Fundstück, Literatur

01.18 #libraryhaul

„Ich gehe jetzt in die Biblo. In die Jugendabteilung. Ins Reich der Hormone.“

Meine Textnachricht löst Lachen und Beklemmungen aus, hier wie da. Wir haben doch alle sofort Bilder im Kopf, wenn wir an Heranwachsende in Lehrgebäuden denken. Ich hatte es allerdings nicht so heftig erwartet.

„Ich rieche die Turnhalle schon.“ schreibt A. verständnisvoll zurück.

Nimmt man den Geräuschpegel als Indikator dafür, wo ich mich befinde, trifft die Bezeichnung Turnhalle es schon ganz gut. Es ist laut. In Wellen erreicht mich das Scharren von Stühlen, das Schnipsen von Schnellheftergummi, Seufzen, Husten, Raunen, Kichern, alles gleichzeitig, bemüht gedämpft, schließlich befinden wir uns in einer Bibliothek, dadurch vielleicht umso intensiver. Intensiv ist auch die Dicke der Raumluft. Da vermischt sich Kragenspeck mit der vierten Lage Impulse Vanilla Kisses. Mir kommen Wörter wie Kopfkäse, Talgdrüse und Zahnspange in den Sinn. Ich bin froh, alt zu sein – und wage mich vor.

Mit Freude entdecke ich bereits im ersten Gang die Ankündigung „Mitte liest queer“, u.a. deswegen bin ich hier. Es könnten mehr LGBTTIQ-Bücher sein, und für mich müssten sie auch nicht extra stehen, aber dass sie überhaupt wo stehen, finde ich gut. Ich mache ein Foto, schicke es A.. Ihr Sohn ist 10; sie zählt bereits die Jahre, bis sie sein Bettlaken nicht mehr sehen darf und den Begriff „Shemale“ in der Suchmaske auf ihrem Rechner findet. Wir sehen der Zeit gelassen entgegen. Wir reden über alles – und schließen nichts aus.

Mitte liest queer! in der Schiller-Bibliothek, Berlin-Wedding | Foto: Lydia Herms

Mitte liest queer! in der Schiller-Bibliothek, Berlin-Wedding | Foto: Lydia Herms

Immer wieder stolpern junge Menschen aufgekratzt und in kleinen Grüppchen an mir vorbei, ins Treppenhaus und zu den Toiletten, um dort irgendetwas Wichtiges zu besprechen. Oder zu tun. Mein Weg führt mich von den Bücherregalen zu den Arbeitstischen und Stuhlgruppen. Es gibt keine freien Plätze. Das imponiert mir. Was machen die hier?, frage ich mich. Alle fleißig, oder was? Definiere fleißig!, ermahne ich mich im nächsten Gedanken. Nicht alle Computer sind reine Arbeitsmaschinen, mit deren Hilfe der Tricarbonsäurezyklus o.ä. Verbrechen in Referaten aufgeschlüsselt werden, auf manchen läuft Fußball, auf anderen Computerspiele, die mit mehreren Controlern bedient werden. Während sich männliche „Halbstarke“ an den Geräten abarbeiten, sitzen weibliche an den Tischen über ihre Collegeblocks gebeugt. Ich greife nach meinem Handy, verkneife mir aber, ein Foto zu machen. „Die Mädchen lernen. Die Jungs zocken.“ schreibe ich A., natürlich grinsend. Sie antwortet sofort. „Der normale Gender-Wahnsinn.“

Walter Moers: Das Labyrinth der träumenden Bücher
Knaus, 432 Seiten, 2011

Kevin Barry: Dunkle Stadt Bohane (City of Bohane, 2011)
aus dem Englischen von Bernhard Robben, Tropen, 304 Seiten (inkl. Nachwort des Autors & Bemerkung des Übersetzers), 2015
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn die Nacht nicht enden will.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern ···
Aufbau, 309 Seiten, 2017

Emma Cline: The Girls (The Girls, 2016) ···
aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 352 Seiten

