Funk, Literatur

08.17 | Das perfekte Buch…

…für den Moment, wenn dich das Normale überfordert.

„Du bist seltsam.“

Johanna hört das nicht zum ersten Mal. Manchmal findet Boris sie sogar „sehr seltsam“. Oder „wirklich richtig seltsam“. Wenn er das sagt, zieht er seine Augenbrauen hoch und guckt typisch Boris: spöttisch und erstaunt. Irgendwie mögen das alle an ihm, wenn er so guckt, selbst die, die ihn für einen arroganten Arsch halten.

Boris kann das: gleichzeitig beliebt und unbeliebt sein, also, bei den selben Leuten. Auch bei Johanna. Aber bei ihr ist es mehr als das. Johanna ist in Boris verliebt. So richtig.

Leider weiß sie nicht, ob er es weiß.

Sie sind sich schon mehrmal ganz nah gewesen. Im Zelturlaub beispielsweise. Nase an Nase, stundenlang, aber es ist nichts passiert. Und Johanna hat keinen Schimmer, warum nicht. Okay, er hat’ne Freundin, Ana-Clara, aber die ist weit weg, in Portugal, und weil Boris so gut wie nie von ihr erzählt, hat Johanna sie einfach vergessen. Außerdem nervt Ana-Clara, findet Johanna. Bei ihrem letzten Besuch in Deutschland hat Ana-Clara fast nie ein Wort gesagt und immer so ausdruckslos geguckt. Johanna hat versucht sie zu mögen.

Klappte aber nicht.

Und jetzt stehen sie und Boris in einem Keller auf einer Party von jemandem, den sie nicht kennen. Sebastian heißt der, oder Alexander. Es ist voll und heiß, und an der Anlage wollen zu viele Leute ihre Musik spielen. Um sich unterhalten zu können, müssen Boris und Johanna die Köpfe zusammenstecken, ihre verschwitzten Wangen aneinanderlegen. Sie spürt seinen Atem an ihrem Ohr, wenn er spricht. Sie genießt das, obwohl das Thema jetzt nicht gerade aufbauend ist. Boris redet über Selbstmord. Er findet den Begriff scheiße, weil man doch nicht gleichzeitig Mörder und Mordopfer sein kann, sagt er. Und so ein selbstbestimmter Freitod sei doch im Grunde okay.

Plötzlich fragt er Johanna, was dagegen spricht, sich das Leben zu nehmen. Also, außer, dass man vielleicht Angst davor hat. Und dann macht er sein Augenbrauengesicht, weil Johanna sagt, dass sie einen guten Grund kennt, weiterleben zu wollen…

Das Licht und die Geräusche, sagt Johanna, für die lohnt es sich.

Und genau so nennt Jan Schomburg seinen ersten Roman: „Das Licht und die Geräusche“. Bisher hat Schomburg Drehbücher geschrieben, und Regie geführt, bei „Ein Mord mit Aussicht“ beispielsweise.

In „Das Licht und die Geräusche“ geht es nicht nur um Johannas heimliche Liebe zu Boris, sondern auch um die anderen in ihrer Klasse. Um Leo. Der will nach den Sommerferien plötzlich Didi genannt werden, obwohl ihm das erstmal keiner abkauft. Leo sei doch tausendmal besser als Didi, sagen alle. Leo sieht das anders. Diesen Namen hat er von seinen Eltern bekommen. Und die konnten unmöglich wissen, was er selbst mal geil finden würde. Und Didi findet er richtig geil, also heißt er jetzt so. Stichwort: Selbstbestimmung. Punkt.

Und da sind Timo und Marcel. Mit Timo will keiner was zu tun haben. Als läge ein Fluch auf ihm. Der steht da in seinem grünen Anorak auf dem Schulhof und weiß nicht wohin. Manchmal tut er Johanna leid. Sie weiß, wie scheiße es ist, alleine rumzustehen. Aber wenn sich Timo möglichst beiläufig zu einer Gruppe von MitschülerInnen gesellt, passiert immer das gleiche: der Kreis schließt sich langsam – und Timo aus. Und weil sich keiner für Timo interessiert, kriegt auch keiner mit, was da zwischen ihm und Marcel passiert. Das fliegt erst auf der Klassenfahrt nach Barcelona auf, also, die „Beziehung“ zwischen den beiden Jungs. Dass Timo alles macht, was Marcel anordnet. Auf dem Boden schlafen, nur auf’s Klo gehen oder reden, wenn Marcel ihm das erlaubt hat.

Sowas.

