mir sicher, dass ich es später nicht beschreiben können würde, weil es unbeschreibbar ist.

Soll ich aufstehen, alles zusammenklauben, den Farbkasten trotz der noch feuchten Näpfchen schließen, das Malwasser in die Büsche kippen, den Campingstuhl zusammenzerren und in die Tasche stopfen, alles über die Schulter werfen und rennen, über’s Kopfsteinpflaster, den Weg hinauf in den Ort, dorthin, wo ich die anderen und Annett vermute? Könnte ich, klar. Und dann? Dann ist es vielleicht weg. Das wäre schlimmer. Also bleibe ich sitzen, starre auf das Bild vor mir am Boden, auf das trübe Mischwasser, auf die Details, die ich weggelassen habe, und auf die, die ich herbeigezaubert habe. Das ist erlaubt beim Aquarellmalen. Es geht nicht darum, zu malen, was wirklich da ist, sondern, was man sieht. Und ich sehe so viel, dass es für mehrere Bilder reicht. Also trenne ich das erste vorsichtig vom Block – und beginne von Neuem. Hellste Flächen. Helle Flächen. Dunklere Flächen. Schatten. Details. Ich variiere bei der Wahl der Pinsel. Ich wage es, mit den Buntstiften in die Farbflächen zu gehen. Ich mische mutiger und ich male sogar einen Storch, der nicht da ist. Das hätte ich lassen sollen, er ist zu groß geraten, aber wen stört es? Mich nicht.

Und dann bemerke ich, dass ich gar nicht allein bin. Ständig spazieren Menschen an mir vorbei. Zwei Mädchen im Grundschulalter streiten sich ein bisschen darüber, welches von ihnen welches meiner Bilder schöner findet. Jedesmal, wenn eines der Mädchen zu einer Entscheidung findet, sagt das jeweils andere, dass es das ausgewählte Bild eigentlich auch schöner finde. So geht das hin und her, auch dann noch, als beide weghopsen. Sie hopsen wirklich. Ihre Mütter schlendern hintendrein. Bei mir angekommen, finden sie alles sehr schön. Finde ich auch. Wir gackern. Sie tragen weiße Piercings in den Brauen. Eine Frau Anfang 50 trägt ein neongelbes Kleid mit neonrosafarbenen Schmetterlingen darauf, ärmellos, ein Drama, aber sie trägt es, als hätte sie es extra für den Urlaub gekauft. Sie löst sich von der Hand ihres Begleiters, bleibt stehen, während er weitergeht und dabei betont unbeteiligt seine hellblaue Jeans am Gürtel hochzieht. Sie hingegen schaut auf meine Bilder, sagt nichts, nickt nur freundlich und hopst dann weiter. Schon wieder eine, die hopst. Ich rufe ihr ein Kompliment hinterher, dass ihr das Kleid ganz wunderbar stehe. Sie dreht sich einmal um ihre Achse. Ich schwöre.

Ein Kanute in Trombosestrümpfen bleibt auch neben mir stehen. Bestimmt 70, in Sportsachen, mit betörend verschmitztem Grinsen. Sie würden die komplette Elbe hochfahren, erzählt er mir, ohne, dass ich fragen muss, er sei aber aus gesundheitlichen Gründen erst in Magdeburg zugestiegen. Ich lobe die Elbe. Er lobt die Donau. Da sei mehr zu sehen, nicht nur Deiche. Als er mich fragt, ob ich noch Schülerin sei, bekomme ich einen mittelschweren Lachkrampf. Nein, glücklicherweise nicht, antworte ich ihm, denn dann wäre ich nur halb so mutig. Ob er das versteht, ist fraglich, dass er mich nett findet, eindeutig. Als er dann doch endlich geht, beginne ich ein neues Bild.