Thomas Melle: Die Welt im Rücken ···
rowohlt BERLIN, 352 Seiten, 2016

Literaturwelten | Foto: Lydia Herms

Fantasy, Gesellschaft, Schicksale – Literaturwelten | Foto: Lydia Herms

Bücher: VÖBB – Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins

··· = noch nicht gelesen
X = ungelesen zurückgegeben
= gelesen
= gelesen und im Radio empfohlen
= gelesen, aber nicht von mir

Standard
Fundstück, Literatur

12.17 #libraryhaul

Heute bin ich die meiste Zeit allein in der Erwachsenenabteilung „meiner“ Stadtteilbibliothek. Ein Herr mit Hustenanfall zieht sich rücksichtsvoll ins Treppenhaus zurück. Eine gute Idee, denn so erhellt sein Gebölke hochprozentiger Hall, der sich dem berühmten süßen Brei gleich mühelos im ganzen Haus verteilt. Kurz lasse ich mich an einem PC nieder und spiele ASMR-Etüden auf einer Tastatur aus einem früheren Jahrhundert. Ihr wisst schon: Tasten so groß wie Zuckerwürfel. Tasten, die selbst im Zustand der Lethargie ein Klackern von sich geben, als würden sie benutzt, was mich bei meinen nächtlichen Schichten im Funkhaus des MDR vor einigen Jahren schon an Unsichtbare glauben ließ, womit ich bei meiner Auswahl, bzw. Ausbeute von Büchern angelangt wäre…

H. G. Wells: Der Unsichtbare (The invisible man, 1897)
aus dem Englischen von Brigitte Reiffenstein und Alfred Winternitz, Zsolnay, 242 Seiten, 1993
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn du im toten Winkel stehst.

Kat Kaufmann: Superposition
Hoffmann und Campe, 269 Seiten, 2015
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn du dich fragst, wann das richtige Leben anfängt.

Simon Strauss: Sieben Nächte
Blumenbar (Aufbau), 138 Seiten zzgl. Glossar, 2017
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn du Lücken in deinen Lebenslauf mogelst.

Han Kang: Die Vegetarierin (채식주의 자, 2007)
aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, Aufbau, 190 Seiten, 2016
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn du nicht isst, was auf den Teller kommt.

Nicholas Müller: Ich bin mal eben wieder tot X
Knaur, 271 Seiten, 2017

Science-Fiction, Gesellschaft, Männer, Frauen, Angst – Literaturwelten | Foto: Lydia Herms

Science-Fiction, Gesellschaft, Männer, Frauen, Angst – Literaturwelten | Foto: Lydia Herms

Bücher: VÖBB – Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins

··· = noch nicht gelesen
X = ungelesen zurückgegeben
= gelesen
= gelesen und im Radio empfohlen
= gelesen, aber nicht von mir

Standard
Fundstück, Literatur

11.17 #libraryhaul

Es liegt Jahre zurück, dass ich eine öffentliche, städtische Bibliothek besucht habe. Andere Stadt, andere Lydia – kein Zweifel. Aber manches scheint überall gleich zu sein: In den Regalen steht richtig kurioses (!) Zeug. Irgendwo schimpft lautstark ein Baby. Ein Mann schmiert sich erst einmal ein Honigbrot. Eine Frau kuriert blubbernd ihre Bronchitis aus. Und über allem steht diese Wolke eigentümlichen Bibliotheksgeruchs.

Hab’ gute Bücher gefunden, atme jetzt das alles hier tief ein und beginne mit dem Hoppe-Roman. Selbstverständlich grinsend.

Philipp Winkler: Hool
Aufbau, 310 Seiten, 2016
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn der erhoffte Adrenalinkick ausbleibt.

Felicitias Hoppe: Pigafetta
Rowohlt, 156 Seiten, 1999
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn dir in einem Tretboot übel wird.