Johanna wüsste gern, wie das alles zusammenhängt, warum wer was macht, die Leute in ihrer Klasse, Boris, Ana-Clara, ihre Eltern, ihr Bruder Matthis. Selbst das Verhalten mancher Lehrer an ihrer Schule irritiert sie. Echt voll komisch dieses Erwachsenwerden. Manches lässt sich einfach nicht erklären…

So richtig unlogisch wird es, als Johanna Boris’ Vater im Supermarkt begegnet. Sie angelt gerade eine Packung Spinat aus dem Tiefkühlregal, als sie ihn durch die beschlagene Scheibe auf sich zukommen sieht. Er wirkt überrascht. Und dann sagt er, dass sie doch eigentlich mit Boris in Dänemark sein sollte, auf einer Fahrradtour. Und als sie zuhause ankommt, drückt ihr ihre Mutter einen Brief in die Hand, mit Boris’ Schrift drauf, aus Island. Boris schreibt, dass da kein Licht mehr sei, und auch keine Geräusche, und dass er ihr sein Klapprad vermacht.

Johanna weiß alles – und nichts. Das hier ist’n Abschiedsbrief.

Anhören:

…auf deutschlandfunknova.de
…in der ARD Mediathek
…über deinen Spotify-Account

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg, dtv, 255 S., gebundene Ausgabe: 20,00 EUR, eBook: 15,99 EUR, Hörbuch (ungekürzte Lesung mit Maria Schrader): 19,99 EUR, VÖ: März 2017

 

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Helma, Literatur

„Und dann hab’ ich den Typen angeguckt, so mit zugekniepten Augen, und mit Nasenlöchern, groß wie mein Flachbildschirm, nur doppelt, echt, ich bepiss‘’ mich schon wieder fast. Jedenfalls hab’ ich mich dann so vor ihm hingestellt, als würde ich ihm gleich eine schallern, wollte ich ja nicht, hau’ doch keine Wurst, kennst mich doch, aber der sollte das schon’n bisschen glauben, weil Kuchen meets Krümel und so, also, dann hab’ ich zu dem gesagt, pass’ auf, ich hab’ gesagt, furztrocken, Wort für Wort, zum Mitschreiben: Noch so’n Ding, Augenring. Kannste das glauben? Den ollen Kindergartenspruch hab’ ich echt gebracht. Ich! Bei dem! Musste voll lachen. Kam gar nicht drauf klar. Noch. So’n. Ding. Augen. Ring. Ich schmeiß’ mich weg. Voll Neunziger, oder!? – Helma? Biste noch da?“ „Ja.“ „Ist doch schräg, oder? Sag’ mal was.“

„Tat es weh?“

010

Zitat
Helma, Literatur

Sie sitzt am Schreibtisch. Mit feinem Strich zeichnet sie zwei Spalten einer Tabelle auf das weiße Blatt Papier, sorgfältig und doch: ungehalten. In die linke Spalte schreibt sie: Seelenheil, Aufmerksamkeit, Liebe, Kuchengeruch. In die rechte: Ruhe, Stille, Freiheit, Kühle. Das Ü und das H von Kühle verschwimmen, als eine Träne einen Krater der Sorge mitten in das Wort legt. Helma zieht Rotz hoch. Die Taschentücherbox ist so leer wie ihr Gehirn. Toilettenpapier wird es auch tun, denkt sie und schlurft ins Bad. Im Flur hört sie, wie der Bleistift vom Schreibtisch rollt.

009

Zitat
Helma, Literatur

Sie wünscht sich eine Familie. Eine, die sagt: „Ist nicht so schlimm.“. Eine, die fragt: „Hast du Hunger?“. Eine, die schweigt, wenn alles brennt. Eine, die lacht, wenn nichts mehr geht. Eine, die festhält. Eine, die mitwächst. Eine, die Geschichten erzählt, wahre und ausgedachte. Eine, die niemals droht. Eine, die immer hofft. Eine, die lässt. Helma wünscht sich eine Familie. Als Kind. Irgendwann.

008

Zitat
Funk, Literatur

Vom Drinnen & Draußen.

Oscar-Verleihung 2016 – Brie Larson erhält den Oscar für das beste weibliche Hauptrollenspiel. Ich kenne sie nicht. Kinogänge gehören nicht zu meinen Leidenschaften, auch wenn ich die seltenen Besuche stets genieße, zuletzt in „Die Prüfung“ (Deutschland) und „Sture Böcke“ (Island); allein der Umstand, dass es sich bei „Room“ um eine Literaturverfilmung hält, lässt mich aufmerken.

Da. War. Doch. Was.

