Helma, Literatur

„Und dann hab‘ ich den Typen angeguckt, so mit zugekniepten Augen, und mit Nasenlöchern, groß wie mein Flachbildschirm zuhause, nur doppelt, echt, ich bepiss‘ mich schon wieder fast. Jedenfalls hab‘ ich mich dann so vor ihm hingestellt, als würde ich ihm gleich eine schallern, wollte ich ja nicht, hau‘ doch keine Wurst, kennst mich doch, aber der sollte das schon‘n bisschen glauben, weil Kuchen meets Krümel und so, also, dann hab‘ ich zu dem gesagt, pass‘ auf, ich hab‘ gesagt, furztrocken, Wort für Wort, zum Mitschreiben: Noch so‘n Ding, Augenring. Kannste das glauben? Den ollen Kindergartenspruch hab‘ ich echt gebracht. Ich! Bei dem! Musste voll lachen. Kam gar nicht drauf klar. Noch. So‘n. Ding. Augen. Ring. Ich schmeiß‘ mich weg. Voll Neunziger, oder!? – Helma? Biste noch da?“ „Ja.“ „Ist doch schräg, oder? Sag‘ mal was.“

„Tat es weh?“

010

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Helma, Literatur

Sie sitzt am Schreibtisch. Mit feinem Strich zeichnet sie zwei Spalten einer Tabelle auf das weiße Blatt Papier, sorgfältig und doch: ungehalten. In die linke Spalte schreibt sie: Seelenheil, Aufmerksamkeit, Liebe, Kuchengeruch. In die rechte: Ruhe, Stille, Freiheit, Kühle. Das Ü und das H von Kühle verschwimmen, als eine Träne einen Krater der Sorge mitten in das Wort legt. Helma zieht Rotz hoch. Die Taschentücherbox ist so leer wie ihr Gehirn. Toilettenpapier wird es auch tun, denkt sie und schlurft ins Bad. Im Flur hört sie, wie der Bleistift vom Schreibtisch rollt.

009

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Helma, Literatur

Sie wünscht sich eine Familie. Eine, die sagt: „Ist nicht so schlimm.“. Eine, die fragt: „Hast du Hunger?“. Eine, die schweigt, wenn alles brennt. Eine, die lacht, wenn nichts mehr geht. Eine, die festhält. Eine, die mitwächst. Eine, die Geschichten erzählt, wahre und ausgedachte. Eine, die niemals droht. Eine, die immer hofft. Eine, die lässt. Helma wünscht sich eine Familie. Als Kind. Irgendwann.

008

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Helma, Literatur

Nicht, dass ich getrunken hätte, aber ich schlief so schlecht, dass ich mich frage, warum ich nicht einfach durchgemacht habe. Dann ginge es mir besser. ‚Schlecht geschlafen‘ trifft es nicht genau, gebe ich zu. Die Nacht war sehr bereichernd. Immerhin weiß ich jetzt, warum er geht, und ich bleibe. Ich kenne die Gründe für den Verlust. Ich weiß, wer mir Böses wünscht, wann wer mit wem in einem Garten sitzt und über mich lacht. Ich weiß nun ganz viel – tatsächlich aber nichts. Hirngespinste, Wahnvorstellungen, Albträume. Könnte ich einfach zur freundlichen Hausärztin gehen und sie bitten, mir etwas zu geben, damit das aufhört? Vielleicht etwas zum Trinken, wie Tropfen, die man abzählt und verdünnt. Und dann verschlingt. Und wartet. Bis alles verklingt.

007

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Helma, Literatur

Auf dem Bett gegenüber dem großen Kleiderschrank liegt das Tier, fest zusammengerollt, leise seufzend, das schwarze Fell wie Lack. Ich stehe eine Weile im Türrahmen und zögere den Moment hinaus, in dem ich mich an das schlafende Tier anschleichen und es mit der Stirn berühren, und dieses verwirrt gurrend und blinzelnd aufschrecken würde. Die Zeit hört auf zu atmen. Ich schleiche. Helma schleicht. Der kleine Körper bebt. Das Licht ist braun und gelb. Und weiß. Quietschende Reifen auf der Straße vor dem Haus zerreißen jäh die Schlafzimmerstille und verhindern das oft ausgeübte Ritual. Das Tier ist wach.

