007

Nicht, dass ich getrunken hätte, aber ich schlief so schlecht, dass ich mich frage, warum ich nicht einfach durchgemacht habe. Dann ginge es mir besser. ‚Schlecht geschlafen‘ trifft es nicht genau, gebe ich zu. Die Nacht war sehr bereichernd. Immerhin weiß ich jetzt, warum er geht, und ich bleibe. Ich kenne die Gründe für den Verlust. Ich weiß, wer mir Böses wünscht, wann wer mit wem in einem Garten sitzt und über mich lacht. Ich weiß nun ganz viel – tatsächlich aber nichts. Hirngespinste, Wahnvorstellungen, Albträume. Könnte ich einfach zur freundlichen Hausärztin gehen und sie bitten, mir etwas zu geben, damit das aufhört? Vielleicht etwas zum Trinken, wie Tropfen, die man abzählt und verdünnt. Und dann verschlingt. Und wartet. Bis alles verklingt.

006

Auf dem Bett gegenüber dem großen Kleiderschrank liegt das Tier, fest zusammengerollt, leise seufzend, das schwarze Fell wie Lack. Ich stehe eine Weile im Türrahmen und zögere den Moment hinaus, in dem ich mich an das schlafende Tier anschleichen und es mit der Stirn berühren, und dieses verwirrt gurrend und blinzelnd aufschrecken würde. Die Zeit hört auf zu atmen. Ich schleiche. Helma schleicht. Der kleine Körper bebt. Das Licht ist braun und gelb. Und weiß. Quietschende Reifen auf der Straße vor dem Haus zerreißen jäh die Schlafzimmerstille und verhindern das oft ausgeübte Ritual. Das Tier ist wach.

005

„Sie hasst Menschen.“ – Toni senkt den Arm und hebt den Blick. Es ist nicht angekommen. „Was?“, fragt sie den jungen Mann neben ihr. Der tut gleichgültig, schraubt die Lippen zusammen, atmet hörbar durch die Nase ein und wiederholt sich: „Sie hasst Menschen.“. „Wer hasst Menschen?“, „Das Mädchen, das Sie suchen“. Toni schluckt, lässt ihre Brauen tanzen. Helma, er kann nur sie meinen! Doch: Helma gibt es nicht.

004

Ich bin ein Wohnungsautist. Meine Wohnung bin ich. Wer in meine Wohnung geht, ist in mir. Wer Sand in meine Wohnung schleppt, oder Kieselsteinchen, Stinkeluft, Winterkälte, Blumenduft, der beschmutzt, vergiftet, schmückt mich, kühlt mich aus. Wenn ich Zeit habe, die Wohnung für den Besuch vorzubereiten, kann ich nicht nur sie, sondern auch mich reinigen. Dann ist es gut. Dann kann ich damit umgehen. „Helma, bist du da?“ Ja. Alles liegt am richtigen Fleck, hat seine Farbe, seine Ordnung, wartet darauf, gesehen und berührt zu werden. Und ich empfinde Stolz. „Helma, bei Dir ist es schön, ganz anders.“ Es ist erträglich so. Normal ist es nicht.

003

„Helma, möchtest du ein Tampon haben?“ brüllte sie aus dem Bad in meine Richtung. Ich saß in ihrem Zimmer, auf dem Bildschirm des Fernsehers tanzten Menschen. Ich sah kaum hin. Ich saß nur rum und grinste. „Nein, danke, ich hab‘ nicht meine Tage!“ brüllte ich zurück. Dann war es kurz still, ich konnte ihre Schlappentritte im Flur hören. „Möchtest du trotzdem einen?“, ihr Kopf tauchte in der Tür auf. Wir prusteten los, dabei klappte sie mit Kopf und Oberkörper nach hinten, während ich mich nach vorn krümmte. Wir hatten oft so gelacht, Toni und ich. Unsere WG bestand aus drei Zimmern. Eins für Toni, zwei für mich. Ich hatte zwar weniger Geld, dafür aber mehr Möbel und eine Katze. Betörender Schwachsinn veranlasste uns dazu, die Zimmer so aufzuteilen, dass ihres zwischen meinen lag. Sie hörte mich, wenn ich im Schlafzimmer mit Peter keuchte, und auch, wenn ich im Wohnzimmer mit Jacques Brel weinte. Und ich hörte sie. Irgendwann war es zuviel. Ich ging. Und ich vermisse. Sie war bei mir, ohne dass ich sagen musste: „Bleib bei mir.“. Ich war da, ohne dass sie sich fragen musste: „Ist sie da?“. Hier ist es ganz still.