Ich wühle mich durch Tonnen Papier, bis ich verstaubt und triumphierend mit der Romanvorlage von Emma Donoghue aus dem Berg Bücher emporsteige. Ich erinnere mich an das bunte Cover, vier große Buchstaben: „RAUM“. Ich wollte es nach Erscheinen lesen, war aber nicht dazu gekommen.

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Emma Donoghue: „Raum“, Piper, 2011

Ich lese. Und höre wieder auf. Ich bin schockiert. Lese weiter. Und bin begeistert. Scham flutet meine Brust. Warum bin ich von einer Geschichte begeistert, in der eine Mutter und ihr fünf Jahre alter Sohn in einem Schuppen mit schalldichten Wänden eingeschlossen sind? Die Scham versickert mit jeder Zeile, wohin, weiß ich nicht.

Vermutlich in jede Zelle.

Es geht nicht um das Eingesperrtsein, es geht um das Freisein. Emma Donoghue erzählt aus der Perspektive eines Kindes vom Drinnen und Draußen. Stark. Hoch tausend. Ja. Was ist Freiheit? Wer baut sie? Wer macht sie zugänglich? Für wen?

Das perfekte Buch für den Moment… bei DRadio Wissen, meine Buchvorstellung vom 13. März 2016…

„[…] Jeden Tag, außer samstags und sonntags, immer nach dem Mittagsschlaf, üben sie Geschrei. Dann klettern Jack und seine Mutter, die er nur Ma nennt, auf den Tisch, recken die Hälse Richtung Oberlicht und schreien, so laut und so lange sie können. Dabei halten sie sich an den Händen fest, damit sie nicht herunterfallen.

Dann legen sie die Finger an ihre Lippen – und lauschen.

Auch an Jacks fünftem Geburtstag üben sie Geschrei. Jack mag das; für ihn ist das ein Spiel. Wie vieles, was er und seine Ma machen: Wenn sie jeden Morgen gemeinsam baden. Wenn sie den Teppich beiseite rollen und ein Wettrennen veranstalten. Wenn sie den Fernseher stumm schalten, und den Sprechern wie Papageie Fantasiesätze in die Münder legen. Wenn sie alle Eierschalen, die beim Kochen und Backen übrig bleiben, zu einer meterlangen Schlange auffädeln. Wenn sie sich Lieder vorsingen, das Klopapier bemalen, oder Wörter erfinden, sogenannte Wörtersandwiches.

Jack fühlt sich wohl. Er hat es gut. Für ihn könnte alles so bleiben, wie es ist. Aber er merkt, dass seine Ma sich verändert, je älter er wird. Nicht nur, dass ihre Zähne immer mehr weh tun, und sie ziemlich oft Schmerztabletten nehmen muss, damit sie essen und schlafen kann, auch sonst sagt sie plötzlich Sätze, die Jack nicht hören will. Sie sagt, sie musste ihn früher belügen, weil er noch zu klein gewesen sei.

Und jetzt wäre es Zeit für die Wahrheit – für das „Entlügen“. […]“ (Auszug aus dem Beitrag für DRadio Wissen, s.o.)

Emma Donoghue: „Raum“, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Armin Gontermann, erschienen im Verlag Piper (2011), 410 Seiten, 19,99 EUR (geb.), 9,99 EUR (Tb.). „Raum“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt, 19,99 EUR (CD), 13,00 EUR (Download).

Der Roman erschien 2010 unter dem Titel „Room“ bei Little, Brown and Company. Die Verfilmung von Lenny Abrahamson kam gestern, am 17. März 2016 in die deutschen Kinos. Das Drehbuch schrieb die Autorin Emma Donoghue selbst.

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Literatur, Menschen

Buchzik prangert an.

Ich kenne weder die Journalistin Dana Buchzik persönlich, noch all ihre Erfahrungen, die sie im Literaturbetrieb gemacht hat. Dennoch empfehle ich euch, ihren Text auf taz.de zum Thema Sexismus und Diskriminierung zu lesen. Es ist ihr wichtig.

Mir auch.

„Nicht dass im Journalismus Sexismus kein Thema wäre: Bespritzt der Rennfahrer Lewis Hamilton eine Hostess mit Champagner, vertreibt ein großes Versandhandelsunternehmen „In Mathe bin ich Deko“-Shirts für Mädchen, ist das Geschrei groß. Im Literaturbetrieb aber ist die Welt natürlich eine andere, unbefleckte: Viele seiner Protagonisten sehen sich gern als besonders tolerant und progressiv.“ (Dana Buchzik, taz.de)

Die einzige, aber beständige Diskriminierung, der ich als freie Journalistin ausgesetzt bin, ist die, dass ich keine Mutter bin, und deswegen natürlich flexibel. So flexibel, dass einige meiner KollegInnen grundsätzlich davon ausgehen, dass ich mich ihren Rhythmen füge. Und eine Verabredung mit einem Freund ist nur halb so stark wie die Verpflichtung, dem Sohn neue Schuhe zu kaufen. Also sage ich meine Verabredung zugunsten der Eltern ab. Denn das Kind geht immer vor. In ihren Leben ganz bestimmt; in meinem nicht. Soviel zu meinen Wunden. Das führt von Danas Anliegen aber weg.