Inzwischen ist Nachmittag, die Sonne gewandert, aber immer noch bei mir. Dass ich schwitze, stört mich nicht. Ich esse das Gemüse, das mir Annett in der Pension eingepackt hat: Fenchel, Gurke, Möhren. Gern würde ich mich von außen sehen, wie ich da sitze, im Kutschersitz, mit Möhre und Pinsel in den Händen, klecksend, kauend, grinsend. Ich glaube, wer mich so sieht, sieht mich wirklich. Ich fühle mich wirklich. Ich bin da. Ich bin ich. Bevor ich mein viertes Bild fertig malen kann, ziehen plötzlich Wolken auf. Ich nehme Aufbruchstimmung wahr, auch wenn nicht viele Menschen unterwegs sind. Sie gehen schneller. Und dann weht ein Satz zu mir herüber.

Ein Mädchen an der Hand einer älteren Frau sieht mich beim Vorbeihasten. „Oma guck’, der Junge malt.“ ruft es und fliegt davon. Ich schiebe mir die Kappe aus der Stirn, lehne mich im Campingstuhl zurück, dieses Mal mit weit geöffneten Augen, weil die Sonne mich nicht blendet. Ich sehe in die Wolken und weiß plötzlich, dass ich nicht viele Worte brauchen werde, um Annett wissen zu lassen, welches Gefühl ich heute gefühlt habe.

Ich werde sie einfach fest umarmen.

Lydia Herms in Tangermünde – 20. Juli 2017

„Ich schwitze wie die Hölle.“ – Foto: Lydia Herms, Juli 2017

Malen in Tangermünde – 20. Juli 2017 – Foto: Lydia Herms

„Die wichtigste Farbe in einem Aquarellkasten aber ist: der Palettendreck.“ – Foto: Lydia Herms, Juli 2017

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Allgemein, Drama

Gut. Schlecht. Halb. Twain.

Ich habe eine gute Nachricht – und eine schlechte. Und eine, die irgendwo dazwischen liegt. Zuerst die schlechte. Ich habe alle Kommentare gelöscht, versehentlich, mit ca. 300.000 Spam-Kommentaren, im Wahn. Ich passte nicht auf und vernichtete auch eure geistreichen und kritischen Äußerungen zu meinen Texten. Vergebt mir, bitte. Ich könnte! Grmpf. Ja. Okay. Weiter.

Jetzt die gute. Ich habe einen ziemlich coolen Instagram-Knopf, „oben“ im Widget-Bereich dieser Internetseite, neben den Knöpfen für Facebook und Twitter. Eigentlich war dieses Widget nicht vorgesehen für mein WordPress-Theme. Doch plötzlich fand sich eine gute Fee ein, mit Glatze und im Karohemd, und machte das irgendwie, den Dreitagebart knetend. Es ist wahrscheinlich Liebe. Ich freue mich. Vielen Dank, mein lieber Fee.

Und jetzt die Nachricht, die halb gut und halb schlecht ist. Mein #FBex-Projekt scheiterte. Ich bin da immer noch. Ich kann das erklären. Ich werde. Später. Schlaft gut…

„Das Leben ist kurz. Brich die Regeln. Vergib schnell. Küsse langsam. Liebe wahrhaft. Lache unkontrolliert. Und bereue niemals etwas, das dich zum Lachen gebracht hat.“ Mark Twain

 

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#FBex, Allgemein

Willkommen! #FBex

2015. Ich wollte Dich mit viel Text und Tamtam begrüßen. Das klappt jetzt nicht, so am Stück. Ich halte Dich auf dem Laufenden über meine Pläne, ich versprech’s. Aber ich muss jetzt ganz viel tun.

Wie immer? Jaja, wie immer, aber anders, und mehr, und überhaupt, was erlaubst’n Du Dir!? Es stimmt. Großspurig ließ ich im vergangenen Jahr verlauten, ich würde bald organisierter, disziplinierter und konzentrierter arbeiten. Und leben. Und lieben. Das ist auch noch aktuell. Ich lese Fachlektüre, ich habe meine Kalender, bald auch besondere Ablagen, und dann einen Überblick. Der Weg ist weiter, als ich dachte. Hab‘ Geduld mit mir, bitte.

Ich bringe Opfer. Ich lösche Facebook. Also, nicht das ganze, Himmel, nur an meinem Schreibtisch, auf meinem Handy, in meinem Kopf. Noch in diesem Monat. Ich hab’s beschlossen. Ein paar Momente aus den 4 Jahren FB-Zeit werde ich konservieren, hier auf meiner Internetseite, in meinem Blog, in der Kategorie #FBex. ex steht für exitus. Cool, oder?