Dirk Kurbjuweit: Angst
Rowohlt, 252 Seiten, 2013
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn du im Fenster gegenüber ein Teleskop entdeckst.

J. M. Coetzee: Schande (Disgrace, 1999) X
aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, Fischer Taschenbuch, 285 Seiten, 2004 (4. Auflage)

Jami Attenberg: Die Middlesteins (The Middlesteins, 2012)
aus dem Englischen von Barbara Christ, Schöffling & Co., 262 Seiten, 2015
Das perfekte Buch für den Moment…
…wenn du heimlich deine eigene Party verlässt.

Jüdische Schicksale, Psychologie, moderne Unterhaltung, Männer – Literaturwelten | Foto: Lydia Herms

Jüdische Schicksale, Psychologie, moderne Unterhaltung, Männer – Literaturwelten | Foto: Lydia Herms

Spiegelung in der Schiller-Bibliothek, Berlin-Wedding | Foto: Lydia Herms

Spiegelung in der Schiller-Bibliothek, Berlin-Wedding | Foto: Lydia Herms

Bücher: VÖBB – Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins

··· = noch nicht gelesen
X = ungelesen zurückgegeben
= gelesen
= gelesen und im Radio empfohlen
= gelesen, aber nicht von mir

Standard
Helma, Literatur

Ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir geht. Ich kann dir aber sagen, was geht. Ich balanciere ein Vogelnest auf meinem Kopf. Den Schlüpfer, den ich trage, habe ich seit gestern Morgen nicht mehr ausgezogen. Ich war schon zweimal auf der Toilette, einmal klein, einmal groß, brauchst du noch mehr Details? Dieser Morgen ist einer von vielen. Meine Bewegungen, mit denen ich die Zeit dirigiere, sind nichts Weltbewegendes, sie sind helmatypisch: ruckartig, grobmotorisch, auslassend, einladend, krumm. Du kennst mich doch. Ich bin wie immer. Wirklich, wie immer. Schon dreimal habe ich heute meinen Kontostand abgerufen. Dabei ist noch nicht 12:00 Uhr, er kann sich seit gestern Mittag nicht verändert haben. Nicht einmal um einen Cent. Aber vielleicht ja doch. Vielleicht haben sie die Buchungsregeln genau heute geändert, oder verschoben, wegen eines Betriebsfests oder Updates, digital, könnte doch sein. Vielleicht haben sie endlich festgestellt, dass es moralisch nicht vertretbar ist, arme Vogelnestbalanciererinnen wie mich bis mittags warten und hoffen zu lassen, dass ab gleich alles gut wird. Dass sich jemand geirrt und mir schnell ein paar unterschlagene Honorare überwiesen hat. Na, das tut uns jetzt aber leid. Grippewelle, Sie verstehen das. Klar, kein Ding. Dankeschön. Gern geschehen. Morgen gehe ich endlich zum Frisör.

011

Zitat
Funk, Literatur

08.17 | Das perfekte Buch…

…für den Moment, wenn dich das Normale überfordert.

„Du bist seltsam.“

Johanna hört das nicht zum ersten Mal. Manchmal findet Boris sie sogar „sehr seltsam“. Oder „wirklich richtig seltsam“. Wenn er das sagt, zieht er seine Augenbrauen hoch und guckt typisch Boris: spöttisch und erstaunt. Irgendwie mögen das alle an ihm, wenn er so guckt, selbst die, die ihn für einen arroganten Arsch halten.

Boris kann das: gleichzeitig beliebt und unbeliebt sein, also, bei den selben Leuten. Auch bei Johanna. Aber bei ihr ist es mehr als das. Johanna ist in Boris verliebt. So richtig.

Leider weiß sie nicht, ob er es weiß.