Zurück zu dem.

„Dass männliche Chefs ihre weiblichen Mitarbeiter „Mäuschen“ nennen; dass Journalisten auf Pressereisen lautstark Wetten darüber abschließen, wer die jüngste Kollegin als Erster ins Bett kriegen wird; dass leitende Redakteure freien Mitarbeiterinnen schon beim Versuch einer Gehaltsverhandlung über den Mund fahren, da von Frauen ein weniger unverschämtes Auftreten gewünscht sei und/oder sie ohnehin nie eine feste Stelle erhalten würden: wie humorlos, so etwas zu dramatisieren!“ (Dana Buchzik, taz.de)

Ekelhafte Verleger, anzügliche Kollegenschweine und ähnlich Deprimierte haben es bei mir bislang nicht versucht. Oder ich es nicht bemerkt. Ich meide den Literaturbetrieb, so weit es geht. Keine Partys, keine Essen, wenige Presseveranstaltungen, allenfalls auf Buchmessen. Den Kaffee zahl‘ fast immer ich. Keine faulen Absprachen und keine unseriösen Versprechungen. Dennoch bin ich zu AutorInnen und VerlagsvertreterInnen immer aufrichtig, und bei Anfragen für meine Sendungen und Beiträge verbindlich. Ein Interview platzt sehr selten wegen mir.

Vielleicht stecke ich nicht tief genug im Sumpf. Vielleicht bin ich nicht so gefährlich für die dummen Menschen, die Dana Buchzik drohen. Immerhin: Ich bin eine Frau. Ich lese Bücher. Es sind sehr viele Bücher von Frauen. Nicht, weil ich muss, sondern weil sie gut sind. Die Frage nach der „Quote“ stellte sich mir nie. Ich entscheide in seltenen Fällen politisch, und wenn doch, dann spielt das Geschlecht keine Rolle. Und wenn (doch) doch, z.B. im Fall von Laurie Penny, dann stehe ich drauf.

Bin ich naiv?

Seit ich journalistisch arbeite, wird mir vorgehalten, ich könne mir Kritik am Literaturbetrieb nicht leisten. Auf den Weg gegeben wird mir der Ratschlag, ich müsse erst eine festangestellte Journalistin oder eine etablierte Autorin sein, um mir das herausnehmen zu können. Missstände aufzeigen zu dürfen sollte man sich aber nicht erst durch jahrelanges Schweigen verdienen müssen. Ich bin nicht zuletzt deswegen Journalistin geworden, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es Öffentlichkeit braucht, um etwas verändern zu können.“ (Dana Buchzik, taz.de)

Ja!

Dana Buchzik wünsche ich viel Rückenwind.

Sie bloggt: sophiamandelbaum.de. Und twittert.

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#FBex, Fundstück, Literatur

Literaturtelefon? #FBex

07. Nov. 2012

Literaturtelefon? Ich bin angetan. Gleich mal anrufen…

[…] Mitte der 70er Jahre stieß der Kieler Literatur-Student Michael Augustin in London auf eine Zeitungsanzeige: „Dial a poem – Ruf ein Gedicht an!“ Diese Idee begeisterte den jungen Autor so sehr, dass er nach seiner Rückkehr gemeinsam mit dem damaligen Kulturdezernenten Dieter Opper ein ähnliches Projekt, das Kieler Literaturtelefon, das erste in Deutschland, ins Leben rief. […]

[…] Die Kieler Autoren und Literatur-Event-Veranstalter Björn Högsdal und Patrick Kruse, die unter dem Label assembleART.com firmieren und die unter anderem das Format Poetry Slam in Kiel und darüber hinaus etabliert haben, sowie der Kieler Journalist, Autor und Literatur-Blogger Jörg Meyer treten als Triumvirat an. Sie wollen das Literaturtelefon in eine neue multimediale und global vernetzte Zukunft führen. über die Möglichkeiten des Internet wollen die drei vor allem junge Hörerschaften für das gesprochene Wort gewinnen, jene, die über die zwei Kupferdrähte der Telekom nicht nur telefonieren, sondern sich weltweit ins Netz klicken. Dabei sollen diejenigen, die sich nach wie vor über Dichtung am Telefon freuen, nicht vergessen werden. Seit April 2007 ist das Kieler Literaturtelefon also wie gewohnt unter der Rufnummer 0431/901-8888 (neue Rufnummer seit 1.10.2014) und zusätzlich im Internet unter www.literaturtelefon-online.de erreichbar – allerdings wechseln die Beiträge nicht mehr im wöchentlichen, sondern 14-tägigen Rhythmus. […]