Die Frage nach dem Grund ist berechtigt. Weil es mich ablenkt, mir Zeit raubt, mich manipuliert und ausspioniert. Weil es mich erdrückt und immer seltener entzückt. Ich werde es vermissen, die Wirrheit, das Bunte, meine Freunde. Aber es wird gehen, die Beiträge finde ich auch so. Die Freunde sind nicht weg. Und ich bleibe hier. Ok?

Jetzt muss ich es nur noch den anderen beibringen.

18. Juni 2011 #FBex

© Grit Siwonia | Sommer 2010 in einem alten Wohnwagen, Sachsen

© Grit Siwonia | Sommer 2010 in einem alten Wohnwagen in Sachsen

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Allgemein, Drama

Zwischenstand.

Vor knapp drei Wochen beschloss ich, mein Leben zu ändern. Ich litt unter dem Ferienphänomen – und war es leid zu leiden. Bin es noch. Also setzte ich mich auf meinen viel zu unbequemen Schreibtischstuhl an meinen viel zu hohen Schreibtisch und beschloss Dinge für die kommenden Wochen…

„Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Samuel Beckett

Stuhl und Tisch fliegen raus. Auf  planungsboards.de bestellte ich eine 90×120 cm große Tafel, auf der ich drei Wochen mit einem Blick erfassen und mit Spezialstiften und großen Plänen füllen kann. Ich las Rezensionen von Kunden und Kritikern und wählte die Bücher „Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag“ von David Allen und „Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für kreative Chaoten“ von Cordula Nussbaum als Startlektüre. Ich richtete offizielle Kommunikations- und Produktionszeiten ein, akzeptierte nun endgültig die Präsenz des Mac-Kalenders auf meinen Endgeräten, informierte meinen Mann und meine „größten“ Auftraggeber darüber, dass nun bald alles ganz anders sei – und freute mich. So.

 „Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Klippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.“

Friedrich Hölderlin

Am 1.9. begann mein neues Leben, vor allem in meinem Kopf. Die Auftraggeber reagierten gelassen und liebenswert, vielleicht war ihnen meine Not nicht gegenwärtig, und mein Verlangen, für kommende Unannehmlichkeiten um Nachsicht zu bitten, nur ein weiterer, kleiner Teil des Problems. Ich bin nicht entspannt. Ich deklarierte Kommunikationszeiten in meiner Email-Signatur, halte sie aber noch nicht ein. Ständig wird mir geschrieben. Von Pressevertretern, von KollegInnen, von dawanda-Shops. Ich benutze seit Jahren nur eine Adresse für alles. Seitdem ich diese Website eingerichtet habe, benutze ich auch eine neue Kontaktadresse, aber am Ende landen alle Emails in einem Postfach. Das ist doof. Das muss ich anders organisieren. Wie genau, weiß ich noch nicht.

Ich hoffe auf die Bücher. Die liegen noch in meiner Packstation, seit zwei Tagen, fünf habe ich also noch, um sie abzuholen. Desweiteren hat die Boardfirma Lieferschwierigkeiten, mein Rettungsbrett hängt irgendwo fest. Vielleicht wird es noch gestanzt und bemalt, von Hand, ohne Lineal. Der Schreibtisch ist nicht mehr zu hoch, seitdem ich eine Fußbank benutze. Die Entscheidung für einen neuen Tisch fällt nicht leicht. Die Auswahl ist groß, das Finanzfeld auch. Ähnlich verhält es sich mit dem Stuhl. Dafür besitze ich jetzt ein neues Mikrofonstativ. Das wiegt eine Tonne und wackelt nicht. Schön.