Sie sind sich schon mehrmal ganz nah gewesen. Im Zelturlaub beispielsweise. Nase an Nase, stundenlang, aber es ist nichts passiert. Und Johanna hat keinen Schimmer, warum nicht. Okay, er hat’ne Freundin, Ana-Clara, aber die ist weit weg, in Portugal, und weil Boris so gut wie nie von ihr erzählt, hat Johanna sie einfach vergessen. Außerdem nervt Ana-Clara, findet Johanna. Bei ihrem letzten Besuch in Deutschland hat Ana-Clara fast nie ein Wort gesagt und immer so ausdruckslos geguckt. Johanna hat versucht sie zu mögen.

Klappte aber nicht.

Und jetzt stehen sie und Boris in einem Keller auf einer Party von jemandem, den sie nicht kennen. Sebastian heißt der, oder Alexander. Es ist voll und heiß, und an der Anlage wollen zu viele Leute ihre Musik spielen. Um sich unterhalten zu können, müssen Boris und Johanna die Köpfe zusammenstecken, ihre verschwitzten Wangen aneinanderlegen. Sie spürt seinen Atem an ihrem Ohr, wenn er spricht. Sie genießt das, obwohl das Thema jetzt nicht gerade aufbauend ist. Boris redet über Selbstmord. Er findet den Begriff scheiße, weil man doch nicht gleichzeitig Mörder und Mordopfer sein kann, sagt er. Und so ein selbstbestimmter Freitod sei doch im Grunde okay.

Plötzlich fragt er Johanna, was dagegen spricht, sich das Leben zu nehmen. Also, außer, dass man vielleicht Angst davor hat. Und dann macht er sein Augenbrauengesicht, weil Johanna sagt, dass sie einen guten Grund kennt, weiterleben zu wollen…

Das Licht und die Geräusche, sagt Johanna, für die lohnt es sich.

Und genau so nennt Jan Schomburg seinen ersten Roman: „Das Licht und die Geräusche“. Bisher hat Schomburg Drehbücher geschrieben, und Regie geführt, bei „Ein Mord mit Aussicht“ beispielsweise.

In „Das Licht und die Geräusche“ geht es nicht nur um Johannas heimliche Liebe zu Boris, sondern auch um die anderen in ihrer Klasse. Um Leo. Der will nach den Sommerferien plötzlich Didi genannt werden, obwohl ihm das erstmal keiner abkauft. Leo sei doch tausendmal besser als Didi, sagen alle. Leo sieht das anders. Diesen Namen hat er von seinen Eltern bekommen. Und die konnten unmöglich wissen, was er selbst mal geil finden würde. Und Didi findet er richtig geil, also heißt er jetzt so. Stichwort: Selbstbestimmung. Punkt.

Und da sind Timo und Marcel. Mit Timo will keiner was zu tun haben. Als läge ein Fluch auf ihm. Der steht da in seinem grünen Anorak auf dem Schulhof und weiß nicht wohin. Manchmal tut er Johanna leid. Sie weiß, wie scheiße es ist, alleine rumzustehen. Aber wenn sich Timo möglichst beiläufig zu einer Gruppe von MitschülerInnen gesellt, passiert immer das gleiche: der Kreis schließt sich langsam – und Timo aus. Und weil sich keiner für Timo interessiert, kriegt auch keiner mit, was da zwischen ihm und Marcel passiert. Das fliegt erst auf der Klassenfahrt nach Barcelona auf, also, die „Beziehung“ zwischen den beiden Jungs. Dass Timo alles macht, was Marcel anordnet. Auf dem Boden schlafen, nur auf’s Klo gehen oder reden, wenn Marcel ihm das erlaubt hat.

Sowas.