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#FBex, Fundstück, Literatur

ilb 2012, (m)ein Text. #FBex

06. Sept. 2012

NACHTRAG: Ich habe mich erstmals im Netztexten für den rbb versucht – anlässlich des ILB 2012. Ungewohnte Länge, strenge Abnahme, geliebtes Format. TEXT.

Der Link zum Text auf rbb-online.de ist inzwischen nicht mehr aktiv, deshalb hier mein Text im Blog:

EUROPE NOW – Internationales Literaturfestival Berlin 2012

ein Text von Lydia Herms | 30. Aug. 2012

Das ILB 2012 ist nicht einfach nur ein Fest für Autoren, die gut vorlesen, und Leser, die gut zuhören – es ist ein Treffen der großen und kleinen Literaten aus aller Welt, ein Event, bei dem es um Kunst, Politik und andere Leidenschaften geht. Und natürlich um’s Erzählen. Am 04. Sept. ist es endlich wieder soweit.

Zuerst die Zahlen: An 12 Tagen werden 186 Autoren aus 56 Ländern während 126 Veranstaltungen sich und ihre Bücher dem Berliner Publikum vorstellen. Jetzt die Idee: „Europe Now“ ist das Kernthema, der Fokus, auf den sich alles konzentriert, der als „literarischer Rettungsschirm“ verstanden werden darf. Was ist Europa, was passiert in Europa und wie sehen Literaten und Künstler auf anderen Kontinenten dieses Europa? Klingt politisch; das ist gewollt.

„Wir sind ein politisches Festival. Jeder Besucher entscheidet für sich, wie politisch.“ (Ulrich Schreiber, ILB, Festivalleiter)

Bereicherungen

Eine Benefizveranstaltung für die in Russland verurteilten und inhaftierten Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot (08.09.2012, 19:30 Uhr) machen das Literaturfestival ebenso politisch, wie das Gespräch zwischen dem US-amerikanischen Soziologen Richard Sennet und dem deutschen Philosophen Richard David Precht darüber, „was unsere Gesellschaft zusammenhält“ (11.09.2012, 21:00 Uhr).

„Europe Now heisst: zu verstehen, dass es in Europa immer mindestens 27 verschiedene Standpunkte gibt – und alle gleich ernst zu nehmen und als Bereicherung zu empfinden. Europa ist ein Prozess, eine Erfahrung. Und die wird immer reicher und immer wichtiger.“ (Thomas Böhm, ILB, Programmleiter)

Grenzüberschreitungen

Reich an Erfahrung sind sie, die Macher des ILB. Für Festivalleiter Ulrich Schreiber ist es das 12., für Programmleiter Thomas Böhm das erste. In Köln arbeitete der jahrelang für das ansässige Literaturhaus. Gemeinsam mit dem Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, mit dem Leiter des Kinder- und Jugendprogramms, Christoph Peter und einem fachkundigen Team, entstand ein Programm, das vor allem die bislang unerhörten Geschichten hörbar machen, die gewachsenen Grenzen zwischen Religionen, Kulturen und Wahrnehmungen verständlich und überwindbar machen sollen.

„Festivals, und ein Festival wie das Internationale Literaturfestival insbesondere, sind sehr gute Möglichkeiten solche Grenzüberschreitungen zu verstehen und zu erfahren. Vielleicht gibt es, im gelungenen Fall, keine Grenzen?“ (Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele)

Hochkarätiger Start

Am 4. Sept. um 18:00 Uhr wird das Internationale Literaturfestival Berlin 2012 offiziell mit einer Rede des chinesischen Dichters und Dissidenten Liao Yiwu zum Thema „Geschichte – Exil – Kunst“ im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. Liao Yiwu gelang erstmals 2010 und mit Hilfe des ILB die Ausreise nach Deutschland, zu einer Lesung in Berlin. Der Chinese widmet seine Rede dem 17. Gyalwa Karmapa, dem dritthöchsten Würdenträger des buddhistischen Lamaismus nach dem Dalai Lama und dem Panchem Lama.