 „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Bertolt Brecht

Und ich habe einen Termin. In knapp zwei Stunden besichtige ich ein Gemeinschaftsbüro in Berlin-Mitte. Auf dockboerse.com sprang sie mir entgegen, die Anzeige. Anja verlässt die Stadt und geht nach Hamburg. Zurück lässt sie einen tollen Arbeitsplatz und traurige KollegInnen. Für 155 EUR könnte ich das bald haben, inkl. Internet und Telefon, wenn wir uns mögen, und alles passt. Im Büro sitzen weitere Journalisten, Menschen, die wissen, wie ich arbeite, die nicht jeden Tag gemeinsam zweimal warm kochen wollen, sondern produzieren und fristgerecht abliefern müssen. Meine Audiobeiträge produziere ich weiterhin zuhause, in meiner Kammer, bei meinem Mikrofon, vor meinen überirdisch guten Monitorboxen. Für’s Denken muss ich raus. Und für’s Schreiben. Dann freut sich auch meine Steuerberaterin; endlich ein richtiges Büro.

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Ferienphänomen.

Sommerpause. Ich bin nicht im Urlaub gewesen, nein, das nicht, aber zwei Drittel meiner Einnahmequellen ruhten. Oder pausierten. Das war so abgemacht; sie – die Redaktionen – wollten Geld sparen, ich – die Autorin – sollte mich ausruhen. Ich hatte somit frei. In dieser Zeit las ich trotzdem schöne Bücher, und arbeitete trotzdem woanders für Geld, frei und willig. Und dennoch fühlt sich die aktuelle Woche an wie neu, wie: nach den Ferien.

 

Sie ist schlimm.

 

Seit vielen Jahren beschäftigt mich das Ferienphänomen. Erschöpft und leer gerockt erwartete ich schon vor mehr als 20 Jahren die Ferien. Ich erinnere mich an die 5., 6. Klasse, als ich bereits Tage vor dem Ferienbeginn fantasierte, wie ich einfach nur so rumliegen würde, ganz still. Ob ich mir das auch schon zu Grundschulzeiten wünschte, weiß ich nicht. Im Gegensatz zu vielen meiner Bekannten und Freunde kann ich mich nur an weniges erinnern, das vor dem Wechsel ans Gymnasium liegt. Vielleicht hatte ich bereits damals schon kein Gefühl für Zeit. Oder ich hab‘ mich beim Erinnern einfach noch nicht angestrengt. Ich freute mich jedenfalls und sagte mir: Lydia, nach den Ferien ist alles wieder gut.

Und dann kamen die Ferien. Und ich wusste, alles ist gut. Und dann kam der erste Tag nach den Ferien, auf den ich mich ebenso freute, wie ich mich auf den ersten Ferientag gefreut hatte. Und dann die Ernüchterung: es war gar nicht alles gut.

 

Als wären niemals Ferien gewesen.

 

Ich war sofort erschöpft, auch traurig, nicht immer, oft. Immer wieder. Von Jahr zu Jahr. Ich beendete die Schule ziemlich gut mit dem Abitur, begann umgehend mit 18 ein Studium. Und da dann eine ähnliche Erfahrung. Ich studierte. Ich war erschöpft. Ich freute mich auf die Pausen, und vor allem, auf die Zeit nach den Pausen, hoch motiviert, angriffslustig, neu. Und dann war alles weg, einfach so, meine Pläne, meine Motivation, die Lust, das Licht. Das nenne ich Ferienphänomen…

 

Erwarte ich zuviel von mir und von den „neuen“ Tagen?
Schließe ich mit Altem nicht ordentlich ab?
Erhoffe ich mir Veränderung, ohne selbst etwas ändern zu müssen?
Möchte ich besser funktionieren?
Was sind richtige Ferien bzw. Pausen? 
Wie erkläre ich das meiner Liebe?

 

Vor zwei Jahren erschien eine brand eins-Ausgabe mit dem Schwerpunkt Nichtstun. Die hatte ich mir damals gekauft, aber nur sporadisch gelesen. Ich suche sie heraus. Mein Motor läuft noch. Ich lese. Und finde. Ich habe ganz viel zu tun, Dinge, auf die ich mich gefreut habe, noch immer freue. Eine Freude, die ich mir nicht nehmen lassen möchte. Ich muss es klären. Ich warte nicht.

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WM vs. Krieg?

The Guardian postete eine Bildergalerie von sehr traurigen Brasilianern. Zuerst fand ich das hochgradig bescheuert. Auch vermessen. Grundsätzlich übertrieben. Dann las ich die Kommentare anderer, und Tweets, z.B. einen von der Politikerin und Autorin Marina Weisband. Und es ratterte.