Johanna wüsste gern, wie das alles zusammenhängt, warum wer was macht, die Leute in ihrer Klasse, Boris, Ana-Clara, ihre Eltern, ihr Bruder Matthis. Selbst das Verhalten mancher Lehrer an ihrer Schule irritiert sie. Echt voll komisch dieses Erwachsenwerden. Manches lässt sich einfach nicht erklären…

So richtig unlogisch wird es, als Johanna Boris’ Vater im Supermarkt begegnet. Sie angelt gerade eine Packung Spinat aus dem Tiefkühlregal, als sie ihn durch die beschlagene Scheibe auf sich zukommen sieht. Er wirkt überrascht. Und dann sagt er, dass sie doch eigentlich mit Boris in Dänemark sein sollte, auf einer Fahrradtour. Und als sie zuhause ankommt, drückt ihr ihre Mutter einen Brief in die Hand, mit Boris’ Schrift drauf, aus Island. Boris schreibt, dass da kein Licht mehr sei, und auch keine Geräusche, und dass er ihr sein Klapprad vermacht.

Johanna weiß alles – und nichts. Das hier ist’n Abschiedsbrief.

Anhören:

…auf deutschlandfunknova.de
…in der ARD Mediathek
…über deinen Spotify-Account

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg, dtv, 255 S., gebundene Ausgabe: 20,00 EUR, eBook: 15,99 EUR, Hörbuch (ungekürzte Lesung mit Maria Schrader): 19,99 EUR, VÖ: März 2017

 

Standard
Helma, Literatur

„Und dann hab’ ich den Typen angeguckt, so mit zugekniepten Augen, und mit Nasenlöchern, groß wie mein Flachbildschirm, nur doppelt, echt, ich bepiss‘’ mich schon wieder fast. Jedenfalls hab’ ich mich dann so vor ihm hingestellt, als würde ich ihm gleich eine schallern, wollte ich ja nicht, hau’ doch keine Wurst, kennst mich doch, aber der sollte das schon’n bisschen glauben, weil Kuchen meets Krümel und so, also, dann hab’ ich zu dem gesagt, pass’ auf, ich hab’ gesagt, furztrocken, Wort für Wort, zum Mitschreiben: Noch so’n Ding, Augenring. Kannste das glauben? Den ollen Kindergartenspruch hab’ ich echt gebracht. Ich! Bei dem! Musste voll lachen. Kam gar nicht drauf klar. Noch. So’n. Ding. Augen. Ring. Ich schmeiß’ mich weg. Voll Neunziger, oder!? – Helma? Biste noch da?“ „Ja.“ „Ist doch schräg, oder? Sag’ mal was.“

„Tat es weh?“

010

Zitat
Helma, Literatur

Sie sitzt am Schreibtisch. Mit feinem Strich zeichnet sie zwei Spalten einer Tabelle auf das weiße Blatt Papier, sorgfältig und doch: ungehalten. In die linke Spalte schreibt sie: Seelenheil, Aufmerksamkeit, Liebe, Kuchengeruch. In die rechte: Ruhe, Stille, Freiheit, Kühle. Das Ü und das H von Kühle verschwimmen, als eine Träne einen Krater der Sorge mitten in das Wort legt. Helma zieht Rotz hoch. Die Taschentücherbox ist so leer wie ihr Gehirn. Toilettenpapier wird es auch tun, denkt sie und schlurft ins Bad. Im Flur hört sie, wie der Bleistift vom Schreibtisch rollt.

009

Zitat
Helma, Literatur

Sie wünscht sich eine Familie. Eine, die sagt: „Ist nicht so schlimm.“. Eine, die fragt: „Hast du Hunger?“. Eine, die schweigt, wenn alles brennt. Eine, die lacht, wenn nichts mehr geht. Eine, die festhält. Eine, die mitwächst. Eine, die Geschichten erzählt, wahre und ausgedachte. Eine, die niemals droht. Eine, die immer hofft. Eine, die lässt. Helma wünscht sich eine Familie. Als Kind. Irgendwann.

008

Zitat
Funk, Literatur

Vom Drinnen & Draußen.

Oscar-Verleihung 2016 – Brie Larson erhält den Oscar für das beste weibliche Hauptrollenspiel. Ich kenne sie nicht. Kinogänge gehören nicht zu meinen Leidenschaften, auch wenn ich die seltenen Besuche stets genieße, zuletzt in „Die Prüfung“ (Deutschland) und „Sture Böcke“ (Island); allein der Umstand, dass es sich bei „Room“ um eine Literaturverfilmung hält, lässt mich aufmerken.