006

Kurzmitteilung
Helma, Literatur

„Sie hasst Menschen.“ – Toni senkt den Arm und hebt den Blick. Es ist nicht angekommen. „Was?“, fragt sie den jungen Mann neben ihr. Der tut gleichgültig, schraubt die Lippen zusammen, atmet hörbar durch die Nase ein und wiederholt sich: „Sie hasst Menschen.“. „Wer hasst Menschen?“, „Das Mädchen, das sie suchen“. Toni schluckt, lässt ihre Brauen tanzen. Helma, er kann nur sie meinen! Doch, Helma gibt es nicht.

005

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Helma, Literatur

Ich bin ein Wohnungsautist. Meine Wohnung bin ich. Wer in meine Wohnung geht, ist in mir. Wer Sand in meine Wohnung schleppt, oder Kieselsteinchen, Stinkeluft, Winterkälte, Blumenduft, der beschmutzt, vergiftet, schmückt mich, kühlt mich aus. Wenn ich Zeit habe, die Wohnung für den Besuch vorzubereiten, kann ich nicht nur sie, sondern auch mich reinigen. Dann ist es gut. Dann kann ich damit umgehen. „Helma, bist du da?“ Ja. Alles liegt am richtigen Fleck, hat seine Farbe, seine Ordnung, wartet darauf, gesehen und berührt zu werden. Und ich empfinde Stolz. „Helma, bei Dir ist es schön, ganz anders.“ Es ist erträglich so. Normal ist es nicht.

004

Kurzmitteilung
Helma, Literatur

„Helma, möchtest du ein Tampon haben?“ brüllte sie aus dem Bad in meine Richtung. Ich saß in ihrem Zimmer, auf dem Bildschirm des Fernsehers tanzten Menschen. Ich sah kaum hin. Ich saß nur rum und grinste. „Nein, danke, ich hab‘ nicht meine Tage!“ brüllte ich zurück. Dann war es kurz still, ich konnte ihre Schlappentritte im Flur hören. „Möchtest du trotzdem einen?“, ihr Kopf tauchte in der Tür auf. Wir prusteten los, dabei klappte sie mit Kopf und Oberkörper nach hinten, während ich mich nach vorn krümmte. Wir hatten oft so gelacht, Toni und ich. Unsere WG bestand aus drei Zimmern. Eins für Toni, zwei für mich. Ich hatte zwar weniger Geld, dafür aber mehr Möbel und eine Katze. Betörender Schwachsinn veranlasste uns dazu, die Zimmer so aufzuteilen, dass ihres zwischen meinen lag. Sie hörte mich, wenn ich im Schlafzimmer mit Peter keuchte, und auch, wenn ich im Wohnzimmer mit Jacques Brel weinte. Und ich hörte sie. Irgendwann war es zuviel. Ich ging. Und ich vermisse. Sie war bei mir, ohne dass ich sagen musste: „Bleib bei mir.“. Ich war da, ohne dass sie sich fragen musste: „Ist sie da?“. Hier ist es ganz still.

003

Kurzmitteilung
Helma, Literatur

Ich habe Freunde, eine Sammlung von Nichts. Ich denke sie mir nicht aus, nicht schön und nicht weg. Ich melde mich nur nicht regelmäßig bei ihnen. Ich lasse sie nicht teilhaben an meinem Leben. Das ist zu klein für alle auf einmal. Ich kann mit mir allein manchmal kaum atmen darin. Sie versuchen, zu verstehen. Sie nicken, lächeln und liken. Und dann sind sie einfach nicht mehr da. Ich vermisse sie. Dieses Gefühl ist beinahe so stark wie das Gefühl zu lieben. Das genügt, um sich ihrer Anwesenheit gewiss zu sein; weit weg, aber da. Wer vermisst, liebt. Wer nicht vermisst, lügt. Ich liebe und lüge. So ist das.

002

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Helma, Literatur

Ich bin nur. Ich werde nichts. Ich werde nicht reich sein, nicht lieben, nicht verzeihen. Ich werde nicht erwachsen. Ich werde nicht einmal sein. Jetzt ist nur eines definitiv wahr: ich bin. Sie nannten mich Helma, ohne Knack- und ohne Zischlaute. Auch ohne Bezug. Sie ließen mich glauben, ich sei nichts Besonderes, sie ließen mich mitlaufen. Was gekocht wurde, aß ich. Was verboten war, vermied ich. Manchmal schrie ich bis es brannte. Ich erzähle dir, wie ich meine Zukunft verlor und warum ich aufgehört habe, Salz zu vergeuden. Deine ungeteilte Aufmerksamkeit beflügelt und beschämt mich. Ich bin Helma. Nichts sonst.

001

Kurzmitteilung