 

 

Wollte es abnicken, „Ja, genau. Wie kann man nur!?“, so. Aber diese „Ereignisse“ miteinander zu vergleichen, ist nicht gut. Das würde bedeuten, dass die Menschheit sich gar nicht mehr mit Banalitäten wie Fußball beschäftigen dürfte. Oder Rummel. Oder Kindergeburtstag. Sie dürfte nicht feiern, nicht tanzen. Es wäre immer vermessen. Es gibt immer jemanden, der leidet, der vergewaltigt, vertrieben, erschossen wird, tausende Kilometer entfernt, zwei Häuser weiter. Das hört nicht auf. Könnte eine Menschheit Selbstmord begehen, wir sollten es tun. Wir sind nicht zu retten. Wir vergiften die Natur, wir quälen Tiere – und wir hassen uns gegenseitig.

Ich sah kein einziges WM-Spiel komplett. Ich hatte weder Lust, noch Zeit. Die Ereignisse in Brasilien, vor den Spielen, hatten mir zudem den Geschmack am Jubeln verdorben. Vom Spiel gegen Brasilien hörte ich das Gebrüll der Nachbarn, und das Geböller auf den Straßen in meinem Kiez, dann, wenn ein Tor gefallen war. Da permanent gebrüllt und geböllert wurde, ging ich davon aus, dass es viele Tore sind, die fielen. An anderen Tagen schrieb mir mein Bruder, wie es stand. Oder ich hörte es im Radio.

Die Menschen freu(t)en sich. Das ist gut. Das heißt nicht automatisch, dass es ihnen egal ist, was gerade in Israel passiert. Wenn ich auf ein Konzert gehe, da ein bisschen tanze und selig vor mich hinflenne, dann denke auch ich nicht an die Bomben, die andernorts fallen. Und wenn doch, verlasse ich nicht betreten das Konzert. Und dennoch bin ich informiert, interessiert. Es ist mir nicht egal. Und wenn die Brasilianer die Niederlage ihrer Mannschaft beweinen, heißt das nicht, dass sie die schlimmer finden, als beispielsweise Krieg. Das hoffe ich zumindest.

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Spielen wollen wir!

„Verdammt, das gibt’s schon.“ – Mein erster Gedanke, als ich im App Store nach einer Spielplatz-App suchte. Wär‘ ja auch zu schön (und schlimm) gewesen, wenn ich als Nichtmutter als erste darauf gekommen wäre. Ich hätte sie gebaut, die App. Keine Ahnung, wie, aber ich hätte sie gebaut!

Seit ein paar Monaten beschäftigen sie mich, diese sandigen Fantasiebiotope, in denen Stinkewesen, Rostritter und Popelesser nach Zaubersand buddeln. Seitdem ich regelmäßig unregelmäßig in Begleitung eines kleinen Jungen und eines großen Mannes genau diese Plätze aufsuche, bin ich auf der Suche nach den schönsten. Doch die Auswahl ist groß, hier in Berlin. Manche Spielplätze enttäuschten mich: schmutzig, langweilig, oll. Andere ließen mich 25 Jahre jünger sein: aufregend, gemütlich, hell. Und trotzdem ist es manchmal schwer, sie wiederzufinden …

 

„Ich möchte zum großen Turm, Papa.“

 

„Da kann man sogar Bilder hochladen!“ – Mein zweiter Gedanke, nachdem ich die SpielpatzApp* von Bernd Burhoff und Sabine Lindner heruntergeladen und inspiziert hatte. Ich muss sie gar nicht mehr bauen, die perfekte Spielplatz-App, es gibt sie bereits!

Bundesweit, ja, sogar weltweit können alle Nutzer dieser App ein Spielplatz-Netz anlegen, mit Fotos, Beschreibungen und Bewertungen. Man kann seine Favoriten markieren und Verabredungen per SMS organisieren. Man kann innerhalb eines bestimmten Radius‘ suchen, aber auch nach Spielgeräten wie „Reckstange“, oder nach Bewertungen wie „super“. Ich gestehe, mir bereitet nicht nur das Toben vor Ort große Freude, sondern auch das Fotografieren, Anlegen und Beschreiben der Plätze in der App. Die entstand im Rahmen eines Wettbewerbs – und kostet nichts.