Da. War. Doch. Was.

Ich wühle mich durch Tonnen Papier, bis ich verstaubt und triumphierend mit der Romanvorlage von Emma Donoghue aus dem Berg Bücher emporsteige. Ich erinnere mich an das bunte Cover, vier große Buchstaben: „RAUM“. Ich wollte es nach Erscheinen lesen, war aber nicht dazu gekommen.

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Ich lese. Und höre wieder auf. Ich bin schockiert. Lese weiter. Und bin begeistert. Scham flutet meine Brust. Warum bin ich von einer Geschichte begeistert, in der eine Mutter und ihr fünf Jahre alter Sohn in einem Schuppen mit schalldichten Wänden eingeschlossen sind? Die Scham versickert mit jeder Zeile, wohin, weiß ich nicht.

Vermutlich in jede Zelle.

Es geht nicht um das Eingesperrtsein, es geht um das Freisein. Emma Donoghue erzählt aus der Perspektive eines Kindes vom Drinnen und Draußen. Stark. Hoch tausend. Ja. Was ist Freiheit? Wer baut sie? Wer macht sie zugänglich? Für wen?

Das perfekte Buch für den Moment… bei DRadio Wissen, meine Buchvorstellung vom 13. März 2016…

„[…] Jeden Tag, außer samstags und sonntags, immer nach dem Mittagsschlaf, üben sie Geschrei. Dann klettern Jack und seine Mutter, die er nur Ma nennt, auf den Tisch, recken die Hälse Richtung Oberlicht und schreien, so laut und so lange sie können. Dabei halten sie sich an den Händen fest, damit sie nicht herunterfallen.

Dann legen sie die Finger an ihre Lippen – und lauschen.

Auch an Jacks fünftem Geburtstag üben sie Geschrei. Jack mag das; für ihn ist das ein Spiel. Wie vieles, was er und seine Ma machen: Wenn sie jeden Morgen gemeinsam baden. Wenn sie den Teppich beiseite rollen und ein Wettrennen veranstalten. Wenn sie den Fernseher stumm schalten, und den Sprechern wie Papageie Fantasiesätze in die Münder legen. Wenn sie alle Eierschalen, die beim Kochen und Backen übrig bleiben, zu einer meterlangen Schlange auffädeln. Wenn sie sich Lieder vorsingen, das Klopapier bemalen, oder Wörter erfinden, sogenannte Wörtersandwiches.

Jack fühlt sich wohl. Er hat es gut. Für ihn könnte alles so bleiben, wie es ist. Aber er merkt, dass seine Ma sich verändert, je älter er wird. Nicht nur, dass ihre Zähne immer mehr weh tun, und sie ziemlich oft Schmerztabletten nehmen muss, damit sie essen und schlafen kann, auch sonst sagt sie plötzlich Sätze, die Jack nicht hören will. Sie sagt, sie musste ihn früher belügen, weil er noch zu klein gewesen sei.

Und jetzt wäre es Zeit für die Wahrheit – für das „Entlügen“. […]“ (Auszug aus dem Beitrag für DRadio Wissen, s.o.)

Emma Donoghue: „Raum“, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Armin Gontermann, erschienen im Verlag Piper (2011), 410 Seiten, 19,99 EUR (geb.), 9,99 EUR (Tb.). „Raum“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt, 19,99 EUR (CD), 13,00 EUR (Download).

Der Roman erschien 2010 unter dem Titel „Room“ bei Little, Brown and Company. Die Verfilmung von Lenny Abrahamson kam gestern, am 17. März 2016 in die deutschen Kinos. Das Drehbuch schrieb die Autorin Emma Donoghue selbst.

Standard
Literatur, Menschen

Buchzik prangert an.