Gleich im Anschluss liest Regie-Koryphäe Robert Wilson aus seiner Oper „Einstein On The Beach“, die in Zusammenarbeit mit Philipp Glass entstand, und erstmals 1976 in Avignon aufgeführt worden war. In Berlin war „Einstein On The Beach“ zuletzt 2005 zu erleben, im Januar 2013 wird das ungewöhnliche Stück in Amsterdam aufgeführt. Die Frage, wie Wilson aus einer Minimal-Pop-Oper – geschrieben für Geige, Chor, Synthesizer und Blasinstrumente – rezitieren wird, macht gewaltig neugierig.

Weitere Publikumsmagneten während des Festivals sind Nobelpreisträgerin Hertha Müller (06.09., 19:30 Uhr), die erstmals ihre dritte Sammlung von Gedichtcollagen unter der Überschrift „Vater telefoniert mit den Fliegen“ präsentiert; John Green, der aus seinem neuen, weltweit viel gelobten und sehr verstörenden Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ vorlesen wird (11.09., 9:00 und 19:30 Uhr); außerdem Georg Seeßlen mit Markus Metz (05.09., 19:00 Uhr), David Mitchell (10.09., 21:00 Uhr) und Zeruya Shalev (14.09., 21:00 Uhr).

Jemand Unbekanntes

Solange es noch etwas zu entdecken gibt, kann keine Langeweile aufkommen. Dies gilt auch für das Internationale Literaturfestival Berlin. Unbedingt empfehlenswert: Abdol Khal. Seinen ersten Roman schrieb er mit 17 Jahren. Heute, 43 Jahre später, kann er stolz auf mehrere Romane, Erzählbände und die Auszeichnung mit dem International Prize for Arabic Fiction für seinen Roman „Tarmi bi Sharar“ (2007; übersetzt: „Funken sprühen so groß wie Schlösser“) blicken. Und das, obwohl einige seiner Bücher in Saudi-Arabien wegen „unmoralischer Themen“ verboten sind. Bislang erschien keines seiner Bücher auf Deutsch. Vielleicht wird sich das ändern, wenn er hierzulande „Spewing Sparks As Big As Castles“ vorgestellt hat, die Geschichte eines Auftragsmörders in Diensten eines mysteriösen und sadistischen Palastbesitzers, der sich an den gefilmten Aufnahmen der gequälten Besucher seines Hauses erfreut. (12.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Eigentlich ist Ma Thida aus Myanmar (ehemals Burma bzw. Birma) Chirurgin, doch ihre große Leidenschaft neben der Medizin ist das Schreiben. Ihr sowohl medizinisches, als auch schriftstellerisches Engagement für die Demokratiebewegung in ihrer Heimat führten 1993 zur Festnahme, Verurteilung und Inhaftierung. Seit ihrer Freilassung im Jahr 1999 reist sie um die Welt, nimmt an Schriftstellerprogrammen, Podiumsdiskussionen und Literaturfestivals teil. Während des ILB stellt sie ihren aktuellen Roman „The Roadmap“ vor, für den sie 2011 mit dem Norwegischen „Freedom of Speech Award“ geehrt wurde. Das Buch beschreibt die Veränderungen in Myanmar anhand einer Familiengeschichte über zwei Jahrzehnte hinweg. (15.09., 15:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Es ist ein Thriller, eine Liebesgeschichte und eine politische Satire, die Antonio Ungar in seinem Roman „Drei weiße Särge“ erzählt. Der Kolumbianer zählt zu den aufregendsten Autoren zeitgenössischer Literatur seines Landes. Ungar hat europäische Wurzeln. Seine jüdischen Großeltern stammen aus Wien in Österreich. Als Journalist schreibt er für internationale Magazine. Seine erste schriftstellerische Publikation hatte er bereits im Jahr 1999. (14.09., 19:30 Uhr, Instituto Cervantes)

Schmerztherapie

Manchmal muss es weh tun, damit etwas gespürt wird. Und manchmal muss es fiktiv sein, damit es geglaubt wird. Das Internationale Literaturfestival Berlin sieht sich auch als Festival des Widerstands und Kampfes. Die Scheuklappen werden abgelegt. Amir Hassan Cheheltan beschreibt das nackte Grauen. In seinem Roman „Teheran, Stadt ohne Himmel“ lässt er den Direktor eines Foltergefängnisses für politisch Gefangene mal Mensch, mal Monster sein. Dieses Werk erschien bisher nur in Deutschland unzensiert. (06.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Auch Raj Kamal Jhas Roman „Die durchs Feuer gehen“ lässt den Mund trocken werden, die Nasenflügel beben und das Herz schneller schlagen. Ist es wirklich so gewesen? Geburt und Tod liegen im Buch des Inders eng beieinander. Während Mr. Jay auf die Geburt seines Kindes wartet, versinkt die indische Stadt Ahmedabad in einem religiösen Krieg, an dessen Ende der Feuertod Tausender Muslime und Hindus steht. „Die durchs Feuer gehen“ ist Kamal Jhas dritter Roman. Der Schriftsteller und Journalist ist derzeit Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. (07.09., 19:30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Liebesgeschichten