 

Links:
www.spielplatzapp.de
www.kittyheider.de

 

*Die App gibt es nur für iPhone und iPad.

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Eine Bitte.

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Es ist mehr als das. Es ist eine Hoffnung, ein Sehnen, ein Elend. Das vergangene Jahr war nicht schlecht, iwo. Es war  u n f a s s b a r  anstrengend. Weil ich nicht Nein! sagen konnte, weil ich nicht Tschüss! sagen wollte, weil ich oft den Überblick verlor – und weil ich meine Liebe fand.

Ich gestehe: ich würde gern auf RESET drücken, oder ein paar LAYER löschen; zumindest die, auf denen ich unkonzentriert und zusammenhanglos gekliert habe. Auf denen ich Dinge verewigte, für die ich noch bis in alle Ewigkeit geohrfeigt werden müsste. Verbal allenfalls. Mit Schampieken. Oder mit Geschrei. Irgendwie so. Das zu erklären, ist nicht einfach. Es ist die Wahrheit, dass ich erst weine und dann lache. Das erklärt vielleicht, warum ich in diesem Text erst um Erlösung bitte – und dann schreibe:

 

Ich bin glücklich.

 

Ich habe das Jahr 2013 geschafft, ohne hinzuschlagen und zu verbluten. Das ist gut. Unterwegs traf ich einen Mann, der mich liebt. Das kann jedem mal passieren, auch mir, ja, aber nicht so. Er ist, was fehlte. Und mehr. Das kann kein Zufall sein!

Auch nicht die Begegnung mit einer Mode-Designerin im Zug von Halle (Saale) nach Berlin am 2. Weihnachtsfeiertag. Sie trug ihren 5 Monate alten Sohn auf dem Arm, und wir mussten stehen, weil nirgends freie Plätze zu finden waren. Als dann endlich doch, waren uns diese zu weit auseinander; wir wollten reden. Das Baby sah und hörte uns entspannt dabei zu. Nach einer knappen Stunde nicht mehr. Es quengelte. Es weinte. Ich zog Grimassen – und es lachte. Erst Weinen, dann Lachen. Ich reagierte, obwohl ich das Phänomen schon mehrmals bei Babys beobachtet hatte, überrascht. Noch mehr, als mir die Mitreisende eine Theorie erklärte, nach der Lachen aus dem Weinen entsteht, nämlich dann, wenn Entspannung eintritt, das Kind erkennt, dass es doch gar nicht so dramatisch ist. Und ich lache jetzt.

 

Es ist mehr als das.

 

Ich habe viel gearbeitet in den vergangenen Monaten und Jahren. Ich nahm Aufträge an, obwohl sie schlecht bezahlt wurden. Ich sagte mir: „Ich brauche das Geld.“, und sie sagten mir: „Mehr geht wirklich nicht, Lydia.“. Ich bin müde vom vielen Anstrengen. Selbst wenn ich ruhe, träume ich von dieser Anstrengung. Was ich verdiene, erhalte ich nicht. Jedenfalls nicht immer. Im neuen Jahr wird es anders werden.

Ich gehe, wenn sie mich nicht angemessen bezahlen, zu denen, die es tun. Die gibt es, denn ich habe durchaus schon Auftraggeber gefunden, die angemessen zahlen. Und wenn es doch eng wird, dann gehe ich ganz neue Wege, ohne Radio. So sage ich es mir. Ich habe viele Ideen. Wenn ich Hilfe zulasse, kann ich sie auch umsetzen. Ich weiß es. Und ich weiß auch, dass ich nicht die einzige freie Autorin bin, der es so geht. Das ist meine Botschaft: Lasst Euch das nicht gefallen! Ja, es wird andere geben, die Eure Jobs machen, wenn Ihr sie nicht mehr macht, weil Leistung und Honorar in keinem akzeptablen Verhältnis stehen. Geht trotzdem. Glaubt an Euch.

 

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