Ich kenne weder die Journalistin Dana Buchzik persönlich, noch ihre Erfahrungen, die sie im Literaturbetrieb gemacht hat. Dennoch empfehle ich euch, ihren Text auf taz.de zum Thema Sexismus und Diskriminierung zu lesen. Es ist (ihr) wichtig.

Mir auch.

„Nicht dass im Journalismus Sexismus kein Thema wäre: Bespritzt der Rennfahrer Lewis Hamilton eine Hostess mit Champagner, vertreibt ein großes Versandhandelsunternehmen „In Mathe bin ich Deko“-Shirts für Mädchen, ist das Geschrei groß. Im Literaturbetrieb aber ist die Welt natürlich eine andere, unbefleckte: Viele seiner Protagonisten sehen sich gern als besonders tolerant und progressiv.“ (Dana Buchzik, taz.de)

Die einzige, aber beständige Diskriminierung, der ich als freie Journalistin ausgesetzt bin, ist die, dass ich keine Mutter bin, und deswegen natürlich flexibel. So flexibel, dass einige meiner KollegInnen grundsätzlich davon ausgehen, dass ich mich ihren Rhythmen füge. Und eine Verabredung mit einem Freund ist nur halb so stark wie die Verpflichtung, dem Sohn neue Schuhe zu kaufen. Also sage ich meine Verabredung zugunsten der Eltern ab. Denn das Kind geht immer vor. In ihren Leben ganz bestimmt; in meinem nicht. Soviel zu meinen Wunden.

Das führt von Danas Anliegen weg.

„Dass männliche Chefs ihre weiblichen Mitarbeiter „Mäuschen“ nennen; dass Journalisten auf Pressereisen lautstark Wetten darüber abschließen, wer die jüngste Kollegin als Erster ins Bett kriegen wird; dass leitende Redakteure freien Mitarbeiterinnen schon beim Versuch einer Gehaltsverhandlung über den Mund fahren, da von Frauen ein weniger unverschämtes Auftreten gewünscht sei und/oder sie ohnehin nie eine feste Stelle erhalten würden: wie humorlos, so etwas zu dramatisieren!“ (Dana Buchzik, taz.de)

Ekelhafte Verleger, anzügliche Kollegenschweine und ähnlich Deprimierte haben es bei mir bislang nicht versucht. Oder ich es nicht bemerkt. Ich meide den Literaturbetrieb, so weit es geht. Keine Partys, keine Essen, wenige Presseveranstaltungen, allenfalls auf Buchmessen. Den Kaffee zahl‘ fast immer ich. Keine faulen Absprachen, keine unseriösen Versprechungen, keine Busfahrten. 

Vielleicht stecke ich nicht tief genug im Sumpf. Vielleicht bin ich nicht so gefährlich für die dummdreisten Menschen, die Dana Buchzik drohen. Immerhin: Ich bin eine Frau. Ich lese Bücher. Es sind sehr viele Bücher von Frauen. Nicht, weil ich muss, sondern weil sie gut sind. Die Frage nach der „Quote“ stellte sich mir nie. Ich entscheide in seltenen Fällen politisch, und wenn doch, dann spielt das Geschlecht keine Rolle. Und wenn (doch) doch, z.B. im Fall von Laurie Penny, dann stehe ich drauf.

Bin ich naiv?

Seit ich journalistisch arbeite, wird mir vorgehalten, ich könne mir Kritik am Literaturbetrieb nicht leisten. Auf den Weg gegeben wird mir der Ratschlag, ich müsse erst eine festangestellte Journalistin oder eine etablierte Autorin sein, um mir das herausnehmen zu können. Missstände aufzeigen zu dürfen sollte man sich aber nicht erst durch jahrelanges Schweigen verdienen müssen. Ich bin nicht zuletzt deswegen Journalistin geworden, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es Öffentlichkeit braucht, um etwas verändern zu können.“ (Dana Buchzik, taz.de)

Ja!

Dana Buchzik bloggt: sophiamandelbaum.de.

Und twittert.

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