Neben den politischen und umstrittenen Themen, offenbart das Literaturfestival auch Raum für die ganz großen Angelegenheiten des Lebens wie Leidenschaft und Liebe. Damit hat es auch bei Marie Pohl angefangen. So eine Liebe brachte sie nach Kuba. Die Liebe zerbrach. Doch Marie blieb mutig. Sie folgte einem kubanischen Rasta in dessen Wellblechhütte, wischte geheimnisvolles Blut von Badezimmerkacheln in Irland und aß die unreifen Früchte aus einem Opfergabenkorb auf Bali. Sie tat dies nicht aus purem Leichtsinn, sondern in der Hoffnung, endlich einen echten Geist zu Gesicht zu bekommen. „Geisterreise“ heißt Maries ungewöhnlicher und leidenschaftlicher Reisebericht. (12.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Mit viel Leidenschaft beschreibt auch Priya Basil die unmögliche Liebe zwischen Lina und Anil. Lina widersetzt sich dem Willen ihres Vaters, einem streng gläubigen Moslem, und folgt ihrer Liebe nach Afrika. Doch dort wird es nur noch komplizierter. Während des ILB wird Priya Basil nicht nur ihren Roman „Die Logik des Herzens“ vorstellen, sie fungiert auch als Moderatorin. (16.09., 11:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

A wie Anfänger

Ein Debüt ist immer etwas Besonderes. Es ist eine neue Geschichte mit neuer Stimme und Seele. Manche Debüts platzieren sich ruhig und unauffällig in den Herzen der Leser und Kritiker, andere schlagen ein wie Meteoriten, hinterlassen Krater und wüste Hoffnungen. Auf dem ILB sind beide Erscheinungsformen erlebbar. Das Treffen junger Autoren, kurz „tja“ dient den Berliner Festspielen seit 25 Jahren als Suchmaschine für den literarischen Nachwuchs. In Workshops arbeiten die Teilnehmer des tja an ihren Texten, tauschen sich in offener Atmosphäre mit Schreibprofis aus und präsentieren ihre Texte dem interessierten Publikum. Diesmal dabei: Khesrau Behroz, Clara Ehrenwerth, Stefan Hochgesand, Jule Sonnentag und Lena Stange. (07.09., 19:00 Uhr, Institut Français)

Was haben ein ungeklärter Mord im Jahr 2008 und ein Autowrack, das seit 75 Jahren auf dem Grund des Lago Maggiore liegt, miteinander zu tun? Der Leser taucht ab, „Bugatti taucht auf“, so der Titel des Romandebüts von Dea Loher. Sie schrieb bereits mehrere, teils prämierte Theaterstücke und einen Erzählband. Sie lebt in Berlin. (12.09., 19:00 Uhr, Institut Français)

Ist es gut für ein Debüt, wenn sich die Kritiker weltweit nicht einig darüber sind, ob sie es zum Meisterwerk erklären oder als literarische Blamage abtun sollen? Chad Harbach muss das nicht stören, sein Roman ist anders als die anderen Romane – und erfolgreich. „Die Kunst des Feldspiels“ erzählt vom Können und vom Versagen. Jonathan Franzen ist begeistert, „Debütromane von solcher Vollkommenheit und Sogkraft sind sehr, sehr selten.“. (13.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Kunstzonen

Literatur kann viel. Manche würden sogar so weit gehen und behaupten, Literatur sei Kunst. Ob das so ist und wie es dann ist, wenn es so ist, entscheidet allein der Betrachter für sich. Und natürlich ist es Kunst, wenn Gerhard Falkner, inspiriert durch den Pergamon-Altar auf der Berliner Museumsinsel, „Pergamon Poems“ schreibt und diese dann von Constantin Lieb und Felix von Boehm mit Schauspielern der Berliner Schaubühne verfilmt werden. Oder nicht? „Götterkino“ heißt das Ergebnis. (04.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Einen ganzen Tag lang widmet sich das ILB der bebilderten Erzählung, am sogenannten „Graphic Novel Day“ – zu Gast sind die Autoren, Illustratoren und Künstler Anna Sailamaa, Igort, Veronica Solomon, u.a.. (08.09., 10:00 bis 18:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Kunst und Religion, das ist eine komplizierte Angelegenheit, wie erst kürzlich und nicht zuletzt der Prozess gegen Mitglieder der russischen Punk-Band Pussy Riot verdeutlichte. Kein Grund, es nicht wieder zu wagen. Valère Novarina und Leopold von Verschuer lesen und besprechen 311 Definitionen Gottes – und versuchen sich dabei an der Unbegreiflichkeit des Herrn. (09.09., 21:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Rabauken-Reime und Orangentage

27 Autoren und Illustratoren präsentiert das diesjährige Kinder- und Jugendprogramm des Internationalen Literaturfestivals Berlin, so viele wie nie zuvor. Sie kommen aus Neuseeland, Polen, Schweden und Simbabwe. Ihre Arbeiten sind komisch, traurig, auch provokant. Manche sind berühmt wie Janne Teller aus Dänemark, andere unbekannt wie Maria Papayanni aus Griechenland. Finn-Ole Heinrich kennt man schon, der kann ganz viel. Er kann Erzählungen und Romane für Erwachsene schreiben, Lieder texten, Hörbücher produzieren, Gedichte dichten – und Geschichten für Kinder erzählen. Sein viel gelobtes Kinderbuch „Frerk, du Zwerg!“ hat er für ein gleichnamiges Bühnenstück umgeschrieben, das während des ILB Premiere feiert. Es gibt Musik, Puppen und ein Geheimnis. (03.09., 10:45 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

2012 gewann das von Andrea Steffen bezaubernd illustrierte Buch „Rabauken-Reime“ von Gerald Jatzek den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, wurde zum schönsten Kinderbuch Österreichs gewählt und wird außerdem von der Stiftung Lesen
empfohlen. Auf dem ILB gibt Jatzek eine Kostprobe seiner wilden Reimerei. Freuen Sie sich in jedem Fall auf den „Schokolöwen“. (07.09., 18:00 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)
Der 14 Jahre alte Darek hat es nicht leicht. Seine Mutter ist tot, seine Schwester behindert und sein Vater betrunken. Als Darek Hanka kennenlernt, schöpft er Hoffnung. Hanka riecht nach Orangen. Jetzt könnte alles für immer gut werden. Doch, so einfach ist das Leben selten. „Orangentage“ von der tschechisch-deutschen Autorin Iva Procházková wurde mit dem Kinderbuchpreis LUCHS 2012 ausgezeichnet. (14.09., 12:30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele)

Das vollständige Programm des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2012, das Programm der Internationalen Kinder- und Jugendliteratur, sowie alle Autoren- und Künstlerbiografien finden Sie auf http://www.literaturfestival.de.

 

 

 

 

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#FBex, Fundstück, Literatur

Die sei wie sie sei, basta. #FBex

15. Aug. 2012

15 Jahre radioeins – JUCHUH! Und die berliner-zeitung.de berichtet u.a. dass ich vor 15 Jahren im Zerbster Schlosspark herumlungerte. Wohl wahr!

Fast erwachsen – Von Ulrike Simon

„[…] An den Bekanntheitsgrad der von 4U gekommenen ehemaligen Krankengymnastin Anja Caspary und des auch als Kolumnist der Berliner Zeitung geschätzten Jörg Thadeusz kommt Lydia Herms noch nicht heran. Dafür ist sie viel zu kurz bei Radio eins. Als der Sender vor 15 Jahren startete, dürfte die gebürtige Magdeburgerin mit ihren damals 16 Jahren gerade im Schlosspark in Zerbst oder abends im Jugendklub herumgelungert haben. Inzwischen moderiert sie sonntags mit Frank Meyer die „Literaturagenten“. Das Buch, das sie am meisten geprägt hat, war Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“. Als sie ihre Interpretation in der 11. Klasse vortrug, habe ihr Lehrer eigens für sie die Unterrichtsstunde verlängert, erzählt Herms. Mit Literatur Hörer zu begeistern, lag ihr offensichtlich früh. Nach ihrem Architekturstudium in Dessau, wo Radio eins zumindest in ihrer WG und auf der Autobahn zu empfangen war, arbeitete sie bei MDR Sputnik, später beim Kindersender Figarino. Kritik an ihrer jungen Stimme begegnet sie selbstbewusst. Die sei wie sie sei, basta. […]“

NACHTRAG:

Endlich Seite 26 – berliner-zeitung.de vom 15. August 2012. Katze hockt schon drauf.

© Lydia Herms | Aug. 2012, Berliner Zeitung

© Lydia Herms | Aug. 2012, Berliner Zeitung

Franziska Jentzen die beste stimme im radio- wirklich, du bist meine lieblingsstimme. :))))

Grit Siwonia woooohoooooo!!!!

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